Frauen fordern zunehmend das Recht ein, ihre religiöse Identität selbst zu definieren, wie die mit den iranischen Frauenprotesten solidarische israelische Bewegung Women of the Wall demonstriert.
Als am 18. Februar erneut Aktivistinnen der Bewegung Women of the Wall am Jerusalemer Kotel, der Westmauer des Tempelbergs, von der Polizei festgehalten wurden, wirkte das Ereignis für Außenstehende wie eine weitere Episode eines seit Jahrzehnten schwelenden Kulturkampfes. Tatsächlich jedoch steht der Konflikt exemplarisch für eine tiefere Auseinandersetzung innerhalb des Judentums – über religiöse Autorität, Gleichberechtigung und die Frage, wem der heiligste Ort des jüdischen Volkes gehört.
Der religiöse Hintergrund
Die Bewegung Women of the Wall (Neshot HaKotel) entstand 1988 während einer internationalen jüdisch-feministischen Konferenz in Jerusalem. Eine Gruppe von etwa siebzig Frauen beschloss damals, am Kotel gemeinsam zu beten, laut zu singen und aus einer Torah-Rolle zu lesen: Praktiken, die im orthodox dominierten Gebetsbereich unüblich waren.
Seitdem treffen sich die Aktivistinnen regelmäßig, meist zu Rosch Chodesch, dem jüdischen Monatsbeginn. Ihr Anliegen ist nicht die Abschaffung religiöser Praxis, sondern im Gegenteil deren Ausweitung: Frauen sollen am zentralen Gebetsplatz Tallit (Gebetsschal) tragen, Tefillin (Lederkapseln, in denen sich Textstellen aus der Torah befinden) anlegen und öffentlich aus der Torah lesen dürfen, so wie Männer es tun. Die Bewegung umfasst Frauen aus reformjüdischen, konservativen, modern-orthodoxen und säkularen Kontexten. Sie versteht sich als innerjüdische Initiative, nicht als säkularer Protest gegen Religion.
Um den Konflikt zu verstehen, muss man die religiöse Struktur des Kotel begreifen. Die West- oder Klagemauer ist kein gewöhnlicher öffentlicher Platz, sondern ein heiliger Ort unter religiöser Verwaltung. Der zentrale Gebetsbereich wird dabei von der Western Wall Heritage Foundation betreut, die sich an orthodoxer Halacha orientiert. Nach orthodoxer Tradition beten Männer und Frauen getrennt. Bestimmte liturgische Elemente, etwa die öffentliche Torah-Lesung, gelten als Teil eines Minjan, eines Gebetsquorums, das traditionell aus zehn Männern besteht. Auch das Tragen von Tallit und Tefillin ist in orthodoxen Gemeinden primär männliche Praxis.
Die Frauen von Women of the Wall bestreiten nicht die Halacha selbst, sondern deren ausschließliche orthodoxe Interpretation am Kotel. Sie argumentieren, dass auch andere halachische Lesarten existieren und der heiligste Ort des Judentums die Vielfalt jüdischer Praxis widerspiegeln müsse. Ein politischer Kompromiss von 2016 sah vor, einen dauerhaft ausgebauten egalitären Gebetsbereich mit gleichwertigem Zugang zu schaffen. Dieser sogenannte »Kotel-Kompromiss« wurde jedoch 2017 weitgehend ausgesetzt.
Die jüngste Eskalation ereignete sich am 18. Februar. Zwei führende Vertreterinnen der Bewegung, Yochi Rappaport und Tammy Gottlieb, wurden von der Polizei während ihres Rosh Chodesh Gebets vorübergehend festgehalten. Laut Polizei hätten sie einen Zugang blockiert, was diese entschieden zurückweisen.
Der Vorfall ereignete sich unmittelbar nach einer Anhörung vor dem Obersten Gerichtshof, der sich erneut mit der Umsetzung des egalitären Gebetsbereichs befasste. Berichten zufolge wollten die Frauen wie üblich eine Torah-Lesung abhalten. Die Mitnahme eigener Torah-Rollen in den zentralen Bereich ist jedoch weiterhin stark umstritten. Die Festnahmen waren zwar nur kurzzeitig, doch politisch symbolträchtig. Sie verdeutlichen, dass der Status des Kotel weiterhin juristisch ungeklärt ist.
Internationale Dimension
Women of the Wall zeigt sich solidarisch mit Frauenprotesten weltweit, insbesondere mit jenen im Iran. Dieser Bezug verleiht dem innerisraelischen Konflikt zugleich eine internationale Dimension. Seit dem Tod der 22-jährigen Jina Mahsa Amini im Jahr 2022, die nach ihrer Festnahme durch die Sittenpolizei in Gewahrsam der Sicherheitskräfte starb, erlebt der Iran eine anhaltende Protestbewegung unter dem Motto »Frau, Leben, Freiheit«, deren Demonstrationen sich nicht nur gegen den Kopftuchzwang, sondern zunehmend gegen das gesamte politische System richteten. Menschenrechtsorganisationen berichten von massiver Repression: Ein in der Folge erlassenes Gesetz drohte den Frauen mit Haftstrafen, Peitschenhieben und sogar der Todesstrafe, um den Widerstand gegen den Kopftuchzwang zu brechen.
Auch aktuell halten die Proteste und die Repression an. Sicherheitskräfte haben Zehntausende Menschen festgenommen und Berichten zufolge über 30.000 ermordet, während Aktivistinnen weiterhin öffentlich gegen das Regime protestieren. So nahmen Studenten am vergangenen Wochenende die Massendemonstrationen wieder auf. Gleichzeitig zeigen die Frauen trotz der ihnen drohenden Strafen zunehmend offenen Widerstand gegen die Bekleidungsregeln.
Der Vergleich zwischen Israel und dem Iran zeigt zwei völlig unterschiedliche politische Systeme und dennoch eine gemeinsame Symbolik: Frauen, die religiöse Regeln selbst interpretieren und sich gegen männlich dominierte religiöse Autoritäten behaupten. Während die iranischen Frauen gegen ein autoritäres Regime kämpfen, geschieht der Konflikt in Israel innerhalb eines demokratischen Rechtsstaats.
Die Festnahmen an der Kotel erinnern daran, dass religiöse Gleichberechtigung auch in demokratischen Gesellschaften ein fortlaufender Prozess ist. Gleichzeitig zeigen die Ereignisse im Iran, wie existenziell dieser Kampf in autoritären Systemen sein kann. Die Verbindung zwischen den Aktivistinnen in Jerusalem und den Protestierenden in Teheran verdeutlicht, dass die Frage religiöser Selbstbestimmung längst global geworden ist. Ob an der Klagemauer oder auf den Straßen Irans – Frauen fordern zunehmend das Recht ein, ihre religiöse Identität selbst zu definieren. Die jüngsten Festnahmen in Jerusalem sind deshalb mehr als ein lokaler Zwischenfall. Sie sind Teil einer weltweiten Debatte über Religion, Freiheit und die Rolle von Frauen im öffentlichen Raum.






