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»Wir waren immer an der Seite Israels – ohne Wenn und Aber«

Jochen Feilicke im Mena-Interview: »Wir waren immer an der Seite Israels – ohne Wenn und Aber«
Jochen Feilicke im Mena-Interview: »Wir waren immer an der Seite Israels – ohne Wenn und Aber« (© Stephan Grigat)

Jochen Feilcke wird nach 27 Jahren den Vorsitz der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Berlin und Brandenburg abgeben. Im Gespräch mit Elisa Mercier blickt er auf die Entwicklung der Gesellschaft zurück und spricht über die deutsch-israelischen Beziehungen sowie deren Veränderungen. Feilcke war viele Jahre für die CDU Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses und sechzehn Jahre Mitglied des Deutschen Bundestages.

Elisa Mercier (EM): Warum engagieren Sie sich so intensiv für die deutsch-israelischen Beziehungen?

Jochen Feilcke (JF):Ich komme aus einem evangelischen Pfarrhaus und Israel spielte in meinem Leben deshalb schon früh eine Rolle. Als ich zum Studium nach Berlin kam und Mitglied der Jungen Union wurde, fiel das zeitlich fast mit dem Sechstagekrieg 1967 zusammen. In der Jungen Union standen wir klar auf der Seite Israels. Wir trafen uns jeden Abend und verfolgten die Kriegsberichterstattung.

Gleichzeitig schlug diese Stimmung bei Teilen der Linken in offenen Israel-Hass um. Bis dahin hatten viele Linke Israel unterstützt, plötzlich solidarisierten sich manche mit den Palästinensern und der arabischen Welt. Terroristen der Baader-Meinhof-Gruppe ließen sich in Ländern des Nahen Ostens und in der DDR ausbilden. Dadurch entstand in Deutschland eine starke politische Polarisierung. Meine erste Veranstaltung hieß »Der nicht enden wollende Nahostkonflikt«. Das müsste 1970 gewesen sein. Seitdem begleitet mich dieses Thema.

»Das reicht nicht«

EM: Wann lernten Sie die Deutsch-Israelische Gesellschaft kennen?

JF: 1983 kam ich als Abgeordneter in den Deutschen Bundestag und eine meiner ersten Reisen führte mich nach Israel. Während der Reise sprach mich der damalige Vizesprecher der Knesset, Dov Ben-Meir, an und fragte: »Bist du in der Deutsch-Israelischen Gesellschaft?« Ich sagte: »Nein, ich bin Mitglied der Deutsch-Israelischen Parlamentariergruppe.« Darauf antwortete er: »Das reicht nicht. Du musst in die DIG eintreten.« Also bin ich in die Regionalgruppe Berlin eingetreten.

Als der damalige Vorsitzende Heinz Striek aus Altersgründen aufhörte, übernahm Klaus Schütz, der frühere Regierende Bürgermeister Berlins und spätere Botschafter Deutschlands in Israel, den Vorsitz. Eines Tages kamen Heinz Striek und Klaus Schütz auf mich zu und baten mich, den Vorsitz der DIG Berlin zu übernehmen, weil Klaus Schütz die Arbeit nicht länger fortführen konnte. Das hat mich sehr berührt – auch, weil zwei Sozialdemokraten auf mich zukamen, was damals nicht unbedingt meinen politischen Erfahrungen entsprach. Ich habe sofort zugesagt. Das war 1999.

EM: Damals hieß die Organisation noch DIG Berlin. Wie sah Ihre Arbeit aus?

JF: Die Organisation hatte damals gerade einmal 278 Mitglieder. Es gab ein großes handschriftliches Journal, in dem für jedes Mitglied die Beiträge, Reisen nach Israel und persönliche Informationen festgehalten wurden. Aber es gab nur wenige Aktivitäten. Ich wollte mehr Veranstaltungen, Präsenz und Angebote. Mein Grundsatz war: Die Mitglieder müssen etwas bekommen, das sie ohne die DIG nicht hätten. Damals war die Gesellschaft stark überaltert. Viele Mitglieder waren aus einem Gefühl historischer Verantwortung gegenüber den Juden beigetreten. Die meisten gehörten den Jahrgängen zwischen 1917 und 1937 an. Entsprechend hoch war die Zahl der Todesfälle pro Jahr.

