Latest News

Hisbollah glaubt, nichts mehr verlieren zu können

Einschlag einer Hisbollah-Rakete im Norden Israels
Einschlag einer Hisbollah-Rakete im Norden Israels (© Imago Images / Xinhua)

Mit ihren Angriffen auf Israel spekuliert die Hisbollah auf die Neuverhandlung eines für sie günstigeren Waffenstillstands zwischen Beirut und Jerusalem.

Was hat sich die Hisbollah dabei gedacht, als sie beschloss, Israel zu beschießen? Das ist die Frage, die sich viele Menschen in Israel, im Libanon und im gesamten Nahen Osten stellen, seit die Hisbollah zwei Tage nach Beginn des israelisch-amerikanischen Angriffs auf den Iran mit dem Abschuss von Raketen auf Israel begonnen hat.

In den Tagen vor der Operation deuteten Einschätzungen des israelischen Geheimdienstes darauf hin, dass die Hisbollah nicht daran interessiert war, die Front gegen Israel eskalieren zu lassen. Selbst wenn sie sich zu einem Beschuss entschließen sollte – was zu diesem Zeitpunkt als unwahrscheinlich galt –, würden die Angriffe voraussichtlich eher symbolischen Charakter haben. Kurz nach dem Start der Operationen Epic Fury und Roaring Lion schien diese Einschätzung richtig zu sein. Die Hisbollah eröffnete zunächst nicht das Feuer, obwohl der Iran in den Tagen vor der Operation Druck auf seine Stellvertreterorganisation ausgeübt hatte, gegen Israel vorzugehen.

Am Nachmittag des 28. Februar jedoch – wenige Stunden nach dem Angriff, bei dem auch der Oberste Führer des Irans, Ali Khamenei, getötet worden war – begann die Führungsspitze der Hisbollah erneut darüber zu diskutieren, ob Israel angegriffen werden sollte. Schließlich feuerte die schiitische Terrorgruppe in der Nacht von Sonntag auf Montag mehrere Raketen auf Israel ab. Dies führte zur Eliminierung mehrerer hochrangiger Mitglieder der Terrororganisation und zu israelischen Vergeltungsschlägen gegen mehrere Ziele.

Seitdem hat die Hisbollah ihre Angriffe weiter eskaliert, darunter solche auf Zentralisrael und Dutzende von Raketenangriffen.

Nicht zu verlieren

»Wir schätzen, dass die Hisbollah noch über etwa eintausend Mittelstreckenraketen verfügt«, sagte ein hochrangiger israelischer Beamter. »Aber sie befindet sich in einer schwierigen Lage. Ihr Schutzherr steht unter enormem Druck und die Hisbollah fühlt sich dem Iran gegenüber zu großem Dank verpflichtet. Um die Abhängigkeit der Hisbollah vom Iran zu verstehen, muss man wissen, dass die Organisation allein im Jahr 2025 – auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise im Iran – zwischen achthundert Millionen und einer Milliarde Dollar aus Teheran erhalten hat.«

Die Hisbollah und Israel führten zwischen dem 8. Oktober 2023, dem Tag nach dem Terroranschlag der Hamas, und Ende November 2024 einen langwierigen Krieg. Der Höhepunkt dieses Konflikts war die Tötung des Anführers der Organisation, Hassan Nasrallah, sowie mehrerer anderer hochrangiger Persönlichkeiten und die Angriffe auf Pager und Kommunikationsgeräte, die sich gegen Hisbollah-Aktivisten richteten.

Der Waffenstillstand, der den Krieg beendete, sah vor, dass die Hisbollah südlich des Litani-Flusses bis zur israelischen Grenze keine Präsenz mehr aufrechterhalten und die libanesische Regierung mit der Entwaffnung der Terrororganisation beginnen würde.

In den letzten Tagen wurde in israelischen Sicherheitskreisen intensiv diskutiert, was die Hisbollah zu einem Schritt veranlasst hat, der Israel mit ziemlicher Sicherheit zu einer groß angelegten Operation zur Zerschlagung der Gruppe zwingen wird. Die vorherrschende Schlussfolgerung lautet: Die Organisation hat das Gefühl, nichts mehr zu verlieren zu haben.

