Latest News

Iran: Trauerverbot, ständige Angst und eine Gesellschaft in der Schwebe

Iraner versuchen das von dem Regime verhängte Trauerverbot zu umgehen
Iraner versuchen das von dem Regime verhängte Trauerverbot zu umgehen (© Imago Images / Middle East Images)

In Berichten aus der Islamischen Republik erzählen Iraner über Verzweiflung, Verlust und eine ungewisse Zukunft; ein Zustand, der sich bleiern über die gesamte Gesellschaft gelegt hat.

Berichte, die in den letzten Wochen aus dem Iran veröffentlicht wurden, zeichnen das Bild einer Gesellschaft, die einerseits um die bei den Protesten Getöteten trauert, andererseits aber auch mit großer Angst um das Schicksal der Inhaftierten und einer ungewissen Zukunft zu kämpfen hat.

Die Toten …

Als die Familien der Verstorbenen sich darauf vorbereiteten, die Gedenkfeiern zum vierzigsten Todestag für ihre Angehörigen abzuhalten, berichteten lokale Quellen, dass die Sicherheitskräfte in den meisten Städten die Bildung von Trauerversammlungen verhindert hatten, indem sie Beschränkungen verhängten und die Zufahrtsstraßen zu den Friedhöfen sperrten. Dennoch durchbrachen die Menschen in mehreren Städten durch ihre Beharrlichkeit und ihre massive Präsenz das de facto verhängte Kriegsrecht und die Versuche des Regimes, diese Zeremonien zu verhindern.

Die Maßnahmen des islamistischen Regimes haben nicht nur ein tief verwurzeltes religiöses Ritual gestört, sondern vielen Familien auch ihren Trauerprozess vorenthalten, einen Prozess, der in der iranischen Kultur eine entscheidende Rolle dabei spielt, Verluste zu akzeptieren und allmählich ins Leben zurückzukehren und durch den viele Menschen normalerweise in der Lage sind, die Trauer um den Verlust ihrer Angehörigen auf angemessene Weise zu verarbeiten.

Ein Verwandter eines Getöteten erzählte in einem Telefoninterview: »Wir dürfen nicht einmal eine Zeremonie für unser Kind abhalten. Es ist, als wollten sie es auch aus unserem Gedächtnis löschen. Sie haben uns seinen Leichnam nicht übergeben, sie haben uns nicht erlaubt, eine Beerdigungszeremonie für unseren geliebten Menschen abzuhalten und jetzt haben sie uns auch daran gehindert, die Gedenkfeier zum vierzigsten Tag abzuhalten.«

Die Tötung von Menschen bei den jüngsten Protesten und die Reaktion der Regierung auf die anschließenden Beerdigungen und Trauerfeiern haben das Leid und den Kummer im Iran von einer persönlichen Erfahrung zu einem kollektiven, sozialen und sogar politischen Thema gemacht. Viele derjenigen, die an den Beerdigungen und Trauerfeiern für die Opfer teilnehmen, kennen noch nicht einmal den Namen der getöteten Person und kannten sie nicht persönlich, doch sie trauern um sie, sind traurig und wütend und weinen bei den Zeremonien um sie, als wären sie ihre eigenen Angehörigen.

… die Inhaftierten …

Neben den Hinterbliebenen lebt auch eine andere Gruppe in einem Zustand permanenter Ungewissheit: die Familien der Gefangenen. Sie leben zwischen Hoffnung und Angst und warten auf Nachrichten über den Zustand ihrer Angehörigen. Viele dieser Familien wissen seit Wochen nicht, wo sich die Inhaftierten befinden und haben nur durch kurze Telefonate oder inoffizielle Nachrichten erfahren, dass diese noch am Leben sind.

