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Irak: Ein unbeabsichtigter Nebeneffekt des Islamischen Staates

Frauen aus Anbar bei einem Nähprojekt in Kurdistan.
Frauen aus Anbar bei einem Nähprojekt in Kurdistan (Quelle: Wadi)

Viele der vom Islamischen Staat in die Region Kurdistan vertriebenen Iraker, erlebten dort vergleichsweise liberale Verhältnisse, was auch nach ihrer Rückkehr Auswirkungen hat.

Blickt man auf die letzten zehn Jahre im Irak zurück und die Verheerungen, die die Jihadisten des Islamischen Staates in dieser Zeit angerichtet haben, so bleibt wenig, was man als tröstlich bezeichnen könnte.

Nicht nur vertrieben sie hunderttausende Jesidinnen und Jesiden, die bis heute ohne Perspektive auf Besserung in so genannten IDP-Lagern für Binnenvertriebene zu leben gezwungen sind, sondern sie töteten und versklavten auch Tausende weitere.

Vergleichsweise liberal

Keineswegs hatten aber nur Jesiden oder Schiiten unter dem Terror zu leiden, zehntausende Araber flohen vor dem IS und den folgenden Kämpfen auch aus dem sunnitischen Dreieck und der Provinz Ninive in das benachbarte Irakisch-Kurdistan.

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Dort lernten sie eine ganz andere Realität kennen: Im Vergleich zu ihrer Heimat herrschen in den kurdischen Gebieten recht liberale Zustände, die mit der Zeit, wie sich nun herausstellt, durchaus abfärbten.

Wesentlich mehr Frauen etwa arbeiten in Kurdistan als in der als sunnitisches Dreieck bekannten Anbar-Provinz, wo bevor der IS die Kontrolle übernahm, größtenteils noch extrem konservative Moralvorstellungen dominiert hatten.

Was dann allerdings im Namen des Islam im Kalifat des Islamischen Staates geschah schreckte viele der selbst äußerst traditionellen Bewohner der Region ab. Auch wenn der IS durchaus auf große Unterstützung bauen konnte und große Teile der Bevölkerung mit ihm und seinen Zielen sympathisierten, gab es doch genug, die vor ihm flohen oder seine Terrorherrschaft ablehnten.

Viel lauter als je zuvor melden sie sich nun zu Wort, denn anders als noch vor einem Jahrzehnt steht heute im sunnitischen Dreieck nicht mehr jeder fast automatisch im Verdacht, es mit dem Westen zu halten, der sich für Reformen und Veränderung einsetzt.

Bis vor Kurzem kaum vorstellbar

Wo es bis vor kurzem noch fast täglich zu Anschlägen und Attentaten kam, herrscht jetzt wieder weitgehende Ruhe. Die, die nach längerer Abwesenheit nun zurückkehren, weil die Lage sich beruhigt, haben zwischenzeitlich einen ganz anderen Irak kennen gelernt.

Entsprechend kehren sie, wie Chloe Cornish in der Financial Times berichtet, auch als andere zurück, als sie damals waren, als sie geflüchtet sind. Und es sind solche Veränderungen, selbst wenn sie Folge von Krieg und Terror sind, die überall in der Region stattfinden und früher kaum vorstellbar gewesen wären.

Die Gesellschaft im stammesorientierten und überwiegend sunnitischen Anbar durchläuft einige subtile, aber bedeutende Veränderungen.

„Früher hielten die Familien die Mädchen davon ab, arbeiten zu gehen“, sagt Abir, eine Labortechnikerin, die vor dem Aufstieg des IS zu den relativ wenigen arbeitenden Frauen gehörte. „Jetzt gibt es einen Wettbewerb um Arbeitsplätze für sie“.

Die irakischen Arbeitsstatistiken sind nicht nach Provinzen aufgeschlüsselt, aber eine Prognose der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) geht davon aus, dass der Anteil der Frauen an der Erwerbsbevölkerung im Irak insgesamt nur 20 Prozent beträgt.

Früher war es für patriarchalische Familien in der Provinz Anbar unüblich, ihren Töchtern zu erlauben, zu arbeiten oder Auto zu fahren, doch jetzt werden die strengen Vorschriften gelockert. Und dafür, sagen die Anbaris, kann man sich beim IS bedanken. (…)

Viele Menschen zogen von Falludscha nach Shaqlawa in Kurdistan, das man Shaqlujah nannte. Diese Gebiete waren im Allgemeinen sozial liberaler als Anbar.

Ein Lehrer, der Falludscha 2014 verließ, sagte, der Umzug habe seine Perspektive verändert. „Als ich nach Shaqlawa umgesiedelt wurde, sah ich eine andere Kultur“, sagte er. Dort legte seine Frau ihren Niqab-Gesichtsschleier ab.

Während der langen Vertreibung der Anbaris von 2014 bis 2016 und darüber hinaus „lernten sie andere Regionen kennen“, sagte Abrar al-Ani, 29, die erste Frau, die die Abteilung für die Koordinierung mit internationalen NRO in Anbar leitet. „Als die Frauen vertrieben wurden, mussten sie arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen und den Männern zu helfen. Das hat die Frauen gestärkt.“

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