»Die Hisbollah befindet sich in einer Situation, in der der Iran geschwächt ist, die Geldzuflüsse möglicherweise versiegen und die libanesische Regierung iranische Elemente und Mitglieder der Revolutionsgarde aus dem Land vertreibt«, hielt ein hochrangiger israelischer Beamter gegenüber dem Autor fest. In dieser Situation glaube die Hisbollah möglicherweise, »dass ein erneuter Krieg mit Israel letztendlich zu einem neuen Waffenstillstandsabkommen führen könnte – einem Abkommen, das es ihr ermöglichen würde, die Bedingungen des im November 2024 in Kraft getretenen Abkommens zu verbessern, durch das fünf israelische Außenposten auf libanesischem Gebiet verblieben sind.«

Der leitende Forscher am Dayan-Zentrum für Nahost- und Afrikastudien der Universität Tel Aviv, Uzi Rabi, erklärte: »Die Hisbollah schaut sich in alle Richtungen um und sieht keinen einzigen Akteur, der bereit ist, sie zu unterstützen. Deshalb nutzt sie das, was ihr noch in ihrem Arsenal bleibt, um ein Abkommen zu erzwingen. Das ist das Einzige, was sie in einer so schwierigen Situation noch erreichen kann.«

Der intensive Raketenbeschuss soll die Entscheidungsfindung in Israel und im Libanon unter Druck setzen »und Israel dazu bringen zu sagen, ›da unser Hauptziel der Iran ist, haben wir kein Interesse an einer weiteren großen Kampagne im Libanon. Daher ist es vorzuziehen, eine weitere Vereinbarung mit der Hisbollah zu erzielen.‹ Die Hisbollah weiß, dass eine Vereinbarung ihr Überleben bedeutet. Ohne eine solche ist alles vorbei.«

Schwierige Lage

Die libanesische Regierung befindet sich nun erneut in einer schwierigen Lage. Einerseits will sie keinen weiteren Krieg. Andererseits fürchtet sie einen internen Bürgerkrieg mit der Hisbollah. Seitdem die Terrorgruppe mit dem Raketenbeschuss begonnen hat, hat die Regierung in Beirut mehrere Maßnahmen ergriffen, die sich in erster Linie gegen den Iran richten. So kündigte sie eine Visapflicht für einreisende iranische Staatsbürger an und erklärte die Aktivitäten der Islamischen Revolutionsgarde (IRGC) im Land für illegal.

Laut israelischen Beamten wurden jedoch trotz der weit verbreiteten Ablehnung des Verhaltens der Hisbollah im Libanon keine nennenswerten Maßnahmen gegen die Organisation ergriffen, abgesehen von der Erklärung des militärischen Flügels der Terrorgruppe als illegal.

»Sogar einige Schiiten im Libanon fragen sich: Was macht die Hisbollah?«, stellt Uzi Rabi fest. Etwa eine Million Schiiten sind aus dem Südlibanon und dem Stadtteil Dahieh in Beirut geflohen, viele von ihnen in dem Bewusstsein, möglicherweise nie wieder in ihre Häuser zurückkehren zu können. Sie fragen sich, warum sie den Preis für die Fehler der Hisbollah zahlen müssen. Auch andere religiöse Gruppen im Libanon lehnen die Organisation ab. Selbst die Amal-Bewegung, eine weitere schiitische politisch-militärische Gruppe, hat Vorbehalte gegenüber der Hisbollah geäußert.

In Israel haben Beamte damit begonnen, mit Angriffen auf zivile Infrastruktur im Libanon sowie einer groß angelegten Bodenoffensive zu drohen, um eine mehrere Kilometer breite Sicherheitszone zwischen libanesischen Gemeinden und den Bewohnern Nordisraels zu schaffen. Derzeit gibt es keine Anzeichen dafür, dass die Hisbollah oder Israel bereit sind, nachzugeben.

Die entscheidende Frage ist nun, ob die libanesische Regierung entschiedene Maßnahmen gegen die Hisbollah ergreifen wird, wie es auch US-Präsident Donald Trump gefordert hat, oder ob ein weiterer langwieriger Krieg zwischen Israel und der schiitischen Terrororganisation im Libanon unvermeidlich geworden ist.

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte oder direkt über Ihren PayPal Account. 

Mehr zu den Themen

Das könnte Sie auch interessieren

Wir reden Tachles!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren!

Nur einmal wöchentlich. Versprochen!