Muslimische Religionsführer aus ganz Europa setzten mit ihrer Reise nach Israel ein Zeichen für Frieden und verurteilten öffentlich die Hamas und den politischen Islam.
Noor Dahri
Am 6. Juli traf eine Delegation europäischer Imame, Religionsführer und Theologen, die vom European Leadership Network (ELNET) organisiert worden war, am Ben-Gurion-Flughafen in Israel ein. Die Delegation wurde von dem französischen Imam Hassen Chalghoumi, einem bekannten Religionsgelehrten, angeführt. Ich selbst war Teil der Delegation, der Imame aus Italien, Frankreich, den Niederlanden und anderen europäischen Ländern angehörten.
Der 7. Oktober 2023 war ein bedeutendes Ereignis, das die Welt, insbesondere Länder mit muslimischer Bevölkerung, erschütterte. Einzelpersonen und Gruppen aus religiösen, politischen und säkularen Kreisen bekundeten öffentlich ihre Unterstützung für die Palästinenser im Gazastreifen. Zugleich haben seit dem 7. Oktober mehrere muslimische politische und religiöse Friedensaktivisten, die zuvor ihre Unterstützung für Israel bekundet hatten, von öffentlichen Äußerungen abgesehen. Nur eine begrenzte Anzahl von Personen innerhalb der globalen muslimischen Gemeinschaft sprach sich öffentlich gegen die Hamas aus und brachte ihre Unterstützung für die defensiven Militäraktionen Israels im Gazastreifen zum Ausdruck.
Die jüdische Gemeinde weltweit, insbesondere in Israel, empfand die fehlende Unterstützung durch die muslimische Gemeinschaft als schmerzhaft. Diese Situation stellte für Menschen, die den Islam als Religion des Friedens vertreten, eine große Herausforderung dar. Seit dem 7. Oktober hat die jüdische Gemeinde muslimische Führer und religiöse Institutionen aufgefordert, die barbarischen Handlungen der Hamas, die im Namen des Islams verübt wurden, öffentlich zu verurteilen.
Für uns war der 6. Juli 2025 also ein historischer Tag. Muslimische Religionsführer aus ganz Europa kamen nach Israel und verurteilten öffentlich die Handlungen der Hamas, während sie die friedlichen Grundsätze ihrer Religion bekräftigten. Dies war ein wichtiger Meilenstein seit dem 7. Oktober 2023 und spiegelte das Bekenntnis zum interreligiösen Dialog und zum Frieden wider. Das in Israel eingegangene Engagement stellte einen schwierigen Weg dar, und wir waren uns der möglichen Auswirkungen unserer friedlichen Initiative voll bewusst.
Jerusalem und Yad Vashem
Wir begannen unseren diplomatischen, aber neutralen Besuch mit einem Treffen mit Staatspräsident Isaac Herzog, bei dem wir die Grundsätze des friedlichen Islams vorstellten und jegliche Gewaltakte von Gruppen, die mit dem politischen Islam in Verbindung stehen, klar verurteilten.
Wir führten weitere Gespräche mit Mitgliedern der Knesset, darunter Vertreter sowohl der Regierungs- als auch der Oppositionsparteien. Wir trafen uns mit dem Innenminister und dem Minister für religiöse Dienste, die uns beide herzlich empfingen und ihre Unterstützung für unsere Friedensreise zum Ausdruck brachten. Sie bekräftigten unser Verständnis des Islams als Religion des Friedens und verurteilten ausdrücklich die mit dem politischen Islam verbundenen gewalttätigen Doktrinen.
Die friedliche Mission der Imame wurde fortgesetzt, indem wir mit Menschen unterschiedlicher Herkunft, Ethnien und Religionszugehörigkeiten in Kontakt traten und ihnen auf respektvolle und transparente Weise die Ziele unseres Besuchs darlegten.
In Yad Vashem betrachteten wir Ausstellungsstücke und lasen Berichte über die schlimmsten Verbrechen der modernen Geschichte, die von den Nationalsozialisten aus Gründen der »rassischen« und ethnischen Zugehörigkeit an den Juden begangen wurden.
Der Besuch umfasste eine Führung in arabischer Sprache durch das Holocaust-Museum und eine Gedenkfeier in der Halle der Namen, wo Imam Chalghoumi und ich einen Kranz niederlegten und eine ewige Flamme entzündeten, um der sechs Millionen Juden zu gedenken, die während des Holocausts von Nazi-Deutschland und seinen Verbündeten ermordet wurden. Wir sahen Bilder ausgehungerter jüdischer Gefangenen, von denen jede Woche rund zweitausend aus Nahrungsmangel starben. Wir sahen auch Fotos von den Lagern, in denen »wissenschaftliche« Experimente an Juden durchgeführt wurden.

