Ironischerweise könnte der entscheidende Schlag gegen die Terrororganisation Hisbollah nicht von den Israelischen Verteidigungsstreitkräften kommen, sondern aus Libanons Hauptstadt Beirut.
Mitchell Bard
Die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) haben in weniger als zwei Jahren bemerkenswerte taktische Erfolge erzielt: Sie haben die Führung der Hisbollah eliminiert, die Raketenkapazitäten reduziert, Tausende von Terroristen getötet oder außer Gefecht gesetzt und ihre Hochburgen im Südlibanon erobert. Und doch ist es Israel trotz all dieser Schläge nicht gelungen, die Hisbollah zu besiegen.
Das Waffenarsenal der Terrororganisation bedroht, wenn auch geschwächt, nach wie vor israelische Städte und strategische Ziele. Der Norden Israels trägt die Narben der Zerstörung; etwa 80.000 Bewohner waren gezwungen, über ein Jahr lang als Binnenflüchtlinge zu leben, weil die Regierung deren Sicherheit nicht garantieren konnte. Selbst jetzt sind ihre Befürchtungen noch nicht abgeklungen, da die Zerschlagung der Hisbollah nicht von der israelischen, sondern von der libanesischen Regierung abhängt.
Netanjahus Verantwortung
Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu mag die Verantwortung für das Versagen, das Massaker vom 7. Oktober 2023 nicht verhindert zu haben, an andere abgeschoben haben, aber er war hellwach, als die Entscheidung getroffen wurde, die Hisbollah nicht präventiv anzugreifen. Wie im Fall des Aufbaus der Hamas im Gazastreifen fand auch der Erwerb von rund 150.000 Raketen durch die Hisbollah, der Bau von Tunneln und die Vorbereitungen für eine Invasion unter seiner Aufsicht statt. Angesichts des Damoklesschwerts, das über Israel schwebte, war ein Krieg mit der Hisbollah unvermeidlich, aber wie im Fall des Gazastreifens war Netanjahu risikoscheu.
Seine Sicherheitsdoktrin basierte auf Abschreckung – also dem Management der Bedrohung statt ihrer Beseitigung –, da ein totaler Krieg massive Zerstörungen und Tausende von zivilen Opfern mit sich gebracht hätte. Diese Strategie scheiterte im Süden und sie scheiterte erneut im Norden.
Am 7. Oktober 2023 schockierte die Hamas mit ihrem Überfall nicht nur Israel, sondern auch die Hisbollah. Die beiden Terrororganisationen hatten einen gleichzeitigen Angriff diskutiert, ein Alptraumszenario, in dem Eliteeinheiten der Hisbollah über die nördliche Grenze gestürmt wären, während die Hamas aus dem Gazastreifen angegriffen hätte. Als die Hamas zuerst zuschlug, zögerte die Hisbollah und kalibrierte ihre Reaktion, um eine totale Eskalation zu vermeiden.
Dennoch feuerte die Hisbollah ab dem 8. Oktober Drohnen, Panzerabwehrraketen und Mörsergranaten auf IDF-Stellungen entlang der Grenze ab. Laut dem Wall Street Journal startete Israel am 11. Oktober Flugzeuge für einen großangelegten Angriff auf die Hisbollah. In der Überzeugung, dafür die Unterstützung der USA zu benötigen, informierten israelische Beamte die damalige Regierung von Joe Biden über den Plan. In der Hoffnung, einen größeren Krieg abzuwenden, überzeugte der amerikanische Präsident den israelischen Premierminister, den Angriff abzubrechen, was Netanjahu später dementierte.
Die Hisbollah verstärkte ihre Bombardements mit Raketen, die vom israelischen Abwehrsystem Iron Dome nicht abgefangen werden konnten, und zwang Zehntausende Israelis in mehr als vierzig Gemeinden entlang der Grenze, das Gebiet zu verlassen. Netanjahus schneller Einsatz von Truppen an der Grenze verhinderte eine Invasion, aber durch die Umsiedlung der Bevölkerung wurde er zum ersten israelischen Premierminister, der dem Feind eigenes Territorium überließ. Der damalige US-Außenminister Antony Blinken brachte die Demütigung unverblümt auf den Punkt, als er feststellte, Israel habe »effektiv die Souveränität über den nördlichen Teil seines Landes verloren, weil sich die Menschen nicht sicher fühlen, in ihre Häuser zurückzukehren«.
Gegen Hisbollah und US-Regierung
Israel musste nicht nur gegen die Hisbollah, sondern auch gegen die Biden-Regierung kämpfen, die verzweifelt versuchte, eine Eskalation zu verhindern, um die Vereinigten Staaten in den Krieg nicht hineinzuziehen. Die israelischen Kosten für diese Vorsicht stiegen: Bis August 2024 hatte die Hisbollah mehr als 8.000 Raketen und 200 Drohnen auf Israel abgefeuert, Hunderte von Häusern beschädigt, etwa 145 Quadratkilometer Vegetation verbrannt und wirtschaftliche Verluste in Milliardenhöhe verursacht.