Die Mutter eines Inhaftierten berichtete: »Das Schlimmste ist, nichts zu wissen. Wüsste ich, dass es ihm gut geht, könnte ich geduldig sein; aber wenn ich nicht weiß, was mit ihm geschieht, stelle ich mir jeden Moment die schlimmsten Szenarien vor. Ein Regime, das arme, protestierende Menschen auf der Straße auf so schreckliche Weise getötet hat – wer weiß, was es unseren Angehörigen im Gefängnis antun könnte.«

Die Sorge um mögliche Misshandlungen, Druck und Folter zur Erzwingung von Geständnissen oder sogar der Tod in Haft beschäftigt viele Familien Tag und Nacht, denn bereits in der Vergangenheit hat das Regime gezeigt, keine moralischen Grenzen zu kennen, wenn es darum geht, an der Macht zu bleiben.

Der Vater eines Häftlings, ein Universitätsprofessor, macht sich »große Sorgen um meinen Sohn. Seit seiner Verhaftung sind zwanzig Tage vergangen und ich habe kein Auge zugetan. Ich habe Angst, dass sie ihm etwas antun werden. Das sind gnadenlose Menschen, die mit unseren Kindern machen, was sie wollen. Sie haben sogar jemandem wie Baschar al-Assad Pläne und Anweisungen gegeben, um Menschen zu töten, und man hat gesehen, welche Verbrechen im Gefängnis von Sednaya begangen wurden. Jetzt ist unklar, was mit unseren Kindern in den schrecklichen Gefängnissen des Irans passieren wird, die vielleicht noch viel schlimmer sind als die Gefängnisse des Assad-Regimes.«

Einige Eltern haben erklärt, dass sie bereit sind, mit allen Mitteln Hilfe zu suchen, sogar bei denen, die sie zuvor als Gegner betrachtet haben, um die Chancen auf die Freilassung ihres Kindes zu erhöhen, wie ein Vater sagt: »Wenn das Leben des eigenen Kindes in Gefahr ist, denkt man nicht mehr an Stolz oder Überzeugungen. Der vielleicht am stärksten verwirrende Zustand ist, wenn ein geliebter Mensch im Gefängnis sitzt und man nicht weiß, was man tun kann, um seine Freilassung zu erreichen – und das alles nur, weil er gegen die bestehende Situation protestiert hat.«

Diese Situation der Ungewissheit geht oft mit Schuldgefühlen bei den Familien einher; viele sagen, dass sie sich nicht mehr berechtigt fühlen, ruhig zu schlafen, gemütlich zu essen oder sich auszuruhen, weil sie wissen, dass ihren Kindern in den Gefängnissen der Islamischen Republik gerade das Schlimmste widerfährt.

… und die Verwundeten

Zusätzlich zeigen Berichte über Verletzte bei den Protesten, wie dramatisch die Situation ist. Menschen, die durch Schrotkugeln oder scharfe Munition ihr Augenlicht verloren, Amputationen erlitten oder bleibende Verletzungen davongetragen haben, stehen nun vor einer neuen Realität: Sie müssen mit einer Behinderung leben, die ihre Zukunft völlig verändert hat.

Ein junger Verletzter sagte: »Ich habe überlebt, aber mein bisheriges Leben ist vorbei. Ich wünschte, ich wäre getötet worden, anstatt mein Auge zu verlieren, denn meine derzeitige Situation unterscheidet sich nicht vom Tod. Sie hat viele meiner zukünftigen Entscheidungen für ein normales Leben beeinflusst und ich werde nie wieder normal sein.« Auch die Familien dieser Menschen sind mit einer Art stiller Trauer konfrontiert – dem Verlust der Zukunft, die sie sich für ihre Kinder vorgestellt hatten.

Trauer und Angst

Die Auswirkungen dieser Ereignisse beschränken sich nicht nur auf die Familien der Opfer. Ein großer Teil der Öffentlichkeit, der weder einen geliebten Menschen verloren noch ein Familienmitglied im Gefängnis hat, erlebt ebenfalls eine Form kollektiver Trauer. Viele Bürger sprechen von widersprüchlichen Gefühlen: Trauer um ihre Landsleute, Angst vor wiederholter Gewalt, unterdrückte Wut, Schuldgefühle wegen ihrer Unfähigkeit, zu helfen und gleichzeitig ein Gefühl von Mut oder dem Wunsch, zu protestieren.

