Der Westen muss endlich verstehen, dass die wahre Bedrohung der iranischen Bevölkerung die Existenz der Islamischen Republik ist.
Von Pierre Rehov
Eine der hartnäckigsten und gefährlichsten Fehlinterpretationen der Konfrontation mit dem Iran ist die hartnäckige Verwechslung eines brutalen ideologischen Regimes mit dem Volk, das es seit fast fünf Jahrzehnten unterdrückt.
Das ist kein Zufall. Teheran hat längst begriffen, dass seine beste Verteidigung nicht seine Raketen oder seine Stellvertreter sind, sondern seine Kontrolle über die Erzählung. In westlichen Hauptstädten, wo moralische Klarheit allzu oft politischer Opportunität weicht, führt diese Verwechslung zu einer seltsamen Lähmung: Die Angst, »dem iranischen Volk zu schaden«, dient als Vorwand, ein Regime zu tolerieren, das ihm weitaus grausamer und systematischer Schaden zugefügt hat als jede externe Macht jemals zuvor.
Seit der Islamischen Revolution von 1979 regiert die Islamische Republik Iran durch Unterdrückung, ideologische Indoktrination und Ausbrüche extremer Gewalt, wie beispielsweise die Massenhinrichtungen von 1988. Nach einer Fatwa des Obersten Führers der Islamischen Republik, Ayatollah Ruhollah Khomeini, führten »Todeskommissionen« Schnellverfahren durch – oft dauerten diese nur wenige Minuten –, bevor sie politische Gefangene hinrichteten. Die Schätzungen der Opferzahlen variieren. Internationale Menschenrechtsorganisationen und ehemalige Insider des Regimes sprechen von mehreren Tausend (üblicherweise zwischen 2.800 und 5.000), während Oppositionsgruppen die Zahl auf bis zu 30.000 beziffern.
Viele der Opfer waren junge Aktivisten, Studenten oder Anhänger von Oppositionsbewegungen, darunter die Mujahedin-e Khalq (Volksmudschahedin). Ihre Leichen wurden in Massengräbern verscharrt, und ihre Familien blieben ohne Antworten.
Bis heute leugnet das Regime das volle Ausmaß dieser Massenmorde, obwohl einige der direkt Beteiligten später in die höchsten Staatsämter aufstiegen. Dieses Massaker an den eigenen Bürgern war nicht »nur« eine Ausnahmeerscheinung, sondern ein Leitfaden dafür, wie das System mit innerer Opposition umgeht.
Immer wieder blutige Repression
Dieses Muster hat sich nicht nur fortgesetzt, sondern sogar noch verschärft. Im November 2019 wurden Proteste, die durch eine plötzliche Erhöhung der Kraftstoffpreise ausgelöst wurden, unter einer fast vollständigen Informationssperre mit tödlicher Gewalt niedergeschlagen. Laut einer Untersuchung von Reuters, die sich auf Quellen des iranischen Innenministeriums stützt, töteten Sicherheitskräfte innerhalb weniger Tage etwa 1.500 Menschen. Tausende weitere wurden verhaftet, gefoltert oder sind einfach verschwunden. Im Jahr 2025 wurden mindestens 1.639 iranische Bürger hingerichtet. In diesem Jahr wurden allein in den ersten drei Monaten 657 hingerichtet, und mindestens 1.600 weitere sollen exekutiert werden.
Im September 2022 löste der Tod der 22-jährigen Mahsa Amini in Gewahrsam einen weiteren landesweiten Aufstand aus. Sie war von der »Sittenpolizei« verhaftet und offenbar gefoltert worden, weil sie angeblich gegen die Vorschrift verstoßen hatte, wonach Frauen ihr Haar mit einem Kopftuch bedecken müssen. Erneut reagierte das Regime mit scharfer Munition. Menschenrechtsgruppen dokumentierten mehr als 500 Tote, darunter Dutzende Kinder, sowie über 20.000 Festnahmen. Auch dies sind keine Einzelfälle; sie sind Teil eines anhaltenden internen Krieges, den das Regime gegen große Teile der eigenen Bevölkerung führt.
