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Iran: Wer bei der WM-Berichterstattung auf der Strecke bleibt

Fußball-WM: Protest mit der vorrevolutionären Flagge des Iran
Fußball-WM: Protest mit der vorrevolutionären Flagge des Iran (© Imago Images / ZUMA Press Wire)

Der Gedanke an den Charakter des hinter der iranischen Mannschaft stehenden Regimes stört nur den Wunsch nach einem friedlichen und ausgelassenen Fußballfest.

Da ich kein Sportfan bin, interessiert mich die derzeit in Mexiko, Kanada und den USA stattfindende Fußball-WM eigentlich nicht besonders. Dennoch habe ich beschlossen, im dieswöchigen Newsletter über das Großevent zu schreiben. Das hat – Sie werden es nach meinem Eingangsstatement vielleicht schon erahnen – allerdings weniger mit fußballerischen Gründen zu tun als vielmehr mit einem politischen Aspekt rund um das sich so gerne als unpolitisch präsentierende Sportereignis.

Grund für die Entscheidung war der Konsum des gestrigen Ö1-Morgenjournals. Darin berichtete Daniel Kulovits zuerst in der üblichen Manier eines Sportreporters über das überraschende Unentschieden zwischen Spanien und Kap Verde. Mit einem Lachen in der Stimme schilderte er, wie der WM-Neuling dem regierenden Europameister sensationellerweise »tatsächlich einen Punkt ab[knöpfte]« und wie dabei der kapverdische Torhüter zum »absoluten Helden des Spiels« wurde. »Allein, was er Instagram-Follower in den neunzig Minuten gesammelt hat: von 46.000 auf über zwei Millionen hochgeschraubt. Also, der ist der Star und Liebling dieser WM bisher.«

Ganz anders war dann der Tonfall, als Kulovits über das zweite Spiel des Abends berichtete, in dem Neuseeland gegen den Iran angetreten war. Urplötzlich war der überschäumende Redefluss unterbrochen und der Sportreporter geriet hörbar ins Schwimmen – ganz so sei er selbst nicht so ganz überzeugt von dem, was er dem Publikum dann schilderte.

Von der Moderatorin Barbara Schieder nach »irgendwelche[n] Auffälligkeiten« beim »ersten Spiel der iranischen Mannschaft auf amerikanischem Boden« gefragt, rang Kulovits deutlich nach Worten, als er ausführte: »[Tiefes Einatmen] Der erste Auftritt des Iran war grundsätzlich mal … ah … unter diesem Einfluss der weltpolitischen Verwerfungen mal gestanden … war … man war gespannt, was da draus wird.« Schließlich führe der WM-Gastgeber USA ja seit Monaten Krieg gegen den Iran, weswegen zeitweise sogar ein Ausschluss oder Boykott der Mannschaft zur Debatte gestanden habe.

In weiterer Folge erwähnte der Ö1-Reporter zwar, dass während des Abspielens der Hymne der Islamischen Republik Pfiffe im Stadion zu hören waren, dann sei die Stimmung aber friedlich gewesen und es sei zu keinen Ausschreitungen gekommen. »Die Stimmung im Stadion war dann sogar – vor 70.000 Fans übrigens – ziemlich ausgelassen.«

Vor dem Stadion in Los Angeles: Protest gegen die iranische Nationalmannschaft
Vor dem Stadion in Los Angeles: Protest gegen die iranische Nationalmannschaft (© Imago Images / Middle East Images)

Regimekonformer Kader

Ein wenig aus dem Rahmen gefallen, erzählte Kulovits unter einem leicht verschämt klingenden Schmunzeln, sei allerdings »der Torjubel des Iraners [Mohammad] Mohebi. Der hat nach dem 2:2-Ausgleichstreffer dann zu einem völlig deplatzierten Pistolenjubel angesetzt.« Was ich mir aufgrund der Schilderung noch als eine mehr oder weniger unschuldige Geste nach Art der Looney-Tunes-Figur Yosemite-Sam, der in den entsprechenden Zeichentrickfilmen gerne vor Enthusiasmus wild um sich in die Luft schießt, vorgestellt hatte, entpuppte sich bei näherer Recherche aber als etwas durchaus anderes. Nach dem Ausgleichstreffer formte der iranische Nationalspieler seine Hand zu einer Pistole, zielte auf die Zuschauerränge und feuerte mehrere imaginäre Schüsse ab.