EM: Welche Projekte waren für Sie als Vorsitzenden der DIG Berlin prägend?

JF: Meine Highlights waren vor allem die großen Veranstaltungen. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir Veranstaltungen mit Avi Primor, dem früheren israelischen Botschafter in Deutschland, mit dem ich mich im Laufe der Jahre angefreundet habe. Wenn ich mit Reisegruppen in Israel war, habe ich ihn dort regelmäßig besucht. Mit der Zeit hatten wir praktisch alle Personen zu Gast, die in Politik und Diplomatie Rang und Namen hatten. Als wir das 500. Mitglied aufgenommen hatten, haben wir im Centrum Judaicum in der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte groß gefeiert.

Ein Projekt ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Während des Libanonkrieges 2006 waren durch Raketenangriffe aus dem Libanon Hunderttausende Bäume im Norden Israels verbrannt. Gemeinsam mit dem Jüdischen Nationalfonds KKL haben wir daraufhin eine große Spendenkampagne ins Leben gerufen und so die Pflanzung von 5.000 Bäumen im Norden Israels ermöglicht. Es kam eine beachtliche Summe zusammen. Später sind wir selbst nach Israel gereist und haben dort gemeinsam Bäume gepflanzt. Daraus entstand dort auch der Wald der DIG Berlin.

EM: Was hat sich strukturell in der DIG Berlin im Laufe der Zeit verändert?

JF: Ein Meilenstein war die öffentliche Förderung der DIG. Lange Zeit finanzierten wir unsere Arbeit ausschließlich über Mitgliedsbeiträge und Spenden. Doch die Organisation wurde immer größer, die Veranstaltungen professioneller und der Aufwand entsprechend höher. Nach dem 7. Oktober 2023 wurde sie besonders groß. Hinzu kam: Es muss 2006 gewesen sein, als Steffen Reiche, Vorsitzender der DIG Potsdam, auf mich zukam und fragte: »Jochen, wollen wir heiraten?« Das machte er vor großer Öffentlichkeit. Da ich wusste, worauf er hinauswollte, sage ich: »Steffen, gerne«. Also haben wir die Gründung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Berlin und Potsdam beschlossen.

EM: Wann haben Sie Ihre Arbeit auf ganz Brandenburg ausgeweitet?

JF: Wir merkten irgendwann, dass das ganze Land Brandenburg ein weißer Fleck auf der DIG-Karte ist. Mit Unterstützung des Präsidiums der DIG haben wir uns nach einem längeren Prozess in Deutsch-Israelische Gesellschaft Berlin und Brandenburg umbenannt. Von unseren Mitgliedern sind rund zwanzig Prozent Brandenburger. Seit sieben Jahren machen wir einmal im Jahr eine Israelwoche Brandenburg. Zudem sind wir regelmäßig in acht Städten in Brandenburg unterwegs, von etwa Potsdam über Cottbus bis Brandenburg an der Havel. Dort führen wir eine Woche lang Veranstaltungen durch.

Zäsur 7. Oktober

EM: War der Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 eine Zäsur für die DIG, aber auch für die deutsch-israelischen Beziehungen insgesamt?

JF: Wir waren immer an der Seite Israels – ohne Wenn und Aber. Diese Formulierung habe ich geprägt, sie steht auch auf unserer Website. Das heißt aber ausdrücklich nicht, dass wir die Politik der jeweiligen israelischen Regierung unterstützen. Als ich in der DIG begann, gab es eine gewisse Zurückhaltung gegenüber enger Zusammenarbeit mit der israelischen Botschaft. Man wollte nicht als verlängerter Arm der Botschaft oder als »fünftes Rad am Wagen« erscheinen. Das habe ich in meiner Amtszeit verändert. Heute haben wir eine enge Zusammenarbeit mit der israelischen Botschaft.

