In der Krone ergeht sich Kurt Seinitz in Völkerpsychologie, die Presse räumt einem Iran-Kommentar aus einer anderen Realität Platz ein.
Wiens Ex-Bürgermeister Michael Häupl hat Wahlkampf einmal treffend als »Zeit fokussierter Unintelligenz« bezeichnet. Wie unzählige Beispiele aus den vergangenen vier Wochen an Behauptungen, die irgendwo zwischen tendenziös, halb wahr und schlicht falsch liegen, deutlich vor Augen geführt haben, trifft das auf Kriege mindestens genauso zu.
Von manchen Protagonisten war aufgrund langjähriger Erfahrungen nichts anderes zu erwarten. So konnte man schwerlich davon überrascht werden, dass Krone-Außenpolitik-Spezialist Kurt Seinitz zur Erklärung der Vorgänge im Nahen Osten wieder auf für ihn typische, vermeintlich völkerpsychologisch fundierte Weisheiten zurückgriff, in denen es von »persischer Hartnäckigkeit«, »schiitischer Endzeitsehnsucht« und »orientalischer Lust am Feilschen« nur so wimmelt (Kronen Zeitung, 29. März 2026).
Ebenso wenig erstaunlich war, dass man von ihm präsentierten »Fakten« besser mit Skepsis begegnete, weil sie oft einfach nicht stimmen. So schrieb er, nie um ein abgeschmacktes Klischee verlegen, erst am vergangenen Wochenende in einem Artikel namens »Die letzten Tage vom ›Übermorgenland‹« über »Kuwait, Katar, Bahrain, Vereinigte Arabische Emirate und Oman«, die allesamt »in den Sechzigerjahren« unabhängig geworden wären (Kronen Zeitung, 28. März 2026).
Tatsächlich traf das auf genau einen der fünf von Seinitz genannten Staaten zu: Kuwait erlangte tatsächlich 1961 die Unabhängigkeit. Die anderen vier Länder wurden dagegen nicht »in den Sechzigerjahren«, sondern 1971 unabhängig. Aber mit solchen Kleinigkeiten, die heutzutage binnen weniger Sekunden mühelos überprüfbar wären, hält sich jemand wie Seinitz nicht länger auf: Wen interessieren schon Fakten, wenn man doch den von Jahrzehnten der Erfahrung gesättigten Blick aufs große Ganze hat?
»Einseitige Resolution«
Überraschender als Seinitz und die Krone ist, warum an und für sich seriöse Zeitungen Artikel veröffentlichen, bei denen man sich unweigerlich fragt, in welcher Realität die Autoren zu Hause sind. So räumte die Presse einem Gastkommentar einer indischen Entwicklungsökonomin namens Jayati Ghosh Platz ein, bei dessen Lektüre man aus dem Staunen kaum herauskommt.
So ist Ghosh offenbar mehr als unzufrieden damit, dass der UN-Sicherheitsrat mit großer Mehrheit eine von 135 Ländern mitgetragene Resolution verabschiedet hat, in der die »ungeheuerlichen Angriffe« des Irans auf seine Nachbarstaaten verurteilt sowie als »Verstoß gegen das Völkerrecht und eine ernsthafte Bedrohung für den internationalen Frieden und die internationale Sicherheit« verurteilt wurden.
Kaum eine Resolution sei laut Ghosh je »so einseitig« gewesen wie diese – weil der Iran vor den Angriffen ja wiederholt gewarnt habe, »dass Attacken der USA und Israels nicht unbeantwortet bleiben würden«. In der Resolution würden »diese Warnungen nicht erwähnt«. Will sie damit sagen, dass die Attacken des iranischen Regimes auf über ein Dutzend Staaten in der Region weniger ungeheuerlich sind, weil es die illegale Aggression vorher angekündigt hat?
Unerwähnt geblieben wären in der Resolution auch die »wahllosen Bombardierungen ziviler Infrastruktur und dicht besiedelter Wohngebiete durch die USA und Israel«, beklagte Ghosh. Zu gern wüsste man, wann und wo genau im Iran dicht besiedelte Wohngebiete »wahllos« bombardiert worden sein sollen. Bislang gibt es in diesem Krieg jedenfalls nur eine Seite, die wahllos Zivilisten attackiert: das iranische Regime. Die Clusterbomben-Attacken auf Tel Aviv waren jedenfalls klare Kriegsverbrechen.