Im Januar 2026 leitete das iranische Regime eine der tödlichsten Niederschlagungsaktionen seiner modernen Geschichte ein. Proteste wurden mit einem Befehl zum »Schießen, um zu töten« »mit allen notwendigen Mitteln« beantwortet, der am 9. Januar vom mittlerweile verstorbenen Obersten Führer Ali Khamenei erteilt worden war. Die Schätzungen variieren, doch interne Gesundheitsdaten und unabhängige Untersuchungen deuten darauf hin, dass allein im Januar innerhalb von nur zwei Tagen zwischen 30.000 und 36.500 Demonstranten getötet und zehntausende weitere verwundet oder festgenommen wurden.
Sicherheitskräfte – darunter das Korps der Islamischen Revolutionsgarden und die Basidschi – feuerten mit scharfer Munition auf unbewaffnete Zivilisten. Dabei zielten sie häufig auf Kopf und Oberkörper. Währenddessen wurde landesweit ein Internet-Blackout verhängt, um das Ausmaß der Morde zu verschleiern.
Es wurde von Massenbestattungen, dem Verschwinden von Leichen und der Einschüchterung von medizinischem Personal berichtet, was ein systematisches Vorgehen bestätigt, das nicht nur darauf abzielt, Dissens zu unterdrücken, sondern auch die Beweise für Massenmorde zu beseitigen.
Wer das iranische Volk wirklich bedroht
Dennoch stellen viele westliche Kommentatoren jeglichen Druck auf den Iran nach wie vor als eine Gefahr dar, die in erster Linie »dem iranischen Volk« drohe, als ob dieses Volk nicht ohnehin schon unter der täglichen Bedrohung durch seine eigenen Herrscher leben würde. Auf eine Art und Weise, die eindeutig als journalistisches Fehlverhalten zu bewerten ist, werden Iraner, die ihr Leben riskieren, indem sie in den Straßen von Teheran, Schiraz oder Isfahan »Tod dem Diktator« skandieren, im Ausland als passive Opfer ausländischer Aggression dargestellt – statt als aktive Akteure des Widerstands gegen ein System, das sie mehr fürchtet als jeden äußeren Feind.
Dies bringt uns zu US-Präsident Donald J. Trumps viel diskutierter Erklärung, dass »Hilfe auf dem Weg ist«. Von Kritikern als leere Rhetorik abgetan, war diese Bemerkung nie ein Versprechen für sofortige militärische Spektakel. Geopolitik entfaltet sich nicht wie ein Fernsehdrama. Was zählt, ist die zugrunde liegende Strategie: die Kombination aus wirtschaftlichem Druck, gezielten militärischen Aktionen gegen Vermögenswerte des Regimes und der psychologischen Untergrabung der Aura seiner Unbesiegbarkeit.
Die Vorstellung, dass das bedrängte iranische Volk plötzlich, irgendwie, ganz ohne Waffen, auf magische Weise aufstehen und sein Land von einem bis an die Zähne bewaffneten Regime mit einer langen Geschichte von Massenmorden zurückerobern könnte, ist mehr als nur eine Wahnvorstellung. Das Ergebnis wäre vergleichbar mit dem Warschauer Ghetto, dessen letzte paar hundert Bewohner versuchten, es mit der deutschen Armee aufzunehmen, oder dem US-Widerstand bei Alamo: heroisch, aber vorhersehbar auf eine Niederlage zusteuernd.
Einige der Golfstaaten, wie Saudi-Arabien, könnten es vorziehen, dass der Iran als irgendeine Art von Diktatur bestehen bleibt, anstatt eine Demokratie zu werden, um ihren eigenen Bürgern keine verrückten Ideen über freiere Regierungsformen in den Kopf zu setzen. Eine solche Scheinlösung würde jedoch als monumentaler Verrat an dem Versprechen »Hilfe ist unterwegs« angesehen werden – und zweifellos dazu genutzt werden, den Republikanern bei den bevorstehenden US-Zwischenwahlen zu schaden.
Das schlimmste Ergebnis wäre, wenn die Trump-Regierung die verzweifelten Bürger des Iran aus der gnadenlosen Pfanne der Kleriker in das gnadenlose Feuer des Militarismus werfen würde. Die Brutalität wäre dieselbe, nur säkular statt religiös – ein räuberisches System, dessen Macht darauf beruht, im Inland Stärke zu demonstrieren, während es im Ausland die Opferrolle spielt.
