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Irakisch-jüdische Überlebende gedenken des 85. Jahrestags des Farhud

Edi Mor, Esther Meir, Hadassah Lazar, Nadia Cohen and Rabbi Elhanan Miller bei der Zeremonie zum Gedenken an den Farhud im Irak
Edi Mor, Esther Meir, Hadassah Lazar, Nadia Cohen and Rabbi Elhanan Miller bei der Zeremonie zum Gedenken an den Farhud im Irak (Quelle: JNS)

Bei der Zeremonie warnte Israels Präsident Herzog davor, dass der weltweit zunehmende Antisemitismus an den Hass erinnert, der das Massaker an den irakischen Juden im Jahr 1941 angeheizt hat.

Sasha Silber

»Es ist kein Geheimnis, dass viele von Ihnen das Gefühl haben, dass die Ereignisse des Farhud im israelischen Nationalbewusstsein nicht immer den ihnen gebührenden Platz eingenommen haben«, sagte der israelische Präsident Isaac Herzog am Montag vor den Zuhörern bei einer Gedenkfeier zum 85. Jahrestag des Pogroms gegen irakische Juden im Jahr 1941. »Und sie haben Recht.«

In seiner Rede in der Präsidentenresidenz in Jerusalem forderte Herzog, dass der Farhud – und die umfassendere Geschichte der Juden aus arabischen Ländern – in der israelischen Erinnerung, Bildung und im öffentlichen Diskurs mehr Anerkennung finden müsse. Die Gedenkfeier, die vom Präsidenten und seiner Frau Michal ausgerichtet wurde, brachte Mitglieder der irakisch-jüdischen Gemeinschaft in Israel, Überlebende des Farhud, deren Nachkommen und Wissenschaftler zusammen.

Israel Präsident Isaac Herzog bei Gedenkfeier zum Farhud
Israel Präsident Isaac Herzog bei Gedenkfeier zum Farhud (Quelle: JNS)

Ein Pogrom während Schawuot

Der Farhud – ein arabischer Begriff, der »gewaltsame Enteignung« bedeutet – brach am 1. und 2. Juni 1941 in Bagdad während des jüdischen Schawuot-Festes aus. Jüdische Häuser und Geschäfte wurden geplündert, Synagogen geschändet, Frauen vergewaltigt und Juden geschlagen, verwundet und ermordet.

Herzog stellte den Pogrom in den umfassenderen Kontext der Geschichte des irakischen Judentums, führte dessen Wurzeln bis ins babylonische Exil zurück und beschrieb es als eine der ältesten und bedeutendsten jüdischen Gemeinschaften in der Diaspora. »In dieser schrecklichen Nacht, zwischen dem 1. und 2. Juni 1941, verwandelten sich die Schriften und Parolen in schreckliche Gewalt«, sagte Herzog. Randalierer stürmten jüdische Häuser in ganz Bagdad, schlugen, verletzten und töteten Juden, nur weil sie Juden waren. »In diesen schrecklichen Stunden wurden 179 Juden ermordet – Frauen, Kinder, Erwachsene, Männer – und das aus einem einzigen Grund: ihrem Judentum.«

Die meisten der rund 180.000 Juden, die seit Generationen im Irak gelebt hatten, verließen in der Folge das Land, viele fanden Zuflucht im jungen Staat Israel. Herzog sagte, irakische Einwanderer seien zu einer treibenden Kraft in der israelischen Gesellschaft geworden und hätten eine entscheidende Rolle beim Aufbau des Staates gespielt. Die Erinnerung an den Farhud, so sagte er, sei nicht nur ein Akt historischer Gerechtigkeit. Sie sei auch Teil der Verantwortung Israels, Antisemitismus zu bekämpfen und die Geschichte des babylonischen Judentums durch Bildung, Kultur und öffentlichen Diskurs an künftige Generationen weiterzugeben. »Wir müssen nicht nur über den Farhud unterrichten, sondern auch über das Erbe des babylonischen Judentums.«

In Bezug auf den Kampf gegen Antisemitismus sagte er: »85 Jahre sind seit diesen erschütternden Ereignissen vergangen. Doch die Wellen antisemitischen Hasses schwellen weiter an und verstärken sich sogar, wodurch die Sicherheit der Juden auf der ganzen Welt bedroht wird. Wir erleben eine Zunahme antisemitischer Angriffe, auch in demokratischen Ländern und sogar unter langjährigen Freunden des Staates Israel. Wenn wir dem Ausdruck verleihen, was unsere Schwestern und Brüder im Irak vor 85 Jahren erdulden mussten, erinnern wir die Welt an die Gefahren, die in antisemitischer Hetze liegen, und daran, wohin uns dieser rassistische Hass in der Vergangenheit geführt hat.«

Der Farhud in Bagdad im Jahr 1941
Der Farhud in Bagdad im Jahr 1941 (Quelle: JNS)

Von der Integration zum Bruch

Die von dem Dokumentarfilmer David Kahtan organisierte Gedenkveranstaltung umfasste das Anzünden von Gedenkkerzen, einen Ausschnitt aus seiner Dokumentarserie The Long Journey Home: The Untold Story of Iraq’s Jews, eine von Rabbi Elhanan Miller moderierte Podiumsdiskussion sowie die Porträt-Ausstellung »Gesichter des Farhud« mit Fotografien von Rona Olshevsky.

