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Reportage: Im Reich von Libyens General Haftar

Schauplatz eines Bombenanschlags in Bengasi im Osten Libyens, der unter Kontrolle von Khalifa Haftar steht (imago images/Xinhua)
Schauplatz eines Bombenanschlags in Bengasi im Osten Libyens, der unter Kontrolle von Khalifa Haftar steht (imago images/Xinhua)

Offiziell tritt der libysche Kriegsherr Haftar für ein demokratisches und säkulares Libyen ein. Beim Lokalaugenschein in Bengasi ist davon nichts zu sehen.

David D. Kirkpatrick, The New York Times

Khalifa Haftar, der 76-jährige Kommandant, der in seinem Reich als „der Marschall“ bekannt ist, ist der Militärherrscher von Ostlibyen. Er kämpft seit fast sechs Jahren darum, die Kontrolle über das Land zu übernehmen, und seit zehn Monaten führt er einen Angriff auf die Hauptstadt Tripolis durch.

Haftar hat versprochen, ein stabiles, demokratisches und säkulares Libyen aufzubauen, aber er hat westliche Journalisten weitgehend von seinem Territorium ausgeschlossen. Ein seltener Besuch eines Korrespondenten und Fotografen der New York Times offenbarte dort einen klobigen Autoritarismus, der in vielerlei Hinsicht sowohl puritanischer als auch gesetzloser ist, als Libyen es unter seinem letzten Diktator, Oberst Muammar al-Gaddafi, war.

In Bengasi, der Hochburg Haftars, fanden wir eine halbzerstörte, von Korruption geplagte Stadt, in der Sicherheitsbeamte ausländische Journalisten verfolgen, Bewohner aus Angst vor willkürlicher Verhaftung nicht aufzufallen versuchen und Milizen niemandem gegenüber verantwortlich sind.

Die Bewohner beschweren sich über Korruption und Selbstbereicherung durch Führer von Stammesmilizen und ehemalige Gaddafi-Offiziere. Es gibt Berichte über ungeklärte Bombenanschläge, Entführungen und Inhaftierungen ohne Gerichtsverfahren. Islamistische Extremisten haben die Moscheen übernommen und infiltrieren möglicherweise die Polizei.

„Jeder hat Angst, sogar Angst vor seinen Mitbürgern“, sagte ein Einwohner von Bengasi, der aus Sorge um seine Sicherheit nur nach der Zusicherung von Anonymität sprach.

Jonathan Winer, Sonderbeauftragter für Libyen unter Präsident Obama, beschreibt ein brutales System. „Wenn Sie für Haftar sind, dann sind Sie unter seinem Schirm und können tun, was immer Sie wollen. Wenn Sie das nicht sind, sind Sie ein Feind und können eingesperrt, getötet oder ins Exil geschickt werden.“ (…)

Der alternde und konzentrationsschwache Haftar wird in Bengasi selten gesehen. Er residiert in einem Haus, das rund eine Autostunde entfernt in den Bergen im Westen liegt. Er hält Salons mit Stammesältesten und ist auf die Familie als seine engsten Berater angewiesen. (…)

Haftar stützt sich auf Mitglieder des alten Gaddafi-Apparats, und in den letzten zehn Monaten ist eine Flut ehemaliger Gaddafi-Loyalisten aus Ägypten und anderen Ländern zurückgekehrt. (…)

Die bescheidene Moschee im Viertel El Leithi in Bengasi war einst ein Zentrum für die Führer der Ansar al-Scharia, der Dschihadisten, die den Anschlag von 2012 verübten, bei dem der amerikanische Botschafter J. Christopher Stevens getötet wurde.

Heutzutage werden die Mittagsgebete oft von Ali el-Omani geleitet, einem 23-jährigen Salafisten mit einem bärtigen Babygesicht. Wie andere Extremisten widersetzen sich die Salafisten, die Haftar unterstützen, liberalen Vorstellungen wie die einer Demokratie mit demokratischen Wahlen oder die Vermischung der Geschlechter. (…)

„Die Salafisten wollen Libyen ‚reinigen‘, so wie es die Ansar al-Scharia versucht hat“, sagte Fathi Baja, ein Politikwissenschaftler und ehemaliger libyscher Botschafter in Kanada.

Die Salafisten rühmen sich heute ihrer Kontrolle über die Moscheen und den religiösen Rundfunk in Bengasi. (…)

UN-Berichte warnen vor häufigen Entführungen, gewaltsamem Verschwindenlassen und Attentaten durch unbekannte Angreifer. In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres wurden unter anderem ein Bankangestellter getötet, ein prominenter Anwalt entführt und der Beamte, der für die Korruptionsbekämpfung zuständig ist, entführt. Zwei sudanesische Frauen wurden gefoltert und wegen des Verdachts der Hexerei getötet. Im Oktober wurde in Bengasis Hawarri-Viertel ein Massengrab entdeckt.

Es ist unmöglich, die Verantwortlichen für die Gewalt eindeutig zu benennen, aber viele Einwohner von Bengasi weisen auf Stammesmilizen hin, die mit Haftar gekämpft haben.“

A Police State With an Islamist Twist: Inside Hifter’s Libya

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