Unterstützter Regimewechsel
Teherans Reaktion folgt einem bekannten Szenario – der gezielten Einbettung militärischer Ressourcen unter Zivilisten (ein Kriegsverbrechen), gefolgt von der sofortigen Instrumentalisierung jeglicher ziviler Opfer, um internationale Empörung zu schüren. Dies ist eine Form der Propagandakriegsführung, die auch von Terrororganisationen wie der Hamas und der Hisbollah genutzt wird und auf die die Medien und die internationale Gemeinschaft jedes Mal hereinfallen. Wenn der Westen das iranische Regime und das iranische Volk als ein und dasselbe behandelt, ist die Taktik erfolgreich. Wenn diese falschen Gleichsetzungen aufgedeckt werden, bricht die Erzählung zusammen.
Das iranische Volk hat wiederholt gezeigt, dass es sich nicht mit den Herrschern identifiziert, die behaupten, für es zu sprechen. Dies ist eine Bevölkerung, die als Geisel gehalten wird, keine Nation, die geschlossen hinter ihrem Regime steht.
Keine Kraft kann allein einen nachhaltigen Regimewechsel herbeiführen. Echte Transformation muss letztlich von innen kommen – aber mit großzügiger Hilfe von außen. Externer Druck kann das System wirtschaftlich schwächen und Öffnungen schaffen. Aber von den Iranern kann – praktisch gesehen – nicht erwartet werden, dass sie mutig kollektiven Selbstmord begehen, indem sie sich ihren bewaffneten Unterdrückern entgegenstellen, wenn der Westen zu feige ist, um zu helfen.
Dieser Moment stand bereits in den Jahren 2009, 2019 und 2022 kurz bevor, wurde jedoch sowohl durch die brutale Effizienz des Regimes als auch – noch mehr – durch die kaltherzige Abweisung der Demonstranten durch den Westen zunichtegemacht, der sich stattdessen mit dem Iran gut stellte. Der Unterschied heute besteht darin, dass das Regime nicht mehr über eine unangefochtene Vorherrschaft verfügt.
Westliche Kritiker, die einen militärischen Ansatz – selbst einen, der dem Regime viele Auswege geboten hat – als rücksichtslos bezeichnen, sollten eine einfache Frage beantworten: Was ist die Alternative? Weitere Verhandlungsrunden mit einem Regime, das jedes Abkommen gebrochen hat, das es jemals unterzeichnet hat? Passive Akzeptanz, während Tausende weitere Iraner inhaftiert, gefoltert oder hingerichtet werden? Moralische Selbstdarstellung ohne Konsequenzen? Das ist keine Politik – das ist Abdankung.
Das iranische Regime ist nicht nur ein weiterer geopolitischer Akteur. Es ist ein räuberisches System, das sein eigenes Volk verschlingt und gleichzeitig Instabilität in die gesamte Region exportiert. »Der Iran ist ein 47 Jahre altes Kriegsverbrechen«, erklärte Senator John Fetterman (Demokrat, Pennsylvania). Die Trump-Regierung muss »Iran wieder groß machen«, um ihn zu befreien. Sich dem Regime zu widersetzen, ist kein Angriff auf den Iran; es bedeutet, endlich einen Krieg zu gewinnen, den seine Herrscher ihrem eigenen Volk, ihren Nachbarn und dem Westen seit einem halben Jahrhundert aufzwingen. Trump »schadet« dem Iran nicht. Er steht kurz davor, ihn zu befreien. Das größte Unglück für das iranische Volk und die freie Welt wäre es, wenn er sich jetzt entschließen würde, aufzuhören.
Der wahre Iran – derjenige, der protestiert, Widerstand leistet und sich nach einem normalen Leben sehnt – ist das Opfer eines Krieges, den seine Führer seit Jahrzehnten gegen ihn führen. Die wahre Tragödie wäre es, diesen Krieg in irgendeiner Form fortzusetzen. Zu lange hat der Westen weggeschaut, während das Regime ungehindert sein eigenes Volk massakriert, seine Nachbarn angegriffen und destabilisiert, fast tausend Amerikaner getötet und versucht hat, Trump und andere US-Beamte zu ermorden.
Solange diese strategische Unterscheidung nicht verstanden wird, werden Debatten über den Iran in demselben sterilen Kreislauf aus Verwirrung und Angst gefangen bleiben. Genau in diesem Umfeld hat der Westen es dem Regime ermöglicht, nicht nur zu gedeihen, sondern sich auch durchzusetzen.
(Der Artikel wurde auf Englisch beim Gatestone Institute veröffentlicht. Übersetzung von Florian Markl. Pierre Rehov ist ein französischer Journalist, Autor und Dokumentarfilmmacher.)