Aber auch die menschlichen Kosten stiegen. So wurde im März ein 25-jähriger Mann durch eine Rakete der Hisbollah getötet; im April wurden vierzehn Soldaten und vier Zivilisten verwundet, und im Juli zwölf drusische Kinder getötet und Dutzende verwundet, als eine Rakete einen Fußballplatz im drusischen Dorf Majdal Shams traf.
Amerikanische Beamte machten ihre Prioritäten deutlich. Der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs Charles Quinton Brown etwa erklärte, Israel müsse darüber nachdenken, wie sich eine Operation im Libanon »nicht nur auf die Region, sondern auch auf unsere Streitkräfte in anderen Regionen auswirken würde«.
Seltsamerweise erklärte Netanjahu erst am 17. September 2024, fast ein Jahr nach Beginn des Konflikts, dass die sichere Rückkehr der Bewohner in ihre Häuser entlang der Grenze ein Kriegsziel sei. In diesem Monat führte Israel eine der außergewöhnlichsten Operationen der modernen Militärgeschichte durch: Es zündete Sprengsätze, die in den Pagern und Walkie-Talkies der Hisbollah-Kämpfer eingebaut waren, wodurch etwa 1.500 Terroristen außer Gefecht gesetzt wurden und das Kommunikationsnetzwerk der Gruppe zerstörte.
Die Zerstörung hätte noch größer sein können. Der ehemalige Verteidigungsminister Yoav Gallant wollte sie am bereits 11. Oktober 2023 zur Explosion bringen, was »den Kriegsverlauf ändern« und »die gesamte Befehlskette der Hisbollah sofort eliminieren« hätte können. Netanjahu entschied sich jedoch für eine Verzögerung. Doch selbst der Erfolg dieser Aktion beendete die Kämpfe nicht. Bis zum Jahresende hatte die Hisbollah 15.400 Raketen abgefeuert.
Wie so oft entschied sich Netanjahu dafür, seine rechten Koalitionspartner zu beschwichtigen, anstatt mit dem damaligen US-Präsidenten Joe Biden zusammenzuarbeiten, indem er einen Waffenstillstandsvorschlag ablehnte, den die Amerikaner mit Israel abgestimmt hatten. Stattdessen ließ Israel den Kampf durch die Tötung des Hisbollah-ChefsHassan Nasrallah eskalieren. In Verbindung mit Israels Plan, Bodentruppen in den Libanon zu entsenden, verschärfte diese Entwicklung die Spannungen mit der amerikanischen Regierung. Auf die Frage, ob er mit einer begrenzten Bodenoffensive Israels einverstanden sei, antwortete Biden: »Ich bin damit einverstanden, dass sie aufhören. Wir brauchen jetzt einen Waffenstillstand.«
Biden behinderte Israels Operationen, indem er wichtige Informationen und Waffen zurückhielt. Er übte Druck auf Israel aus, keine libanesischen Infrastruktureinrichtungen anzugreifen, obwohl die Hisbollah den Hafen von Haifa ins Visier genommen und eine Wasserpumpstation in Tiberias beschossen hatte. Um die arabischen Verbündeten nicht weiter zu verärgern und den Iran nicht zu provozieren, gab das Pentagon bekannt, dass die Vereinigten Staaten Israel keine Geheimdienstinformationen mehr zur Verfügung stellen würden.
Ende des Kriegs
Die IDF hatten aus Furcht vor Vergeltungsmaßnahmen der Hisbollah gezögert, in den Libanon einzumarschieren. Die israelische Luftwaffe hatte zwar etwa die Hälfte der Raketen der Hisbollah zerstört, aber man ging davon aus, dass die Terrorgruppe immer noch über 75.000 Raketen verfügte. Dennoch begannen am 1. Oktober 2024 die Bodenoperationen. Am nächsten Tag erlitt Israel seine ersten Verluste, als acht Soldaten getötet wurden.
Bis November gab die IDF an, mehr als 2.500 Hisbollah-Kämpfer getötet, 5.000 verwundet und achtzig Prozent ihrer Mittelstreckenraketen sowie fast alle ihre präzisionsgelenkten Raketen zerstört zu haben. Dennoch feuerte die Hisbollah weiterhin täglich etwa hundert Raketen auf Israel ab.
Die Vereinigten Staaten drängten verzweifelt auf einen Waffenstillstand, in der Hoffnung, dass Joe Biden rechtzeitig vor seinem Amtsende Erfolg haben würde, um sich die Leistung als Verdienst anzurechnen. Am 26. November 2024 trat ein von den USA vermittelter Waffenstillstand in Kraft. Seine Bedingungen sahen vor, dass Israel sich innerhalb von sechzig Tagen aus dem Südlibanon und die Hisbollah sich nördlich des Litani-Flusses zurückziehen und die libanesische Armee die Kontrolle über den Süden übernehmen sollte.
Israel hatte keine andere Wahl, als zuzustimmen, nachdem Amerikas Präsident gedroht hatte, weitere Waffenlieferungen zu blockieren und kein Veto gegen eine Resolution des UN-Sicherheitsrats einzulegen, die Israel einen einseitigen Waffenstillstand auferlegte. Netanjahu stand auch unter dem Druck des neuen US-Präsidenten Donald Trump, der sich gerne mit der Beendigung des Kriegs brüsten wollte.
