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Iran: Leben im Schatten einer Hinrichtungswelle

Protest gegen Hinrichtungen im Iran im München Ende April. (© imago images/Wolfgang Maria Weber)
Protest gegen Hinrichtungen im Iran im München Ende April. (© imago images/Wolfgang Maria Weber)

Trotz umfassender Informationsbeschränkungen verbreiten sich im Iran Meldungen über Hinrichtungen – und lösen heftige Reaktionen aus.

In den letzten Jahren, insbesondere in den vergangenen Monaten und nach dem Ausbruch des Konflikts zwischen dem Iran und den Vereinigten Staaten, ist die Menschenrechtslage im Iran in der internationalen Öffentlichkeit vermehrt in den Blick genommen worden. Ein starker Anstieg der Hinrichtungen, gerichtliche Maßnahmen gegen Dissidenten und weitreichende Einschränkungen des Informationsflusses deuten auf den Beginn einer neuen Phase in der Innenpolitik der Islamischen Republik hin. Parallel zu den zunehmenden regionalen Spannungen haben sich schon zuvor existierende Tendenzen deutlich verschärft.

In einem Land, in dem aufgrund von Internetabschaltungen und dem Schweigen der offiziellen Medien gesicherte Informationen rar sind, warten die Menschen ständig auf Berichte über neue Hinrichtungen. Über die Exekution von Personen, die unter verschiedenen Vorwänden und Anschuldigungen zum Tode verurteilt und deren Urteile jetzt vollstreckt wurden.

In informellen Gesprächen in Taxis, an Brotschlangen oder bei Familienzusammenkünften ist das Thema Hinrichtungen nicht mehr fern oder abstrakt. Es scheint, als wolle die Regierung auch die Botschaft verbreiten, dass die Menschen trotz wirtschaftlicher Not kein Recht auf Protest haben. Und wenn sie trotzdem protestieren, werden sie entweder gewaltsam unterdrückt, wie es im Januar 2026 geschah, oder verhaftet und unter Vorwürfen wie »Feindschaft gegen Gott« oder angeblicher Zusammenarbeit mit feindlichen Mächten zum Tode verurteilt.

Hinrichtungen ohne Begründungen

Ein Arbeiter aus einem Vorort von Teheran berichtet, dass sein Bruder unter nicht näher bezeichneten Vorwürfen verhaftet und nach Monaten ohne jegliche Informationen hingerichtet wurde. Der Grund für seine Verurteilung wurde nie bekanntgegeben. Während seiner Haft hatte die Familie keinerlei Möglichkeit zur Kontaktaufnahme, auch zu einem letzten Treffen vor der Hinrichtung konnte es so nicht kommen.

Die vereinzelt nach außen dringenden Berichte zeichnen das Bild einer weit verbreiteten Stimmung, die besagt: Die Todesstrafe ist zu einem Instrument geworden, das plötzlich und unvorhersehbar in das Leben der Menschen eindringen kann.

Einige Bürger beschreiben die Situation wie folgt: »Wenn die Regierung auf der internationalen Bühne und in der Außenpolitik schwächelt, erhöht sie den Druck auf die Menschen im Inland, und die Öffentlichkeit zahlt den Preis für diese Unzulänglichkeiten.« Tatsächlich verschärft sich in Zeiten politischer Blockade und externen Drucks der interne Druck. Die soziale Kontrolle wird immer rigider durchgesetzt, um zu demonstrieren, dass trotz wirtschaftlicher und politischer Krisen die Kontrolle des Regimes über die Gesellschaft intakt bleibt, wenn auch nur durch Zwang, Druck und Einschränkung der Kommunikation. In einem solchen Umfeld haben Internetabschaltungen und andere Kommunikationsbeschränkungen die Krise für die einfache Bevölkerung vertieft und ausgeweitet.

Schon in der Vergangenheit wurde das Internet für mehrere Wochen vollständig abgeschaltet, wenn es bedeutende Nachrichtenereignisse oder soziale Unruhen gab. Nun hat der Krieg aber nicht nur einen Vorwand für eine vollständige Internetsperre geliefert, sondern auch dafür, einige der in den vergangenen Monaten verhafteten Demonstranten, die nichts anderes »verbrochen« hatten, als gegen die sich verschlechternden wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen zu protestieren, unter dem Vorwurf der Zusammenarbeit mit feindlichen Kräften (in der Regel Israel und den Vereinigten Staaten) zum Tode zu verurteilen.

Starke Reaktionen

Trotz Warnungen internationaler Menschenrechtsorganisationen wurde inzwischen eine beträchtliche Anzahl dieser Urteile vollstreckt, und die Justizbehörden haben hart auf Forderungen reagiert, diesen Trend zu stoppen.

Auf gesellschaftlicher Ebene gingen diese Entwicklungen mit tiefgreifenden Veränderungen einher. Die jüngere Generation, insbesondere die Generation Z und die Generation Alpha, die über umfassendere Verbindungen zur globalen und digitalen Welt verfügt, betrachtet dies mit einem sehr kritischen Blick. Für sie sind Konzepte wie Gerechtigkeit, Zugang zu Informationen und Transparenz keine abstrakten Ideen, sondern Teil ihrer alltäglichen Forderungen an den Staat. Viele derjenigen, die bei den Razzien getötet oder hingerichtet wurden, gehörten ebenfalls dieser Generation an. Dies hat die Kluft zwischen der Gesellschaft – und hier insbesondere den jungen Menschen – und der Regierung vergrößert.

Trotz der nur spärlich vorhandenen Informationen lösen Hinrichtungen starke Reaktionen in der Bevölkerung aus. Jedes Mal, wenn Nachrichten über die Vollstreckung eines Todesurteils veröffentlicht werden, kommt es zu Wellen der Anteilnahme, manchmal sogar zu Äußerungen des Protests – vor den Gefängnissen und anderswo. Diese Reaktionen spiegeln eine wachsende Sensibilität der Öffentlichkeit für das Thema wider. Sie zeigen, dass die Gesellschaft die staatlichen Morde nicht mehr einfach hinnehmen kann.

Alle sind verdächtig

Die weite Verbreitung vielfältiger Kommunikationsmittel und -technologien hat zur Folge, dass selbst die derzeitigen Einschränkungen dem Regime keine vollständige Kontrolle über den Informationsfluss verschaffen. Kurze Videos, Sprachnachrichten und persönliche Berichte verbreiten sich rasch über informelle Netzwerke. Zusammengefügt kann sich jeder selbst ein Bild von der Realität staatlicher Hinrichtungen machen.

Die kursierenden Informationsschnipsel verstärken die alltäglichen Ängste sowie den Pessimismus über die Zukunft und die Hoffnung auf Besserung. Die Angst wird weiter dadurch geschürt, dass das Regime angesichts der erheblichen sozialen Unzufriedenheit und der Massenproteste einen großen Teil der Gesellschaft als verdächtig ansieht und entsprechend behandelt.

Letztendlich befindet sich der Iran in einer heiklen Phase des Wandels. Die Erzählungen der Menschen zeigen, dass diese Veränderungen nicht nur auf der makropolitischen Ebene Gestalt annehmen, sondern auch in den tieferen Schichten des Alltagslebens. Die Lebenserfahrungen gewöhnlicher Menschen mit all ihren Widersprüchen, Ängsten und Hoffnungen sind ein untrennbarer Bestandteil des Verständnisses dieser komplexen Realität. Einer Realität, die man nur wirklich sehen und fühlen kann, wenn man sie selbst durchlebt.

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