Wie der Journalist Karim El-Gawhary israelische Angaben als unglaubwürdig darstellt, indem er nie aufgestellte Behauptungen über einen Hisbollah-Bunker »widerlegt«.
Journalisten verfügen über eine breite Auswahl an Möglichkeiten, um ihren Berichten über Israel bzw. über Kriege mit israelischer Beteiligung einen ganz gewissen Spin zu verleihen. Die Palette reicht von der plumpen Wiedergabe von Hamas-Propaganda (wie im Fall des angeblich israelischen Angriffs auf das al-Ahli-Krankenhaus in Gaza) bis zu raffinierteren Fällen, denen die Verzerrungen nicht auf den ersten Blick anzusehen sind, die deswegen aber auch viel wirkungsvoller sind. Sehen wir uns einen solchen aktuellen Fall an.
Im Ö1-Mittagsjournal vom 23. Oktober war ein Interview mit dem ORF-Korrespondenten für den arabischen Raum zu hören. Karim El-Gawhary sprach darin u. a. über ein Krankenhaus in Beirut, das im Zuge des israelischen Vorgehens gegen das wirtschaftliche Rückgrat der Hisbollah in den Fokus gerückt ist. Der Besitzer dieses privaten Krankenhauses, so erzählte El-Gawhary, »steht der schiitischen Amal-Bewegung nahe, nicht der Hisbollah«.
Israel, so setzte er fort, habe bisher »keine Beweise für seine Behauptung geliefert, dass dort im Keller Geld und Goldbarren der Hisbollah gelagert sein sollen«. Es gebe lediglich eine »animierte Grafik der israelischen Armee, die diese Behauptung veranschaulichen soll«. Einige Ärzte des Krankenhauses hätten daraufhin Journalisten eingeladen, die durch »das gesamte Krankenhaus, auch in zwei Tiefgeschoße« gehen konnten. Ihnen seien »Türen und Schränke«, ja, »sogar die Schubladen der Leichenkammer« geöffnet worden und sie konnten sich auch alleine durch die Klink bewegen. »Sie haben nichts gesehen, das die israelische Behauptung stützt.«
Es gebe »natürlich immer noch die Möglichkeit, dass es irgendeinen geheimen Bunker gibt mit einem Eingang außerhalb des Krankenhauses«, aber man habe schon so oft im Gazastreifen gesehen, dass Israel behaupte, »eine Hamas-Zentrale befindet sich unter einem Krankenhaus, und dann wird bombardiert, und am Ende wird das nie vollständig aufgeklärt«.
Sechs Probleme
Worin besteht nun das Problem mit diesen Passagen? Erstens haben die israelischen Streitkräfte nicht behauptet, dass Geld und Gold der Hisbollah »im Keller« des Krankenhauses gelagert sein sollen, sondern sie haben von einem Bunker »direkt unter dem Krankenhaus« gesprochen.
Genau das ist zweitens in der auch von El-Gawhary erwähnten »animierten Grafik« zu sehen, in der kein Zugang vom Krankenhausgebäude zu dem darunterliegenden Bunker verzeichnet ist.
In today’s episode of Hezbollah war crimes, the terrorist organization has millions of dollars in gold and cash, hidden in a bunker, directly under the Al-Sahel Hospital in Beirut.
Watch:
📸 @IDF pic.twitter.com/WW2xkVSdct
— Israel ישראל (@Israel) October 21, 2024
Nun mag es sich drittens bei dem Krankenhaus tatsächlich um eine nicht von der Hisbollah, sondern von der Amal geführte Einrichtung handeln. Aber El-Gawhary ließ an dieser Stelle das vielleicht nicht ganz unwichtige Detail unerwähnt, dass diese Bewegung mit der Hisbollah eng verbündet ist.
Deswegen war es viertens nicht mehr als ein PR-Stunt, Journalisten durch das Krankenhaus zu führen und sie, Wunder über Wunder, feststellen zu lassen, dass dort nichts zu sehen ist, was »die israelische Behauptung stützt«.
Journalisten müssen sich fünftens aber nicht von Verbündeten einer islamistischen Terrorgruppe an der Nase herumführen lassen, sondern können sich, im Interesse der Wahrheit und ihres Publikums, auch die Mühe machen, selbst zu recherchieren. Das hat – im Gegensatz zu El-Gawhary, der überhaupt nur die Arbeit von anderen aufwärmte – ein libanesischer Journalist getan, der sich nach der PR-Tour durch das Krankenhaus zu dem tatsächlich von den Israelis angegeben Bunkereingang unter einem benachbarten Gebäude begeben hat.
