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Iran: Hunderte chemische Attacken auf Schulmädchen

Über dreihundert chemische Attacken wurden seit November auf Schülerinnen im Iran begangen. (© imago images/Dieter Bauer)
Über dreihundert chemische Attacken wurden seit November auf Schülerinnen im Iran begangen. (© imago images/Dieter Bauer)

Seit November werden im Iran vor allem Schulmädchen mit chemischen Substanzen attackiert. Die Behörden bleiben auffällig untätig.

Im Iran reißt die unglaubliche Serie chemischer Anschläge, die sich hauptsächlich gegen Schülerinnen richtet, nicht ab. Eine Datenbank der Foundation for Defense of Democracies (FDD), die alle bekannten Fälle zusammenträgt, weist schon über 300 Einträge auf. Genaue Angaben über die Zahl der betroffenen Mädchen gibt es nicht. Die FDD spricht von mindestens 1.750 Opfern, meist junge Mädchen, andere Schätzungen sprechen von 7.000 oder mehr.

Die Angriffe begannen im vergangenen November, in einer Zeit von anhaltenden Massenprotesten gegen das iranische Regime infolge der Tötung der Kurdin Jina Mahsa Amini im Gewahrsam von Sicherheitskräften. Im März stieg die Zahl der Vorfälle dann sprunghaft an: 247 Attacken wurden in diesem einen Monat aus 139 verschiedenen Orten gemeldet, 104 allein an einem einzigen Tag, dem 6. März.

Noch ist nicht genau bekannt, welche Substanzen bei den Angriffen eingesetzt werden, offenbar handelt es sich aber meist um Gas oder Gasmischungen. Sie verursachen bei den Opfern Übelkeit, Erbrechen, Husten, Kurzatmigkeit, viele müssen zumindest kurzfristig in Spitalsbehandlung. Auch die Absicht hinter den Attacken ist unklar. Sie könnten darauf abzielen, die Mädchen dazu zu bringen, nicht mehr in die Schulen zu kommen, was letztlich auf eine Verhinderung von Schulbildung für Mädchen hinauslaufen würde.

Gezielte, koordinierte Anschläge

Die Angriffe seien »raffiniert, organisiert, fortgesetzt, weit verbreitet und gezielt«, so die FDD. »Das klerikale Regime im Iran hat die Anschläge wahrscheinlich als Reaktion auf die revolutionären Proteste verübt, die das Land seit September 2022 erschüttert haben.« Völlig unklar ist, wer sonst überhaupt als Verantwortlicher infrage käme. »In einem Land wie dem Iran, in dem die Regierung die Gesellschaft streng kontrolliert, ist es unwahrscheinlich, dass regierungsfeindliche Gruppen am helllichten Tag derartige Aktionen durchführen könnten. Außerdem haben regimekritische Gruppen keinen Anreiz, mitten in einer Revolution, die sich für die Rechte der Frauen einsetzt, Schulmädchen anzugreifen.«

Mitte März veröffentliche das Menschenrechtsbüro der Vereinten Nationen eine Stellungnahme, in der es sich »zutiefst besorgt über das physische und psychische Wohlergehen dieser Schülerinnen, ihrer Eltern und der Möglichkeit der Mädchen, ihr Grundrecht auf Bildung wahrzunehmen« zeigte. Obwohl einige Festnahmen bekannt gegeben worden seien, äußerten sich die UN-Vertreter »zutiefst beunruhigt über die Tatsache, dass die staatlichen Behörden es nicht nur monatelang versäumt haben, die Angriffe zügig zu untersuchen, sondern sie bis vor Kurzem wiederholt geleugnet haben«.

Darüber hinaus sei zumindest ein Journalist, der über die chemischen Attacken berichtet hatte, festgenommen worden. Offenbar versuchten die iranischen Behörden, »alle zum Schweigen zu bringen, die versuchen, über Menschenrechtsverletzungen zu berichten oder Rechenschaft darüber einzufordern«. Es bestehe ein »krasser Gegensatz zwischen dem schnellen Einsatz von Gewalt zur Verhaftung und Inhaftierung friedlicher Demonstranten und der monatelangen Unfähigkeit, die Täter von groß angelegten, koordinierten Angriffen auf junge Mädchen im Iran zu identifizieren und festzunehmen.«

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