Auf den Videoaufnahmen mutete Mohebis Geste bewusst provokativ an und wurde vor allem von Exil-Iranern, die mit der vorrevolutionären Flagge oder anderen regimekritischen Devotionalien im Stadion waren, als unmittelbare Drohung empfunden. Viele verglichen die Aufnahme gar mit Bildern iranischer Sicherheitskräfte, die bei den Protesten im Januar auf protestierende Demonstranten schossen und dabei mindestens 30.000 Menschen getötet haben. (Im Stadion selbst war auch ein Transparent sichtbar, auf dem der »42.000« Opfer des »#Iran-Massaker[s]« gedacht wurde.)

Im Weiteren kommentierte der Ö1-Reporter, dass die »von der FIFA verbotene Flagge, die als Widerstandssymbol gegen das Regime in Teheran gilt … mehrfach im Stadion« gesehen wurde. Dem Verbot gemäß sei sie von Mitarbeitern entfernt worden: »abgenommen den Fans des Iran sozusagen«. Die von Kulovits vielsagend als Fans »sozusagen« bezeichneten Flaggenträger waren jedoch weniger wegen des Fußballspiels im Stadion. Vielmehr wollten sie ihren Protest gegen die Islamische Republik vor aller Welt öffentlich machen. Für viele Exil-Iraner ist die Nationalmannschaft kein unterstützenswertes Team, sondern eine loyale Botschafterin des verhassten Regimes. Dies gilt umso mehr, als die Islamische Republik den Kader in den letzten Monaten säuberte und regimekritische Spieler gezielt ausschloss.

»Als die Spieler vorgestellt wurden und die iranische Nationalhymne erklang, entfalteten Hunderte von Fans die verbotenen Fahnen und wandten dem Spielfeld den Rücken zu.« So beschreibt die New York Post denn auch die Szenen, die sich zu Beginn des Spiels zutrugen und die man in unzähligen Social-Media-Beiträgen beobachten kann – während die FIFA die Buh-Rufe und Pfiffe bei ihrer Übertragung ausgeblendet habe, wie ihr viele wütende Iraner vorwarfen. Einige der Protestierenden postierten sich auch gut sichtbar mit Anti-Regime- und Israel-Fahnen hinter regimetreuen Fans, um diesen zu verunmöglichen, Propagandafotos zu schießen und zu verbreiten.

Verdrängung

Bei Kulovits‘ Morgenjournal-Bericht konnte man sich hingegen des Eindrucks nicht erwehren, er wolle letztlich all diese Differenzen – die sich nicht nur in Protesten vor dem Stadion, sondern zum Teil auch in Handgreiflichkeiten zwischen Mullah-Fans und Regimekritikern äußerten – verdrängen, um sich das ersehnte friedliche und ausgelassene Fußballfest nicht durch Konflikte und den Gedanken an den Charakter des iranischen Regimes vermiesen zu lassen. Wer in diesem weichgezeichneten Bild nur stört und deswegen wieder einmal auf der Strecke bleibt, sind die unter der Islamischen Republik leidenden Iraner, die die Opfer dieses blutrünstigen und menschenvernichtenden Regimes sind.

Das ist ein Auszug aus dem jüngsten Mena-Watch-Newsletter vom 17. Juni. Wenn Sie unseren Newsletter künftig immer schon am Mittwochnachmittag erhalten wollen, melden Sie sich hier an.

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