Dort stieß er auf verschlossene Metalltüren und Männer, die ihm erklärten, dass ihm ein Zugang nicht erlaubt sei. Nachfragen bei der Hisbollah führten zum selben Ergebnis: Kein Zutritt zu dem, was sich hinter den Metalltüren – unterhalb des Krankenhauses – befindet.
A reporter for the Lebanese LBC channel explains in an interview that after the tour of the Al-Sahel hospital, he saw the IDF’s tweet in Arabic with instructions on arriving to the Hezbollah bunker’s location. He states that once he arrived at the building, he saw a number of men… pic.twitter.com/QhyMG1U9cr
— LTC Nadav Shoshani (@LTC_Shoshani) October 22, 2024
Der abschließende Verweis auf angeblich viele ähnlich gelagerte Fälle im Gazastreifen, bei denen die Israelis auch zuerst Vorwürfe gegen Krankenhäuser erhoben und diese sodann bombardiert hätten, war von El-Gawhary sechstens praktischerweise so vage formuliert, dass er nicht konkret nachvollzogen werden kann.
Der bekannteste Fall eines Krankenhauses im Gazastreifen, unter dem sich israelischen Angaben zufolge eine Kommandozentrale der Hamas befunden haben soll, ist jedenfalls das Al-Shifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt. Doch anders als El-Gawhary suggerierte, ist dieses Spital – unter dem sich tatsächlich Hamas-Tunnel befanden und in dem auch verschleppte israelische Geiseln festgehalten wurden – keineswegs von Israel »bombardiert« worden.
Typisches Beispiel
Die analysierte Interviewpassage dauerte nur etwas mehr als eine Minute, aber ist ein typisches Beispiel für die Vorgangsweise El-Gawharys:
- Behauptungen wurden »widerlegt«, die Israel nie aufgestellt hat (»Geld und Goldbarren im Keller des Krankenhauses«);
- Detailreichtum, der in Wahrheit freilich völlig belanglos war (»Schubladen der Leichenkammer«), sollte den Eindruck von Authentizität erwecken;
- wichtige Informationen wurden den Hörern vorenthalten (das Krankenhaus wird von Hisbollah-Verbündeten betrieben);
- tatsächliche Recherche unabhängig von dem, was Journalisten zu sehen bekommen sollten, unterließ El-Gawhary bzw. verschwieg sie, wenn sie von anderen geleistet wurde und nicht in sein Narrativ gepasst hätte (Bericht des LBCI-Journalisten über das Nachbargebäude);
- und Vorwürfe gegen Israel blieben vage bzw. entsprachen nicht der Wahrheit (Beispiel Shifa-Krankenhaus).
Um bloßes journalistisches Unvermögen kann es sich dabei nicht handeln, denn dann würden die Verzerrungen nicht stets in dieselbe Richtung weisen. Bei Karim El-Gawhary ist es wie mit einem Kellner, dessen Rechnungen immer denselben Fehler aufweisen: Wenn sie ausschließlich zulasten des Gastes gehen, muss Absicht im Spiel sein.
Dies ist ein Auszug aus unserem Newsletter vom 16. Oktober. Wenn Sie den nächsten Newsletter erhalten möchten, melden Sie sich an!
Durchaus unterschiedliche Ergebnisse einer Tour für Journalisten im Beiruter A-Sahel-Spital, auf dessen Gelände Israels Armee einen Geldspeicher der Hisbollah vermutet.
Die BBC-Reporterin Orla Guerin fasst zusammen, nichts Verdächtiges gesehen zu haben:https://t.co/dRsVkqvINK… pic.twitter.com/W7u3kRQOwt
— Nikolaus Wildner (@NikolausWildner) October 22, 2024
https://t.co/Rl05Atd1Af https://t.co/8BUBiopriy pic.twitter.com/xejMuzaT0z
— Mena-Watch (@MENA_WATCH) October 23, 2024
Following a request yesterday by the Director of the Al-Sahel General Hospital, who called on Reporters to come to the Hospital for a Tour to prove that a Hezbollah Bunker was not beneath the Hospital; a Large Group of Lebanese Reporters arrived at the Hospital this morning, but… pic.twitter.com/TksK8bojCi
— OSINTdefender (@sentdefender) October 22, 2024