Herzog hob Kahtan besonders hervor, der seit mehr als zwei Jahrzehnten die Geschichten irakischer Juden dokumentiert. »Es gibt einen Menschen, für den diese Veranstaltung sein Lebenswerk ist. Das ist David Kahtan. Sie vollbringen eine große Mitzwa [gute Tat; Anm. Mena-Watch]«, erklärte der Präsident.

Kahtan erklärte dem Publikum, die Bewahrung von Zeitzeugenberichten sei immer dringlicher geworden, da die letzte Generation von Augenzeugen langsam verschwindet. »Da die Generation meines Vaters, die letzten Zeugen des Farhud, langsam ausstirbt, habe ich begonnen, die Berichte der verbliebenen Überlebenden aufzuzeichnen, bevor ihre Stimmen in der Zeit verloren gehen. Denn Erinnerung ist ein Akt des Widerstands.«

Esther Meir-Glitzenstein von der Ben-Gurion-Universität des Negev führte den Farhud auf die politischen und ideologischen Veränderungen zurück, die den Irak in dem Jahrzehnt vor dem Pogrom geprägt hatten. In den frühen 1920er Jahren wurde der Irak als konstitutionelle Monarchie gegründet, in der Muslime, Christen und Juden Bürger waren. Juden bekleideten öffentliche Ämter und spielten eine herausragende Rolle in Regierung, Wirtschaft, Kultur und Kunst. Zu ihnen gehörte Finanzminister Sassoon Eskell, der weithin als einer der Architekten des modernen irakischen Staates gilt. König Faisal, so merkte sie an, bezeichnete die Bürger des Irak als »Kinder Abrahams. Das war das Fundament, das das irakische Volk zusammenbringen sollte«, so Meir-Glitzenstein. »Es war eine liberale Monarchie.«

Diese Vision begann sich nach der Unabhängigkeit des Irak im Jahr 1932 und dem Tod Faisals im folgenden Jahr aufzulösen. Der irakische Nationalismus nahm zunehmend einen ausgrenzenden Charakter an, während sich der Einfluss der Nazis im Land ausbreitete.

Laut Meir-Glitzenstein gelangte die Nazi-Propaganda über die deutsche Gesandtschaft in Bagdad in den Irak und breitete sich in den 1930er Jahren stetig aus. Palästinensisch-arabische Aktivisten, die nach dem Arabischen Aufstand eintrafen, gründeten Jugendbewegungen nach dem Vorbild der Hitlerjugend, während Haj Amin al-Husseini, der Mufti von Jerusalem, 1938 im Irak eintraf und später eine zentrale Rolle im Aufstand von Rashid Ali al-Gaylani im Jahr 1941 spielte. »All dies geschah innerhalb von zehn Jahren.«

Die Bedeutung des Farhud, so argumentierte die emeritierte Professorin, reichte weit über Bagdad hinaus. Ähnliche Ausbrüche antijüdischer Gewalt sollten an anderen Orten der arabischen Welt folgen, darunter Libyen, Aden, Ägypten und Syrien. »Was diese Ereignisse deutlich machten, war, dass es für Juden keinen Platz in den nationalen Bewegungen der arabischen Länder gibt und keinen Platz für sie in den entstehenden Nationen.« Die Frage, die sich viele Juden zu stellen begannen, war nicht nur, welche Zukunft sie selbst hätten, sondern auch: »Welche Zukunft gibt es für unsere Kinder?«

Porträts von Überlebenden als Teil der »Gesichter des Farhud«-Ausstellung
Porträts von Überlebenden als Teil der »Gesichter des Farhud«-Ausstellung (Quelle: JNS)

Überlebender erinnert sich

Edi »Edmond« Mor war fünf Jahre alt, als der Farhud ausbrach. In der Podiumsdiskussion und später im Gespräch erinnerte sich Mor daran, wie organisiert die Gewalt schon vor ihrem Ausbruch wirkte. »Es war organisiert. Sie gingen mit Pinseln durch die Straßen und markierten jedes jüdische Haus. Wenn sie an einem Haus vorbeikamen, das nicht jüdisch war, schrieben sie das ebenfalls darauf, damit es nicht angegriffen würde.«

Mor war mit seinem älteren Bruder zu Besuch bei Verwandten in Bagdad, als die Gewalt ausbrach. Auf dem Heimweg fuhr ihr Kleinbus durch ein schiitisches Viertel, in dem bereits Unruhen im Gange waren. Das Fahrzeug vor ihnen wurde von einem Mob angehalten, und die jüdischen Passagiere wurden herausgezerrt und ermordet. Ihrem Fahrer gelang es, eine Polizeistation zu erreichen, wo die Familie über Nacht Zuflucht fand. Mors Vater blickte auf die Straße und sah, wie Leichen durch Bagdad getragen wurden. Aus Angst, dass Verwandte unter den Toten sein könnten, begann er zu trauern, noch bevor er ihr Schicksal kannte.

