Iran: Der Trauer-Kult macht krank

„Seit langem warnen iranische Experten, Depressionen könnten sich zu einer Volkskrankheit im Iran entwickeln. Knapp jeder vierte Iraner leide unter einer psychischen Störung, Frauen seien überdurchschnittlich stark betroffen, ließ Hadi Ayazi, Vizeminister für Gesundheit, Anfang März wissen. Zwölf Prozent der Männer und sechzehn Prozent der Frauen landesweit sind laut Ayazi an Depressionen erkrankt. Doch unabhängige Experten schätzen die Dunkelziffer noch viel höher. (…)

Hassan Moussavi Tschalak, Berater der staatlichen Wohlfahrtsorganisation Behzisti, sprach in diesem Zusammenhang kürzlich von einem Phänomen, das Experten in den vergangenen Jahren immer wieder als Bedrohung für die psychische Gesundheit der iranischen Gesellschaft eingestuft hatten: der Mangel an Freude. (…)

Das Trauern um den Propheten Mohammed, aber auch um seine Familie macht einen festen Bestandteil der schiitisch-islamischen Kultur aus. Im iranischen Kalender gibt es mehr als ein Dutzend staatliche Trauerfeste, die zum Teil über mehrere Tage, im Monat Moharram sogar mehr als drei Wochen lang begangen werden. (…) Aber nicht nur religiöse Trauertage werden im Iran groß gefeiert. Der Todestag des Gründers der Islamischen Republik, des Großayatollahs Ruhollah Khomeini, ist ebenso ein wichtiger Trauertag. (…)

Bei der Organisation der Trauertage wirken etliche staatliche Instanzen im Iran mit. Von großen und mächtigen religiösen Einrichtungen bis zu lokalen Moscheen sorgen sie dafür, dass diese ‚einem islamischen Staat entsprechend‘ stattfinden. Die Teheraner Stadtverwaltung, die mit lebenswichtigen Projekten wie der Bekämpfung der hohen Luftverschmutzung aus finanziellen Gründen im Verzug gerät, gibt jährlich Geld für die Sanierung und Unterstützung von Moscheen und Trauerstätten aus. Im kommenden Haushalt sind dafür 5 Milliarden Toman, mehr als 850.000 Euro, vorgesehen. Fröhliche Feierlichkeiten finden dagegen keine vergleichbare Beachtung. Selbst die Geburtstage religiöser Persönlichkeiten werden in der Öffentlichkeit nicht groß gefeiert.“ (Iman Aslani: „Ein Land wird depressiv“)

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