Ein Lehrer in Teheran erzählte: »Wir wachen jeden Tag mit schlechten Nachrichten auf. In unseren Klassenzimmern skandieren die Schüler vor dem Unterricht Parolen gegen das Regime, während des Unterrichts dreht sich die Diskussion um ihre Freunde, die getötet oder verhaftet wurden und nach dem Unterricht verlassen sie den Raum wieder mit Parolen. Wir sind alle traurig und wütend und gehen nachts mit denselben Gedanken und Nachrichten ins Bett. Auch wenn wir nicht direkt geschädigt wurden, fühlt es sich an, als wären wir alle verwundet worden.«

Diese Situation wird durch die weit verbreitete Unsicherheit über die Zukunft des Landes noch verschärft. Viele Iraner haben das Gefühl, in einer Schwebe zu leben, einem Zustand, in dem es weder klare Aussichten auf Besserung noch die Möglichkeit gibt, die Zukunft überhaupt vorherzusagen.

Einige betrachten diese Zeit als die schwerste Phase der Instabilität in den letzten Jahrzehnten, wie ein Student erzählte: »In den vergangenen Jahren war die Lage des Landes schlecht und wir sagten immer, wir wüssten nicht, was das nächste Jahr bringen oder was passieren würde. Aber jetzt ist die Lage des Landes so, dass wir nicht einmal eine Woche im Voraus vorhersagen können, wo wir sein werden oder ob wir überhaupt noch da sein werden. Zukunftsplanung ist sinnlos geworden.«

Psychsiche Auswirkungen

Auch in den sozialen Medien spiegelt sich diese bedrückende Stimmung wider. Ein Blick auf die Seiten iranischer Nutzer zeigt zwei dominante Themen: Trauer um die Getöteten und Videos zu den Protesten und Gewalttaten. Daneben werden immer wieder Bedenken über die Möglichkeit eines militärischen Konflikts und den Stillstand in den politischen Verhandlungen geäußert. Diese Mischung aus beunruhigenden Nachrichten hat zu einer Art »Informationsbombardement« geführt, das laut Experten tiefgreifende psychologische Auswirkungen haben kann.

Psychiater im Iran berichten von einer Zunahme der Symptome von Angstzuständen, Depressionen und psychischem Burnout bei ihren Patienten. Wirtschaftlicher Druck, Inflation, Sanktionen und die Angst vor einem möglichen Krieg in Verbindung mit menschlichen Verlusten haben Bedingungen geschaffen, die viele als beispiellos beschreiben. Ein Therapeut schilderte: »Die Menschen haben das Gefühl, die Kontrolle über ihr Leben verloren zu haben. Dieses Gefühl der Ohnmacht bildet die Grundlage für ernsthafte psychische Probleme.«

Letztendlich ergibt sich aus diesen Berichten das Bild einer Gesellschaft, die gleichzeitig von vielfältigen Formen des Verlusts und der Ungewissheit geprägt ist: dem Verlust von Leben, Gesundheit, Freiheit, psychischer Sicherheit und sogar der Fähigkeit, sich eine Zukunft vorzustellen. Extern mag es schwierig sein, diese Situation zu verstehen; nur jemand, der im Iran lebt, kann begreifen, wie schlimm und verzweifelt sie ist und wie sehr diese Krisen das tägliche Leben prägen.

Der am Ende eines Interviews geäußerte Satz eines Iraners fasst die allgemeine Lage treffend zusammen: »Wir leben nicht, wir atmen nur noch unter dem Schatten von Krieg, Sanktionen, Armut und Diktatur, unter erschöpften Menschen, die jeden Tag in Unsicherheit und Zweifel aufwachen, unter dem Zweifel, der für die Welt vielleicht nur eine Nachrichtenmeldung ist, für uns aber eine Realität, die wir jeden Moment leben, ohne klare Hoffnung, dass sich die Dinge verbessern werden.« Dieses Gefühl der Ungewissheit zwischen Trauer und Warten, Angst und Hoffnung ist mittlerweile eine gemeinsame Erfahrung für Millionen von Iranern.

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte oder direkt über Ihren PayPal Account. 

Mehr zu den Themen

Das könnte Sie auch interessieren

Wir reden Tachles!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren!

Nur einmal wöchentlich. Versprochen!