Gleichzeitig sind wir politisch breit aufgestellt. Bei uns sind Mitglieder aus allen Parteien vertreten, aber Parteipolitik spielt keine Rolle. Ich habe einmal gesagt: Bis 1998 war ich CDU-Mitglied im Bundestag, seit 1999 ist meine Partei Israel. Es gab nur selten parteipolitische Konflikte. Im Kern verbindet uns alle ein gemeinsamer Nenner: die Unterstützung Israels. Alles andere spielt eine untergeordnete Rolle.

Zu Ihrer Frage: Ja, der Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 war eindeutig eine Zäsur für die DIG. Seitdem wird noch stärker von uns erwartet, klar Position zu beziehen, Farbe zu bekennen. Gleichzeitig hat sich die politische und gesellschaftliche Atmosphäre in Deutschland sehr verändert. Das zeigt sich etwa auf der Straße, wo es immer wieder zu Demonstrationen kommt, die sich zwar pro-palästinensisch nennen, in der Realität aber häufig anti-israelisch geprägt und teils gewalttätig sind.

Ich halte es für unsere Aufgabe, von der Politik ein klareres Bekenntnis zu Israel einzufordern. Auch wenn es im Einzelfall politische Entscheidungen Israels gibt, die man diskutieren kann, ist es nicht unsere Aufgabe als DIG, eine grundsätzliche Distanz oder Kritik an Israel zu formulieren. Unsere besondere Verantwortung liegt in der Stabilität und Stärke der deutsch-israelischen Beziehungen und in der Solidarität mit dem Staat Israel. Gerade aufgrund unserer Geschichte sollte sich unsere besondere Verantwortung politisch und gesellschaftlich zeigen.

Wenn man sich Europa heute anschaut, sieht man viele Länder, die Israel zunehmend kritisch gegenüberstehen – von England bis Spanien. Die stärksten Unterstützer Israels sind heute eher in Ostmitteleuropa zu finden, etwa in Ungarn oder den baltischen Staaten. Daraus könnte Deutschland lernen. Deutschland sollte in Europa das »Flaggschiff« der Freundschaft zu Israel sein – und nicht nur auf die Haltung anderer Staaten reagieren. Deutschland sollte den Ton in der deutsch-israelischen Freundschaft angeben.

EM: Wie sehen Sie die Zukunft der DIG Berlin und Brandenburg?

JF: Nach dem 7. Oktober haben wir einen enormen Mitgliederzuwachs verzeichnet. Heute haben wir rund 1.670 Mitglieder zwischen 14 und 98 Jahren. Wir sind deutlich vielfältiger und jünger geworden – und genau das freut mich besonders. Wir sind die größte Regionalgruppe der DIG in Deutschland. Das zeigt, dass das Interesse an Israel und an den deutsch-israelischen Beziehungen keineswegs kleiner geworden ist – im Gegenteil. Viele Menschen haben nach dem 7. Oktober das Bedürfnis verspürt, Haltung zu zeigen und sich klar zu positionieren.

Natürlich bringt dieses Wachstum auch Herausforderungen mit sich. Eine größere Organisation muss professioneller arbeiten, mehr Veranstaltungen anbieten und unterschiedliche Generationen und Perspektiven zusammenhalten. Aber ich glaube, dass die DIG dafür heute sehr gut aufgestellt ist. Besonders wichtig finde ich, dass sich viele junge Menschen engagieren. Zwar organisieren sich viele auch im Jungen Forum eigenständig, aber genau das zeigt ja, dass eine neue Generation Verantwortung übernimmt und eigene Formate entwickelt. Ich hoffe deshalb, dass die DIG auch in Zukunft ein Ort bleibt, an dem Menschen zusammenkommen, die sich für Israel interessieren, sich informieren und die deutsch-israelischen Beziehungen stärken wollen.

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