Tel Aviv und Südisrael
Wir wurden ins IDF [Israelische Verteidigungsstreitkräfte] Diplomacy Unit Center in Tel Aviv eingeladen, wo hochrangige Militärs uns einen umfassenden Bericht über den Krieg zwischen Israel und dem Gazastreifen gaben. Während der Sitzung wurden uns unbearbeitete Rohaufnahmen gezeigt, die von Hamas-Mitgliedern während ihrer Angriffe vom 7. Oktober aufgenommen worden waren. Einige von uns mussten den Raum verlassen, da sie die erschütternden Aufnahmen der von der Hamas begangenen Gräueltaten gegen Israelis nicht weiter ansehen konnten. Diejenigen, die blieben, waren sichtlich betroffen und zeigten offen ihre Emotionen.
Die Delegation besuchte auch den Ort des Nova-Musikfestivals, wo viele Israelis bei einem Angriff der Hamas auf tragische Weise ums Leben kamen. Für die Imame war es eine ernste Erfahrung, die Bilder derer zu sehen, die nicht mehr unter uns sind.
Weiter ging es nach Kfar Aza. Am Tag des Massakers griffen etwa 250 Hamas-Kämpfer und andere palästinensische Terroristen Kfar Aza an, einen Kibbuz etwa drei Kilometer von der Grenze zum Gazastreifen entfernt. Wir wurden von IDF-Vertretern über die Verbrechen informiert und betraten eines der Häuser, in denen es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit Hamas-Terroristen gekommen war. Außerdem trafen wir die Eltern eines Paares, das bei dem Angriff in ihrem Haus ums Leben gekommen war.
Es war ein trauriger Moment für die gesamte Delegation, Zeuge der Taten der Hamas gegen unschuldige und friedliche Bewohner des Kibbuz zu werden, die den Werten unseres Glaubens widersprechen.
Kerem Shalom
Wir wurden zum Kerem Shalom-Übergang nahe der Grenze gebracht, wo wir die Qualität der Lebensmittel begutachteten, die in Lastwagen am Übergang bei Rafah für die Menschen im Gazastreifen vorbereitet wurden. Jeder Lastwagen, der humanitäre Hilfe zum Gaza-Übergang transportiert, wird strengsten Kontrollen, Überwachungs- und Inspektionsverfahren unterzogen. Sobald alle Hilfsgüter freigegeben sind, werden sie in Lastwagen verladen und in den Gazastreifen gebracht. Die IDF erklärte, ihr vorrangiges Ziel sei es, dass die humanitäre Hilfe direkt die Menschen erreicht und nicht die Hamas.
Wir besuchten auch die israelische Militärbasis, auf der die muslimische Beduineneinheit stationiert ist, die oft als »Aufklärungsbataillon« oder »Beduinenbataillon« bezeichnet wird. Ein erheblicher Teil der Araber, die in den Israelischen Verteidigungsstreitkräften dienen, sind Beduinen aus der Negev-Region. Die Delegation wurde von einem arabisch-muslimischen Oberst des Beduinenbataillons begrüßt und begleitet, der die feste Entschlossenheit seiner Einheit zum Schutz des Landes und der Bürger Israels bekräftigte.
Tausende muslimische Beduinen dienen in der israelischen Armee. Der IDF-Oberst erklärte, seit dem 7. Oktober hätten »zahlreiche Muslime ihr Interesse bekundet, sich den IDF anzuschließen, um an Operationen gegen die Hamas teilzunehmen, die sie als gemeinsamen Feind betrachten«. Bislang hätten dreiunddreißig muslimische IDF-Angehörige aus dem Beduinenbataillon bei den Kämpfen mit der Hamas am 7. Oktober und während des gesamten Kriegs im Gazastreifen ihr Leben verloren.
Die Delegation freute sich über das Treffen und den Austausch mit muslimischen Israelis, die in den IDF dienen. In arabischer Sprache tauschten sie sich über das Leben, den Dienst, das Engagement und die Herausforderungen der arabisch-israelischen Gemeinschaft während ihres Dienstes in den Streitkräften des jüdischen Staates aus.