Am nächsten Tag, als die Familie versuchte, nach Hause zurückzukehren, wartete draußen eine mit Messern, Eisenstangen und anderen Waffen bewaffnete Menge. Ein muslimischer Nachbar versuchte einzugreifen und wurde angegriffen. Mors Vater zog eine Pistole und schoss in die Luft. »Ich weiß nicht, woher er sie hatte«, sagte Mor. Die Familie floh durch das Nachbarhaus und über die Dächer. »Als wir am Abend nach Hause zurückkehrten, gab es kein Zuhause mehr. Die Blumentöpfe waren zerschlagen. Die Türen und Fenster waren zerbrochen. Alles, was nicht geplündert worden war, war zerstört worden. Es war ein Pogrom.« Auch das Stoffgeschäft der Familie, das sein Vater »aus dem Nichts aufgebaut« hatte, wurde geplündert.

Mor sagte, der Farhud habe letztlich viele irakische Juden davon überzeugt, dass ihre Zukunft nicht mehr im Irak liege. »Von diesem Moment an, glaube ich, hat die gesamte Gemeinde verstanden, dass dies nicht mehr ihr Platz war.«

Präsident Isaac Herzog mit Shlomo Mantzurs Schwester Hadassah Lazar
Präsident Isaac Herzog mit Shlomo Mantzurs Schwester Hadassah Lazar (Quelle: JNS)

Von Bagdad nach Kissufim

Für eine andere Diskussionsteilnehmerin ist der Farhud nicht einfach nur Geschichte. Hadassah Lazar stellte anhand des Lebens ihres Bruders Shlomo Mantzur eine direkte Verbindung zwischen der Gewalt in Bagdad und dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 her.

Der im Irak geborene Mantzur überlebte als Kind den Farhud, bevor er nach Israel auswanderte. Mehr als acht Jahrzehnte später wurde er während des Hamas-Angriffs aus dem Kibbuz Kissufim entführt. Mit 86 Jahren war er das älteste Opfer der Geiselnahme an diesem Tag. Er wurde in Gefangenschaft ermordet und seine Leiche wurde 509 Tage lang in Gaza festgehalten, bevor sie zur Beisetzung zurückgegeben wurde. Herzog, der bei Mantzurs Beerdigung die Grabrede hielt, beschrieb dessen Leben als eine Reise »von den Flüssen Babylons nach Zion«.

»Die Zeichen standen im Irak an der Wand«, sagte Lazar. »Und die Zeichen standen auch hier an der Wand, in unserem Land, in unserem souveränen Staat. Wir dachten: ›Nie wieder‹.« Ihr Bruder habe wiederholt gewarnt, dass sich an der Grenze zu Gaza eine Gefahr zusammenbraue. »Er sagte mir: Solange es hier keine Katastrophe gibt, wird niemand aufwachen.«

Lazar zog auch einen Vergleich zwischen dem Farhud und der verzögerten militärischen Reaktion am 7. Oktober. »Die britische Armee blieb untätig und griff in diesen zwei Tagen nicht ein, um zu helfen. Unsere Armee, die uns eigentlich schützen soll, blieb sieben oder acht Stunden lang untätig. Niemand kam, um zu helfen.« Die Lehre daraus, sagte sie, sei dieselbe. »Wir müssen unserem Feind glauben, dass er etwas vorhat, und nicht davon ausgehen, dass er abgeschreckt ist.“

Nadia Cohen, die während des Pogroms von 1941 als kleines Kind in Bagdad lebte und die Witwe des israelischen Spions Eli Cohen ist, der am 18. Mai 1965 in Damaskus hingerichtet wurde, bat darum, vor dem Ende der Podiumsdiskussion noch einen letzten Gedanken hinzuzufügen. »Jeder aus der irakischen jüdischen Gemeinschaft trägt die Wunde des Schweigens hier in Israel, des Schweigens darüber, was im Irak – und auch in Libyen – geschehen ist. Jahrelang wollten sie nicht zuhören. Sie wollten es nicht wissen. Sie trauten sich nicht, davon zu erzählen.«

Cohen äußerte die Hoffnung, dass die zunehmenden Bemühungen, die Erfahrungen von Juden aus arabischen Ländern zu dokumentieren, endlich zu einer breiteren Anerkennung eines weitgehend übersehenen Kapitels der jüdischen Geschichte führen würden. »Auch das war ein Holocaust«, sagte sie. »Ich hoffe, dass dieser Abend zu einer jährlichen Erinnerung wird. Wir Juden vergessen. Aber ein Araber von vor 200 oder 300 Jahren erinnert sich an sein Haus, seinen Schlüssel und daran, was ihm angetan wurde. Auch hier muss an das erinnert werden, was uns widerfahren ist, an das, was den irakischen Juden widerfahren ist. Unser Schicksal hängt vom Lernen und Erinnern ab – nicht vom Vergessen.«

Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. (Übersetzung von Alexander Gruber.)

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