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Internet-Sperren: Der Angriff des Regimes auf die Psyche der Iraner

Protest gegen die Internet-Abschaltungen im Iran
Protest gegen die Internet-Abschaltungen im Iran (© Imago Images / ZUMA Press Wire)

Die monatelange Internetsperre in der Islamischen Republik Iran hat für viele Iraner persönliche Auswirkungen, die in den politischen Diskussionen oft zu kurz kommen.

Mit dem Ausbruch des militärischen Konflikts zwischen dem Iran und den Vereinigten Staaten erlebte der Iran eine der härtesten Phasen der Internetbeschränkungen in seiner Geschichte. Diese Beschränkungen dauern in einigen Regionen und für viele Nutzer nun schon wochen- oder sogar monatelang an. Die Islamische Republik rechtfertigt die Situation mit den »Kriegsbedingungen« und »Wahrung der nationalen Sicherheit«. Doch für Millionen von Iranern bestand die wahre Folge des Blackouts nicht nur im Verlust des Zugangs zu Informationen, sondern im Zusammenbruch der Kommunikation mit geliebten Menschen, die durch Migration und Exil über die gesamte Welt verstreut sind.

»Seit Tagen starre ich nur auf die letzte Nachricht meiner Mutter auf WhatsApp und hoffe, dass sie bald wieder online geht.« Das sind die Worte eines 32-jährigen Iraners, der in Hamburg lebt und das Land vor vier Jahren aufgrund von Arbeitslosigkeit und der Wirtschaftskrise verlassen hat. Er erklärt, dass er während der Internetabschaltungen seine Familie in Shiraz nicht kontaktieren konnte: keine Videoanrufe, keine Messaging-Apps, keine Gewissheit über das Überleben seiner Angehörigen.

Psychische Belastung

In vielen Teilen der Welt ist das Internet einfach ein ganz normaler Bestandteil des Alltags: ein Werkzeug für Arbeit, Unterhaltung oder soziale Interaktion. Doch im Iran hat das Internet für Millionen von Menschen eine Bedeutung, die weit darüber hinausgeht. Es ist die letzte emotionale Rettungsleine, die Familien verbindet, die durch jahrzehntelange Wirtschaftskrise, politischen Druck und Massenmigration auseinandergerissen wurden. Wenn diese Rettungsleine gekappt wird, verschwinden nicht nur Daten und Informationen. Vielmehr beginnt eine auch Art psychischer und emotionaler Zusammenbruch, dessen Auswirkungen in politischen Analysen oft unerwähnt bleiben.

In den letzten Jahrzehnten hat der Iran eine der größten Migrationswellen im Nahen Osten erlebt. Eine Kombination aus wirtschaftlicher Stagnation, Sanktionen, politischen Restriktionen und schwindender Hoffnung auf die Zukunft hat Millionen von Iranern dazu getrieben, das Land zu verlassen. Schätzungen zufolge leben heute Millionen von Iranern in Europa, Nordamerika, der Türkei, Australien und den Nachbarländern in der Region. Für viele von ihnen war die Migration keine freie Entscheidung, sondern eine unvermeidbare Notwendigkeit.

Unter solchen Umständen ist das Internet zu einem Ersatz für die physische Präsenz vor Ort geworden. Videoanrufe, kurze tägliche Nachrichten, Bilder von Mahlzeiten, das Lachen von Kindern in WhatsApp-Nachrichten sind Teil des emotionalen Gefüges des Familienlebens geworden. Für viele Eltern im Iran ist das Bild ihres im Ausland lebenden Kindes auf dem Handybildschirm die einzige verbleibende Form des Familienlebens, die ihnen noch bleibt.

Eine Mutter in Teheran, deren Tochter nach ihrer Heirat kurz vor dem Ausbruch des iranisch-amerikanischen Konflikts nach Finnland ausgewandert ist, sagt: »Ich habe seit drei Monaten nichts mehr von meiner Tochter gehört. Ich weiß nicht, ob sie krank, glücklich oder am Leben ist. Es fühlt sich an, als hätten sie mich in einen Käfig gesperrt.« Sie erklärt, dass selbst internationale Telefonate entweder unterbrochen werden oder so teuer sind, dass es unmöglich wurde, sie fortzusetzen. »Ein Mensch mag vielleicht schlechte Nachrichten ertragen können, aber nicht die Ungewissheit.«

Diese Ungewissheit ist zu einer der tiefgreifendsten psychischen Erfahrungen iranischer Familien geworden. In vielen Industrieländern sind die Menschen an ständige, sofortige Kommunikation gewöhnt. Das Ausbleiben einer Nachricht für ein paar Stunden mag irritierend sein, doch im heutigen Iran kann eine plötzliche Abschaltung des Internets bedeuten, dass man vollständig in ein Informationsvakuum gestürzt wird, das von Angst, Gerüchten und Unruhe geprägt ist.