Majdal Shams im Norden
Wir fuhren auch nach Majdal Shams, eine drusische Gemeinde, in der zwölf Kinder durch einen Raketenangriff der Hisbollah ums Leben kamen, und trafen die Eltern eines der Kinder. Sie sagten uns, dass sie den Verantwortlichen für den Tod ihrer Kinder vergeben hätten und es Gott überlassen würden, Rache für den Verlust ihrer Angehörigen zu nehmen. Ihre Geduld und Barmherzigkeit hinterließen bei uns allen Eindruck. Wir sprachen ihnen unser tiefstes Beileid aus und beteten für die verstorbenen Kinder.
Danach wurde die Delegation zur syrischen Grenze begleitet, die an die von den Vereinten Nationen als »Niemandsland« ausgewiesene Blaue Zone grenzt, wo ein IDF-Major eine umfassende Sicherheitsunterweisung gab. Er informierte uns über die wesentlichsten Herausforderungen, denen die IDF seit dem Amtsantritt von Ahmed al-Sharaa als syrischer Präsident gegenüberstehen, sowie über den aktuellen Stand der Operationen innerhalb des Landes.
Anschließend wurden wir zum nahegelegenen Büro der United Nations Disengagement Observer Force (UNDOF) begleitet, wo der UNDOF-Leiter eine kurze Videopräsentation hielt. Hauptziel seiner Einheit sei die Förderung friedlicher Beziehungen zwischen Israel und Syrien sowie zwischen den Gemeinden in der Nähe der Grenze. Die UNDOF lehnt militärische Interventionen in der Region entschieden ab, außer in Situationen, in denen dies zur Selbstverteidigung unerlässlich ist. Sie arbeitet jedoch mit den IDF zusammen, um die Friedensbemühungen entlang der Grenze und in deren Umgebung zu unterstützen.
Wir trafen auch zwei Familien muslimischer israelischer Araber. Ein Mitglied einer Familie war am 7. Oktober von der Hamas entführt und als Geisel genommen worden und wurde später im Rahmen eines Abkommens zwischen Israel und der Hamas freigelassen. Eine andere arabische Familie verlor vier Mitglieder durch einen iranischen Raketenangriff.
Es war nicht überraschend zu erfahren, dass die Hamas, die Hisbollah oder der Iran Aktionen gegen Zivilisten, darunter auch in Israel lebende Muslime, durchgeführt haben, da ihr Ziel darin besteht, so viele Zivilisten wie möglich zu töten, unabhängig von ihrer Religion, ihrem Alter, ihrem Geschlecht oder ihrer ethnischen Zugehörigkeit. Wir sprachen den Hinterbliebenen unser Beileid aus und legten eine Schweigeminute zum Gedenken an die Verstorbenen ein, während wir für ihre Seelen beteten.
Herausforderungen
Der Zweck der Delegation der Imame war klar und eindeutig definiert. Unsere Delegation nimmt eine neutrale Haltung ein und unterstützt oder lehnt keine bestimmte Gemeinschaft oder Religion ab. Wir haben mit Menschen unterschiedlicher Herkunft gesprochen, darunter Juden, Drusen, Christen und Muslime sowie mit Politikern aus Regierungs- und Oppositionslagern, mit Militärangehörigen und Gemeindevorstehern. Wir haben auch Familien der Verstorbenen getroffen und die weitreichende Zerstörung von Dörfern, Städten, Gebäuden und Gewerbegebieten sowie die tiefgreifenden Auswirkungen des Kriegs auf die Menschen gesehen.
Israel ist ein Zentrum der abrahamitischen Religionen und spielt eine wichtige Rolle in der politischen Landschaft des Nahen Ostens. In diesem Sinne haben wir eine Botschaft des Friedens aus dem Heiligen Land an die Welt übermittelt. Die meisten europäischen Imame und religiösen Führer besuchten Israel zum ersten Mal und brachten ihre Hoffnung auf Frieden für alle Menschen innerhalb und außerhalb der Grenzen Israels zum Ausdruck. Auch der Prophet des Islams hatte vor und während des Kriegs eine Botschaft des Friedens an verschiedene Nationen gesandt.