Keine Ahnung vom Völkerrecht
Die iranischen Attacken seien »nicht in einem Vakuum« erfolgt, und jedes Land habe laut UN-Charta das Recht auf Selbstverteidigung gegen einen bewaffneten Angriff, schrieb Ghosh. Offenbar ist sie der absurden Ansicht, dass Angriffe auf zivile Ziele im Oman vom Selbstverteidigungsrecht des Irans gegen amerikanisch-israelische Angriffe gedeckt seien.
Da der Iran die militärisch unterlegene Macht sei, sei nur logisch, dass »das Regime sich durch Angriffe auf US-Interessen in der gesamten Region zu verteidigen versucht«. Attacken »auf US-Stützpunkte sowie auf Energieanlagen und die Blockade der Straße von Hormus gehören zu den wenigen Mitteln der Selbstverteidigung«.
Im Laufe der Lektüre erhärtet sich der Eindruck, dass Ghosh zwar über (Kriegs-)Völkerrecht schreibt, davon aber nichts verstanden hat. Angriffe auf Hotels und Flughäfen in den Vereinigten Arabischen Emiraten und anderen Ländern, die allesamt den Iran nicht angegriffen haben, haben nichts mit Selbstverteidigung zu tun. Auch die Blockade eines internationalen Wasserwegs wie der Straße von Hormus, die keineswegs dem Iran gehört, hat rechtlich keinerlei Grundlage, selbst wenn das Regime sie im Vorfeld Hunderte Male angedroht hat.
»Kriege zum Zweck eines Regimewechsels«, so ist Ghosh überzeugt, brächten nur »unermessliches menschliches Leid« hervor. »Von Afghanistan und dem Irak bis hin zu Libyen und Syrien führten amerikanische Interventionen zu weitreichender Vernichtung von Leben und Lebensgrundlagen sowie zur Entstehung gescheiterter Staaten«, gibt sie zu bedenken.
Abgesehen davon, wer beispielsweise im Irak konkret die »Vernichtung von Leben« betrieben hat – kleiner Hinweis: nicht die Amerikaner, sondern die vom iranischen Regime geförderten islamistischen Terrorgruppen –, fragt man sich: Wann sollen die USA in Syrien militärisch interveniert haben, um das Assad-Regime zu stürzen? Tatsächlich haben sich von den Amerikanern ausgebildete und -gerüstete Kämpfer gegen den Islamischen Staat in Syrien schriftlich dazu verpflichten müssen, die Waffen nicht gegen das Assad-Regime zu richten.
Doppelmoral sieht Ghosh auch darin, dass der Sicherheitsrat den »anhaltenden Völkermord in Gaza« nicht gleichermaßen verurteilt habe wie die iranischen Angriffe auf seine Nachbarn. Auch wenn die kontrafaktische Behauptung bei den UN, bei NGOs, in großen Teilen der politischen Linken und bei vielen anderen mittlerweile zu einer Art Glaubensgrundsatz geworden ist: Im Gazastreifen gab es keinen »Völkermord«, und erst recht ist es völlig absurd, seit dem Waffenstillstand vom vergangenen Oktober von einem »anhaltenden Völkermord« zu sprechen.
Tödliche Bedrohung
Für die Golfstaaten, so Ghosh abschließend, sollte es eine Lehre sein, sich auf den Schutz durch die USA zu verlassen. »Es mag gefährlich sein, Amerikas Feind zu sein, doch es kann tödlich enden, sein Freund zu sein.« Jeder, der von der Region auch nur einen Funken Ahnung hat, weiß, dass sich die Golfstaaten spätestens sei der Präsidentschaft von Barack Obama, dem Fallenlassen pro-westlicher Autokraten im Arabischen Frühling und dem Atomdeal mit dem iranischen Regime 2015 nicht mehr auf die USA verlassen – deshalb haben ja beispielsweise die Vereinigten Arabischen Emirate seit den frühen 2010er Jahren eine andere, deutlich prononcierte Außen- und Sicherheitspolitik verfolgt als zuvor.
Und wie man anhand zahlreicher Berichte der letzten Tage wissen müsste, aus denen hervorgeht, dass die Golfstaaten die Amerikaner dazu drängen, den Krieg nicht vorzeitig zu beenden, ist diesen Ländern vor allem eines klar: eine tödliche Bedrohung geht nicht von den USA, sondern vom iranischen Regime aus.
Es ist unverständlich, dass die Presse einem dermaßen absurden Artikel so viel Raum eingeräumt hat. Selbstverständlich sollen Gastkommentare kontroverse Debatten anregen, aber sie sollten dabei doch ein Mindestmaß an Realitätsbezug und Seriosität aufweisen.