»Doppeltes Exil«

Für im Ausland lebende Iraner geht diese Situation oft mit Schuldgefühlen und Hilflosigkeit einher. Ein 28-jähriger Mann in Deutschland erzählt, seine Mutter habe ihren Schmuck verkauft, um seine Auswanderung zu finanzieren. Nun hat er es seit Monaten nicht geschafft, länger als ein paar Minuten mit ihr zu sprechen. »Ich habe einmal angerufen. Meine Mutter sagte nur: ›Uns geht es gut. Leg auf, Auslandsgespräche sind teuer.‹ Das Gespräch war in weniger als einer Minute beendet.«

Diese Erfahrungen zeigen, dass Internet-Sperren im Iran nicht nur Einschränkungen des Zugangs zu Informationen oder sozialen Netzwerken sind; sie sind Störungen der menschlichen Beziehungen selbst – speziell in einem Land, in dem Millionen von Familien über Grenzen hinweg getrennt sind.

Gleichzeitig hat sich der Verkauf von VPNs und Tools zur Umgehung von Filterungen zu einem boomenden Geschäft entwickelt. Das Pikante daran ist, dass dieses Geschäft Berichten zufolge weitgehend von den Behörden selbst kontrolliert wird und die Geräte zu extrem hohen Preisen an die begrenzte Zahl von Menschen verkauft werden, die wohlhabend genug sind, sie sich leisten zu können.

In einem Einkaufszentrum in Teheran fragt eine ältere Frau einen Verkäufer mit zitternder Stimme, ob dieses »sichere Internet« ihren Sohn, der in ein Nachbarland ausgewandert ist, irgendwie gefährden könnte. Sie sagt besorgt, dass sie nicht bereit sei, ihr Kind für nur ein paar Minuten Kontakt einem Risiko auszusetzen.

Solche Szenen zeigen, dass das Internet im Iran nicht mehr nur Technologie ist; es ist Teil des psychischen Wohlergehens von Familien geworden. Wenn die Kommunikation unterbrochen ist, beginnen die Iraner, wie besessen auf Lebenszeichen ihrer Angehörigen zu warten. Eine junge Frau in Isfahan erzählt, dass ihre Mutter, seit die Internetverbindung unterbrochen ist, fast jede Nacht weint. Ihr Bruder hat nach Beginn des Krieges den Iran verlassen, und die Familie weiß immer noch nicht genau, in welchem Land er sich befindet oder unter welchen Bedingungen er lebt. »Meine Mutter schläft nicht richtig und isst auch nicht. Sie starrt nur auf ihr Handy«, erzählt die junge Frau.

Für viele Außenstehende drehen sich die Diskussionen über das Internet im Iran oft um Zensur, Politik oder staatliche Kontrolle. Doch im Alltag der Menschen vor Ort ist das Thema weitaus tiefgreifender. Für iranische Familien ist das Internet zu einer Art gemeinsamem Gedächtnis geworden: Familienfotos, Online-Geburtstagsfeiern, Neujahrs-Videoanrufe oder sogar die virtuelle Teilnahme an Beerdigungszeremonien. In einem solchen Kontext führen Internetausfälle zu einer Unterbrechung der familiären Beziehungen und zur Beziehungslosigkeit der Menschen.

Gleichzeitig führen diese Unterbrechungen für iranische Migranten zu einer Art »doppeltem Exil«. Nicht nur sind sie von ihrer Heimat getrennt, sondern in Zeiten von Internetausfällen sind auch ihre Familien von der Außenwelt abgeschnitten. Dies erzeugt ein verstärktes Gefühl der Isolation, das sich immer wieder in den Geschichten iranischer Migranten widerspiegelt.

Für viele iranische Familien ist das Internet nicht mehr nur Technologie, sondern eine neue Form, füreinander da zu sein. Durch die Abschaltung hat das Regime dieses emotionale System iranischer Familien angegriffen. Dies ist ein Angriff, dessen Auswirkungen, wenn sie nicht sogar einschneidender sind als die des Krieges selbst, so doch sicher nicht weniger verheerend sind.

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