Durch die Leugnung des Holocaust in den sozialen Medien werden leicht beeinflussbare junge Menschen rekrutiert und Verschwörungstheorien in den Mainstream getragen.
Rabbi Abraham Cooper / Ariel Gelblung / Daniel Schuster
Seit dem Hamas-Überfall auf Israel vom 7. Oktober 2023 sehen sich Juden weltweit mit der größten Hasswelle seit der Niederlage des Nationalsozialismus vor achtzig Jahren konfrontiert. In ganz Europa beschleunigt sich der älteste Hass der Geschichte auf den Straßen der Hauptstädte, an Universitäten, bei kulturellen Veranstaltungen und in den sozialen Medien. Besonders empörend ist der Anstieg von Holocaustleugnung und -verzerrung, die Schändung von Shoah-Gedenkstätten und gezielte Angriffe auf Wohnhäuser von Holocaustüberlebenden.
Dies ist keine randständige Provokation. Diese Angriffe untergraben die moralischen Grundlagen des Nachkriegseuropas. Online-Holocaustleugnung ist zudem ein »Erfolgsmodell« für Antisemiten: Sie rekrutiert leicht beeinflussbare junge Menschen, schleust reißerische Verschwörungstheorien in den Mainstream und ist sogar ein Geschäftsmodell. Judenhass wird als Content verpackt, Geschichte gamifiziert und die historischen Fakten werden dabei bewusst ignoriert.
Die Überlebenden des größten Verbrechens der Geschichte haben uns gewarnt: Mit ihrem Tod und jenem der Täter und Mitläufer könnten die tragischen Lehren des Holocaust beschönigt, manipuliert oder verworfen werden. Dieser Prozess begann bereits am Tag nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Doch niemand hätte das Ausmaß und die Geschwindigkeit der Verzerrung vorhersagen können, der wir im Jahr 2026 ausgesetzt sind. Neue Generationen suchen Orientierung und Erkenntnis auf ihren Smartphones. Falschinformationen werden als Einsicht verkauft. Gefährliche Fantasien, die einst an den Rand gedrängt waren, erreichen heute in Sekunden Millionen – algorithmisch verstärkt und emotional aufgeladen.
Holocaustleugnung ist keine harmlose Meinungsäußerung. Sie ist eine Strategie, die das Unentschuldbare rechtfertigt, frühere Massenmörder verherrlicht und auf den Tag hinarbeitet, an dem Hitlers genozidale Vision vollendet wird. Die Verzerrung der Erinnerung an Anne Frank und an sechs Millionen europäische Juden entleert den Holocaust seiner Bedeutung und instrumentalisiert die Symbole des ultimativen Bösen, um Juden als die »Nazis von heute« darzustellen. Antisemitismus wird nicht länger als Hass erkannt, sondern als moralischer Mut umgedeutet.
Nicht nur ein jüdisches Problem
Der Holocaust begann nicht mit den Gaskammern, sondern mit Worten, Stereotypen, Verschwörungsmythen, sozialer Ausgrenzung und institutioneller Feigheit. Er begann, als Hass zur Politik wurde und Juden als einzigartig gefährlich dargestellt wurden. Simon Wiesenthal warnte immer wieder: Die Geschichte zeigt, dass Juden oft die ersten, aber niemals die letzten Opfer sind. Die weltweite Zerstörung und der Tod, die Nazideutschland über die Welt brachten, sind heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Antisemitismus ist nicht nur ein »jüdisches Problem«, sondern ein Warnsignal für den Zerfall von Gesellschaften.
Deshalb ist Bildung heute wichtiger denn je – nicht nur darüber, was geschehen ist, sondern wieso es geschehen konnte; nicht nur über Daten und Zahlen, sondern darüber, wie Menschen dazu gebracht werden, das Inakzeptable zu akzeptieren. Deshalb muss die Arbeitsdefinition Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) von Staaten und Institutionen angenommen und angewendet werden. Der Kampf gegen Antisemitismus bedeutet nicht die Einschränkung der Meinungsfreiheit, sondern dient der Sicherung unserer gemeinsamen Zukunft.
In diesem Jahr sollte jeder, der kann, die weiten Flächen von Auschwitz-Birkenau, Majdanek oder Treblinka betreten. Tun Sie dies mit Ihrer Familie, Ihrer Kirchengemeinde, Ihrer Schule. Man kann eine Gaskammer nicht »diskutieren«. Man kann Berge von Kinderschuhen nicht relativieren. Man kann nicht an Massengräbern einfach so vorbeispazieren. Diese Orte verankern die Wahrheit in physischer Realität.
Vor fast fünfzig Jahren wurde Simon Wiesenthal von einem Studenten gefragt, ob sich der Holocaust wiederholen könnte, was dieser so beantwortete: »Wenn es organisierten Hass, eine gesellschaftliche Krise und Technologie gibt, ist alles möglich. Hätte Europa im Jahr 1492 über die Technologie der Nazis verfügt, hätte kein Jude in Spanien überlebt, kein Katholik in England, kein Protestant in Frankreich.«
Die Technologien des frühen 20. Jahrhunderts sind harmlos im Vergleich zu jenen der heutigen Welt. Technologische Fortschritte haben die Welt revolutioniert und unser Leben verändert. Zeitgleich werden weltweit soziale Medien genutzt, um uns alle zu bedrohen. Europa sollte eine führende Rolle übernehmen und von Hightech-Giganten verlangen, die Monetarisierung von Hass zu beenden und sicherzustellen, dass ihre Algorithmen nicht den Weg für die nächste »undenkbare« menschengemachte Massentragödie ebnen.






