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Der Libanon, ein wieder tief gespaltener Staat

Hisbollah-Anhänger mit Postern von Ruhollah Khomeini und Hassan Nasrallah
Hisbollah-Anhänger mit Postern von Ruhollah Khomeini und Hassan Nasrallah (© Imago Images / ZUMA Press)

Die Reaktionen libanesischer Bürger auf die türkischen Luftangriffe in Nordsyrien, bei denen zahlreiche Hisbollah-Kämpfer getötet wurden, zeigen, wie sehr die schiitische Terrororganisation die libanesische Gesellschaft gespalten hat: Am Wochenende gab es im Libanon sowohl von der Hisbollah organisierte Trauerzüge – als auch Autokorsos mit türkischen Fahnen.

Nachdem letzte Woche Freitag bei einem syrischen Luftangriff 33 türkische Soldaten ums Leben gekommen waren, hatte die türkische Luftwaffe in der Umgebung der syrischen Stadt Idlib einen Vergeltungsangriff geflogen. Dabei sollen 48 syrische Soldaten und mehre Hisbollah-Milizionäre getötet worden sein. Das in Großbritannien ansässige Syrian Observatory for Human Rights spricht von 14.

Dem Coronavirus zum Trotz versammelten sich am Sonntag im Süden Beiruts Tausende von Menschen auf der Straße, um fünf in Syrien getötete Hisbollahkämpfer zu beerdigen, wie die Nachrichtenagentur AP berichtet. Der Tod von „mindestens acht“ ihrer Kämpfer sei für die Hisbollah der größte Verlust in Syrien „seit Jahren“, so AP.

Seit 2012 hat die Hisbollah mehrere Tausend Kämpfer nach Syrien entsandt, um das Regime von Präsident Bashar al-Assad zu stützen, das in den ersten Jahren des Bürgerkriegs in der Defensive war und drohte, von Aufständischen gestürzt zu werden. Sowohl Assad als auch die Hisbollah sind Verbündete des iranischen Regimes. In den ersten Jahren erlitt die libanesische Miliz in Syrien hohe Verluste; seit das Assad-Regime die Kontrolle über das Land wiedererlangt hat, hat sie den größten Teil ihrer Kämpfer abgezogen und nur noch einige Hundert dort stationiert.

Hochburg der Hisbollah

Wie AP berichtet, fand der Trauerzug in Beiruts südlichem Bezirk Ghobeiri statt. Der Süden Beiruts ist eine Hochburg der Schiiten und der Hisbollah. Ghobeiri ist eben jener Stadtteil von Beirut, wo die Hisbollah 2018 eine Straße nach Mustafa Badreddine benannte, einem 2016 in Syrien getöteten Hisbollah-Kommandanten, den das UN-Sondertribunal für den Libanon für den Drahtzieher bei dem Mord an Ministerpräsident Rafiq Hariri hält.

Bei der Beerdigung der Hisbollah-Kämpfer am Sonntag ging laut AP eine Menge von einigen Tausend Leuten – Angehörige und Unterstützer – unter „Allahu Akbar“-Rufen hinter den fünf Särgen her, die in gelbe Fahnen der Miliz gehüllt waren. „Heftiges Gewehrfeuer erschallte, als Unterstützer in die Luft feuerten, ein traditionelles Zeichen der Trauer. Mindestens fünf Personen waren zu sehen, wie sie auf Bahren weggetragen wurden, nachdem sie ohnmächtig geworden waren, offenbar überwältigt von Gefühlen.“

Der Vorsitzende des Syrian Obervatory for Human Rights, Rami Abdurrahman, sagte, unter den 14 Hisbollahkämpfern seien zehn libanesische Staatsbürger, von den übrigen vieren sei mindestens einer ein Iraner.

Gegendemonstrationen

Unterdessen gab es in anderen Teilen des Libanon Korsos von Autos und Motorrädern, bei denen die Teilnehmer mit türkischen Fahnen ihre Unterstützung der türkischen Offensive gegen Assad und die Hisbollah bekundeten. Wie u.a. das englischsprachige libanesische Nachrichtenportal The961 berichtet, fand ein solcher Korso am Montagnachmittag in der nordlibanesischen Stadt Beddaouni statt. „Eine ähnliche Demonstration hatte einen Tag zuvor, am Sonntag, stattgefunden, nachdem der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar den Beginn der Militäroperation gegen die syrische Regierung angekündigt hatte“, heißt es in dem Bericht.

Spaltung der libanesischen Gesellschaft

Die Frage, welche Stellung man zur Türkei, zur Hisbollah, aber auch zu historischen Fragen wie der Ära osmanischer Besatzung und dem türkischen Genozid an den Armeniern einnimmt, spaltet die libanesische Gesellschaft in unversöhnliche Lager: die Spaltung in „protürkisch“ und „antitürkisch“ ist einer dieser Gräben.

Im September 2019 hatte es diplomatische Spannungen zwischen der libanesischen und der türkischen Regierung gegeben: Der libanesische Ministerpräsident Michel Aoun hatte aus Anlass des 100. Jahrestags der Ausrufung des Staates Großlibanon über die vorausgegangene Ära unter türkischer Herrschaft gesagt: „Alle Versuche der Befreiung vom osmanischen Joch wurden mit Gewalt, Tötungen und dem Säen von konfessioneller Zwietracht beantwortet.“ Zudem sprach er vom osmanischen „Staatsterror“ während des Ersten Weltkriegs und erwähnte, dass Hunderttausende Libanesen Zwangsrekrutierungen und Hunger zum Opfer gefallen seien.

Die türkische Regierung verurteilte diese Äußerung und bestellte den libanesischen Botschafter ein. An das Tor der türkischen Botschaft in Beirut wurde daraufhin eine türkische Fahne mit Totenschädel gemalt und der Aufschrift „Geht nach Hause“.

Im April 2019 demonstrierten armenische Libanesen aus Anlass des Jahrestags des Beginns des türkischen Völkermord an den Armeniern in Beirut und verbrannten türkische Flaggen, was die libanesische Regierung verurteilte.

Auf der anderen Seite zeigen Umzüge wie die in Beddaouni, dass die Türkei und Präsident Erdogan im Libanon auch viele Sympathisanten haben. Inmitten einer der schwersten Wirtschaftskrise in der Geschichte des Libanon und einer drohenden Gesundheitskrise durch das Coronavirus ist eine Überwindung der Spaltung der Gesellschaft entlang ethnischer und konfessioneller Linien nicht in Sicht – wobei diese selbst eine der Hauptursachen der permanenten Krise ist.

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