Wir lehnen den politischen Islam, die Ideologie der Muslimbruderschaft und die Handlungen der Hamas und anderer islamistischer Kräfte ab. Diese Gewalttaten haben das Leben der Zivilbevölkerung in Israel und im Gazastreifen beeinträchtigt, den Frieden und die Stabilität in beiden Gebieten untergraben und zur Destabilisierung der Region beigetragen. Der Islam unterstützt keine politische oder religiöse Gewalt und lehnt jede Form von Extremismus, der im Namen der Religion ausgeübt wird, entschieden ab. Extremismus hat im Islam keinen Platz. Der Prophet des Islams warnte die Muslime und sagte: »Hütet euch vor Extremismus«, während er bei einer anderen Gelegenheit erklärte: »Tod den Extremisten.«
Die Delegation hatte den Anspruch, die Muslime in ganz Europa sowie den Islam selbst zu vertreten, denn der Prophet des Islams sagte: »Muslime sind Imame der Religion.« Jeder Muslim, der Frieden verfolgt, befürwortet und fördert, verkörpert die grundlegenden Prinzipien des Friedens, die dem Islam innewohnen. Ebenso repräsentiert ein Muslim, der Gewalt im Namen der Religion befürwortet, die politische Ideologie des Islamismus.
Die Imame, die Israel besuchten, sahen sich erheblichen Herausforderungen gegenüber und berichteten, dass sie von einigen Angehörigen der muslimischen Gemeinschaft in Europa bedroht worden seien. So wurde ein Imam von Mitgliedern der muslimischen Gemeinschaft boykottiert und der Sohn eines anderen von einem muslimischen Mob brutal zusammengeschlagen worden.
Ein Imam aus Holland wurde gewaltsam aus seiner Funktion in lokalen Moscheen entlassen. Muslimische Gemeinschaften starteten in ganz Europa eine Social-Media-Kampagne als Reaktion auf den Besuch der Imame in Israel. Islamistische Anhänger und ihre Gruppen haben uns aus dem Islam exkommuniziert, was gegen das islamische Recht verstößt. Kürzlich hat die Al-Azhar-Universität, eine angesehene sunnitische religiöse Institution in Ägypten, offiziell eine Erklärung veröffentlicht, in der sie unseren Besuch in Israel verurteilt und Imam Hassen Chalghoumi als Heuchler bezeichnet.
Auch ich selbst habe Drohungen in den sozialen Medien erhalten und einige islamistische Gruppen haben eine Verleumdungskampagne gegen mich gestartet, in der sie mir vorwerfen, mit Israelis zusammenzuarbeiten. Sie haben YouTube-Videos aufgenommen, in denen sie mich als Heuchler diffamieren und mir vorwerfen, außerhalb des Islams zu stehen.
Fazit
Wenngleich der Islam eine Religion des Friedens ist, haben Menschen aus der muslimischen Gemeinschaft islamische Texte und Koranverse interpretiert, um eine Atmosphäre des Hasses gegen die jüdische Gemeinde in der gesamten westlichen Welt zu schüren. Juden gehören zum Haus Abrahams, und auch Muslime und Christen sind Mitglieder dieses heiligen Hauses. Der heilige Koran erklärt die Juden nicht nur zu einem Volk, sondern zu einer Familie des Buches und zum Haus Abrahams. Solange Konflikte zwischen den Anhängern der abrahamitischen Religionen bestehen, ist regionaler Frieden kaum zu erreichen.
Der politische Islam ist eine Gefahr für die zivilisierte Gesellschaft und eine Sicherheitsbedrohung für die Region. Dieser Islamismus sollte von Muslimen, welche die Werte des friedlichen Islams verstehen, verurteilt, abgelehnt und bekämpft werden.
Die Imame, die an der Delegation teilgenommen haben, sind alle angesehene Muslime, die bedeutende Schritte unternommen haben, um sich gegen den politischen Islam zu stellen, der in der westlichen Welt zunehmend an Einfluss gewinnt. Wegen ihres Engagements und ihres Einsatzes für den Frieden im Heiligen Land stehen sie vor erheblichen Herausforderungen. Ihre mutigen Aktionen zur Unterstützung des Friedens seit dem 7. Oktober 2023 sollten im Kontext der modernen Geschichte gewürdigt werden. Diese Imame sind die wahren Botschafter des Islams und des Friedens.
Noor Dahri ist Gründer und Geschäftsführer von Islamic Theology of Counter Terrorism (ITCT), einem in Großbritannien ansässigen Thinktank zur Bekämpfung des islamistischen Terrorismus. Er ist unabhängiger Forscher im Bereich der Bekämpfung des islamistischen Terrorismus und der Radikalisierung und Berater von drei renommierten Organisationen, dem indischen Sicherheits- und Verteidigungsunternehmen COVINTS, dem World Hindu Struggle Committee sowie dem amerikanischen Council of Muslims Against Antisemitism (CMAA). (Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. Übersetzung von Alexander Gruber.)