Trotz alledem gab der israelische Premierminister nicht zu, dem Druck nachgegeben zu haben und behauptete vielmehr, er habe dem Waffenstillstand zugestimmt, um Israels Waffenarsenal wieder aufzubauen (was möglich war, weil Biden einen Waffenverkauf im Wert von 680 Millionen Dollar angekündigt hatte, um die erschöpften Bestände wieder aufzufüllen) und sich auf die Hamas und die iranische Bedrohung zu konzentrieren.
Der Krieg endete, zumindest auf dem Papier, mit 66 israelischen Zivilisten und 84 Soldaten als Opfer. Die IDF griffen 12.500 Ziele an, beschlagnahmten riesige Vorräte an Waffen und Kommunikationsgeräten und errichteten eine neue, dreilagige Grenzmauer. Dennoch bleiben israelische Truppen im Südlibanon stationiert. Das letzte Mal, als dies geschah, blieben sie zweiundzwanzig Jahre lang dort – und die Hisbollah wurde nur noch stärker.
Obwohl die meisten ihrer Anführer und Hunderte von Kämpfern getötet, ihre Kommandozentralen zerstört und die meisten ihrer Streitkräfte auf dem Rückzug waren, erklärte die Hisbollah den Sieg. »Wir haben gewonnen«, sagte Generalsekretär Naim Qassem, »weil wir den Feind daran gehindert haben, die Hisbollah zu zerstören; ihn dabei gestoppt haben, den Widerstand zu beenden, und ihn besiegt haben, weil der Feind gezwungen war, das Abkommen zu rechtfertigen.«
Die Hisbollah hat den Konflikt überstanden, schweren Schaden angerichtet und Israels Sicherheitsgefühl nach dem 7. Oktober 2023 weiter untergraben. Die meisten vertriebenen Israelis mussten achtzehn Monate außerhalb ihrer Wohngebiete verbleiben. Viele von ihnen zögern noch immer mit der Rückkehr, da sie wissen, dass die Hisbollah nach wie vor schwer bewaffnet ist und eine ernsthafte Bedrohung darstellt. Die anfänglichen Kosten für den Wiederaufbau der Region belaufen sich auf 297 Millionen Dollar.
Prekäre Lage
Die Regierungen Biden und Trump behinderten Israel dabei, den Kampf in den Norden zu tragen, um die Hisbollah zu vernichten. Jetzt versucht die Hisbollah mit iranischer Hilfe, sich neu zu formieren.
Ironischerweise könnte der entscheidende Schlag gegen die Hisbollah nicht vonseiten der IDF, sondern aus Beirut kommen. Unter dem neuen Präsidenten Joseph Aoun hat der Libanon Schritte unternommen, um seine Souveränität von den Hisbollah-Drahtziehern in Teheran zurückzugewinnen. Die Armee beginnt damit, die Kontrolle über den Süden zu übernehmen, Waffenlager und Infrastruktur der Hisbollah zu zerstören und palästinensische Terrorgruppen zu entwaffnen.
Die eigentliche Herausforderung wird die umfassende Entwaffnung der Terroristen im ganzen Land sein. Am 21. April erklärte Aoun: »Als ich in meinem Amtseid vom ausschließlichen Recht des Staates auf Waffen sprach, waren das nicht nur Worte. Ich habe das gesagt, weil ich fest davon überzeugt bin, dass das libanesische Volk keinen Krieg will und dessen Folgen oder sogar die Sprache des Kriegs nicht länger ertragen kann.«
Im August beschloss die Regierung, die Waffen der Hisbollah zu beschlagnahmen und zum ersten Mal seit über fünfzig Jahren ihre volle Souveränität über den Südlibanon geltend zu machen. Doch die Hisbollah schwört Widerstand: »Wir werden niemandem erlauben, den Widerstand zu entwaffnen«, warnte Qassem.
Israel befindet sich in einer prekären Lage und ist gezwungen, sich auf den Libanon zu verlassen, die Hisbollah zu beseitigen. Ob der libanesische Staat dafür über die institutionelle Stärke und den politischen Willen verfügt, bleibt abzuwarten. Sollte er scheitern, wird die Last der Neutralisierung der Bedrohung erneut auf Israel fallen.
Das israelische Militär kämpfte zwar tapfer, hat aber nicht gewonnen. Obwohl Netanjahu es aus der Geschichte der Beziehungen zwischen den USA und Israel besser wissen müsste, unterschätzte er die politischen Zwänge, die Washington ihm auferlegt hatte. Am schlimmsten war, dass er die Israelis wie schon bezüglich des Gazastreifens zu der Annahme verleitet hat, ein »vollständiger Sieg« sei möglich.
(Mitchell Bard ist Autor des in vielen Auflagen erschienenen Buchs Myths and Facts: A Guide to the Arab-Israeli Conflict. Der Artikel ist auf Englisch vom Jewish News Syndicate veröffentlicht worden. Übersetzung von Alexander Gruber.)






