„Die türkische Regierung macht die Bewegung des Predigers Fethullah Gülen für den jüngsten Putschversuch verantwortlich. Bei der Suche nach Informationen über mutmaßliche Mitglieder der Organisation haben türkische Imame in Deutschland geholfen, wie der Journalist Mahmut Licali am Donnerstag in der Tageszeitung ‚Cumhuriyet‘ aufdeckte.
Die Geistlichen spionierten demnach und verfassten zum Teil sehr ausführliche Berichte über mutmaßliche Gülen-Anhänger. Einer Kommission des türkischen Parlaments zur Aufklärung der Putsch-Hintergründe wurden Berichte von 50 Auslandsvertretungen aus 38 Ländern vorgelegt. Drei der Berichte, die auch der „Welt“ vorliegen, stammen aus Deutschland, von den Generalkonsulaten Köln, Düsseldorf und München. Zusammengetragen wurden die Informationen von Imamen der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib).
Es ist bekannt, dass die Ditib, mit 970 Moscheegemeinden der größte islamische Dachverband in Deutschland, direkt von der türkischen Regierung gesteuert wird. Die Imame werden vom Präsidium für Religiöse Angelegenheiten, einer dem türkischen Ministerpräsidenten unterstellten Behörde, entsandt und bezahlt. Auch den Wortlaut ihrer Freitagspredigten bekommen sie aus Ankara. Aber dass diese Imame dafür eingesetzt werden, türkische Staatsbürger auszuspionieren, ist neu – zusätzlich zum türkischen Geheimdienst MIT, der in keinem anderen Land der Welt so umtriebig ist wie in Deutschland.
Doch während der MIT genauso im Verborgenen arbeitet wie der Bundesnachrichtendienst, ist Ditib eine offizielle religiöse Einrichtung. Sie gehört zu der vom Bundesinnenministerium initiierten Deutschen Islamkonferenz an. Lokale Funktionäre sind oft als „Dialogpartner“ anerkannt. Was die Sache zusätzlich pikant macht: Bei einem guten Teil der ausspionierten Menschen dürfte es sich um deutsche Staatsbürger handeln.“ (Denis Yücel: „Türkische Imame spionieren in Deutschland für Erdogan“)