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Iran: Das Regime lebt vom Hass auf Amerika

Für das iranische Regime ist der Hass auf die USA unverzichtbar. (imago images/ZUMA Press)
Für das iranische Regime ist der Hass auf die USA unverzichtbar. (imago images/ZUMA Press)

In den drei Jahren, in denen er im Iran gefangen gehalten wurde, hat ein Amerikaner viel über die grundlegende Ideologie des Regimes gelernt.

Wang Xiyue, Foreign Affairs

Im August 2016, kurz nachdem ich vom iranischen Geheimdienstministerium verhaftet worden war, fragte mich einer meiner Vernehmungsbeamten, was ich von dem Antagonismus zwischen dem Iran und den Vereinigten Staaten halte. Ich sagte ihm ganz offen, dass ich, wie viele Amerikaner, nicht glaube, dass der Iran und die Vereinigten Staaten Feinde sein sollten. Ich sagte, dass Präsident Barack Obama meiner Meinung nach Teheran besuchen und ein neues Kapitel in den Beziehungen aufschlagen sollte, so wie es Präsident Richard Nixon getan hatte, als er 1972 nach Peking reiste. Der Vernehmungsbeamte grinste höhnisch. Der US-Präsident würde nie in seinem Land willkommen sein, sagte er mir.

Meine Sicht auf das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran und auf das Wesen des iranischen Regimes sollte sich im Laufe meiner 40 Monate im berüchtigten Evin-Gefängnis von Teheran allmählich ändern. Dort wurde ich Zeuge des tatsächlichen Funktionierens des Regimes von innen, und ich lernte viel durch den Umgang mit anderen Gefangenen – iranischen Männern aus allen Gesellschaftsschichten, von denen viele zuvor für das Regime gearbeitet hatten.

Meine Bemerkung, dass Präsident Obama den Iran besuchen sollte, um die Beziehungen zu normalisieren, wurde später in einem jahrelangen, irrwitzigen Gerichtsverfahren als Beweis gegen mich verwendet. Mir wurde vorgeworfen, ich habe versucht, „sanfte Subversion“ und „Infiltration“ zu betreiben, mit dem Ziel, das iranische Regime zu stürzen. So lächerlich es auch erscheinen mag, das iranische Regime benutzt eine solche Rhetorik nicht nur, um unschuldige Amerikaner zu verurteilen und zu bestrafen, die zumeist als Geiseln benutzt werden, um Zugeständnisse von der US-Regierung zu erwirken, sondern auch, um eine grundlegende ideologische Sorge des Regimes zum Ausdruck zu bringen: Eine Versöhnung mit den Vereinigten Staaten ist bedrohlich und inakzeptabel, und alle Versuche einer Annäherung müssen unterdrückt werden.

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Antiamerikanismus ist der Kern der Staatsideologie der Islamischen Republik, die den Iran als Verteidiger der Muslime gegen die expansionistischen, imperialen Vereinigten Staaten darstellt. Der Iran hat kein Interesse daran, die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten zu verbessern oder zu normalisieren, weil dies die Daseinsberechtigung des revolutionären Regimes untergraben würde. Auf einer eher praktischen und opportunistischen Ebene rechtfertigt die Rhetorik über die Bedrohung durch einen unerbittlichen ausländischen Feind die Unterdrückung im eigenen Land und die Bemühungen des Regimes, seinen Einfluss im gesamten Nahen Osten und darüber hinaus auszuweiten. (…)

Bisweilen haben Beobachter und politische Entscheidungsträger in den Vereinigten Staaten ihre Hoffnungen darauf gesetzt und sogar ihre Politik so ausgerichtet, dass die Spannungen zwischen den politischen Fraktionen des Iran dazu dienen könnten, die antiamerikanischen Überzeugungen des Regimes abzuschwächen. Das ist bestenfalls Wunschdenken. Die so genannten Gemäßigten im Iran sind keine geeinte politische Kraft mit einer klar definierten politischen Agenda und Führung, die eine realistische Alternative zu ihren Hardline-„Gegnern“ bieten kann. Auch kontrollieren sie keine bedeutenden wirtschaftlichen oder militärischen Ressourcen, selbst wenn sie an der Macht sind.

Sie sind vielmehr das andere Gesicht desselben Regimes, das mit seinem Gegenüber in Symbiose lebt: Die Hardliner verlassen sich darauf, dass die Gemäßigten die Interaktionen mit der internationalen Gemeinschaft im Namen des Regimes führen, während die Gemäßigten von den Hardlinern abhängen, um ihre politischen Privilegien im Land zu erhalten. Die beiden Fraktionen sind sich über das gemeinsame Ziel einig, das theokratische Regime zu erhalten, von dem die Interessen beider Parteien abhängen. Viele Iraner haben die Gemäßigten – wie Präsident Hassan Rohani und seine Verbündeten, die das Tagesgeschäft des Staates führen – als Beschäftigte des Regimes zur der Verwaltung des Landes kennen gelernt. Sie sind auch Sündenböcke, die dazu beitragen, den obersten Führer und die Revolutionsgarden, die wirklich die Macht im System in ihren Händen halten, davor zu bewahren, Verantwortung für ihre Misserfolge übernehmen zu müssen. (…)

Die amerikanischen politischen Entscheidungsträger und die Öffentlichkeit sollten verstehen, dass der Kern der problematischen Beziehung des Iran zu den Vereinigten Staaten in folgender Tatsache liegt: Das Überleben der Theokratie und der Wohlstand ihrer Elite erfordern die Aufrechterhaltung der Feindseligkeit gegenüber den Vereinigten Staaten. Um einen Konfliktzustand aufrechtzuerhalten, ohne dass er zu einem Krieg oder zur Zerstörung des Regimes führt, spielt die Islamische Republik ständig ein gefährliches Spiel – eines, das jemandem wie mir, aber auch den einfachen Menschen im ganzen Iran und im Nahen Osten leider viel Leid bereitet.

(Auszüge aus dem Text „Lessons From Three Years in an Iranian Prison“, der auf Foreign Affairs erschienen ist. Wang Xiyue war von August 2016 bis Dezember 2019 im Iran inhaftiert. Übersetzung für Mena-Watch von Florian Markl.)

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