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Israels Vergeltungsschläge setzen Hisbollah-Führung unter Druck

Begräbnis des bei einem israelischen Luftangriff getöteten Hisbollah-Kommandeurs Sami Taleb Abdullah
Begräbnis des bei einem israelischen Luftangriff getöteten Hisbollah-Kommandeurs Sami Taleb Abdullah (© Imago Images / ZUMA Press Wire)

Die Eliminierung von Sami Taleb Abdullah, dem ranghöchsten Hisbollah-Befehlshaber, der bisher im Krieg getötet wurde, beunruhigt die Hisbollah-Führung.

Etwa zweihundertfünfzig Raketen wurden am Mittwoch vom Libanon aus auf den Norden Israels abgefeuert und lösten durchgehenden Alarm aus, während jene Geschosse, die auf offenem Gelände explodierten, wieder einmal große Brände entfachten. Der Raketenbeschuss erfolgte nach der Tötung des hochrangigen Hisbollah-Funktionärs Sami Taleb Abdullah, dessen Rang in der Miliz dem militärischen Rang eines Brigadegenerals entsprach. 

Sami Taleb Abdullah war während des Zweiten Libanonkriegs im Jahr 2006 Brigadekommandeur und in der Raketenentwicklung tätig. Der in den vergangenen zwanzig Jahren den Hisbollah-Raketenbeschuss des nördlichen Galiläa und die Golanhöhen leitende Abdullah ist der ranghöchste Hisbollah-Befehlshaber, der bisher in diesem Krieg getötet wurde, in den die libanesische Terrormiliz zur Unterstützung der Hamas am 8. Oktober 2023 eintrat.

Nach den jüngsten massiven Hisbollah-Angriffen auf Nordisrael wurde Abdullah dank umfassender nachrichtendienstlichen Erkenntnisse am Mittwoch von einem Kampfjet der israelischen Luftwaffe aus beschossen und präzise liquidiert

Hisbollah-Führung beunruhigt

»Die wirkmächtige Eliminierung beunruhigt die Hisbollah-Mitglieder. Sie verstehen jetzt, dass die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) viel mehr über sie weiß als gedacht. Darüber hinaus zeigt die Operation, dass die Sicherheitsvorkehrungen der Hisbollah vor Ort nicht luft- und wasserdicht sind und ihr Nachrichtensystem der Organisation so weit [von Agenten] durchsetzt ist, dass Israel einen so wichtigen Sektorkommandeur ausschalten konnte. Den IDF ist es gelungen, die Netzwerke und Systeme der Organisation zu infiltrieren und die richtigen Personen für die Eliminierung zu identifizieren«, sagte der Nahostexperte Amatzia Baram von der Universität Haifa.

Dies werde auch Auswirkungen auf den Führer der Terrororganisation haben, deutete Baram an. So sei sich Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah »bewusst, dass die IDF die Möglichkeit haben, ihn jederzeit zu töten, und ich glaube, das beunruhigt ihn sehr. Entgegen der landläufigen Meinung ist Nasrallah kein selbstmörderischer Schiit, der sich nach dem (Märtyrer-)Tod sehnt. Der Hisbollah-Führer weiß, dass er im Falle eines von seiner Miliz vom Zaun gebrochenen umfassenden Kriegs der Nächste wäre, der sterben müsste. Dies stellt für ihn eine erhebliche Gefahr dar.«

Darüber hinaus sei die Tötung Sami Taleb Abdullahs »ein bedeutender Erfolg in der psychologischen Kriegsführung gegen die Terrororganisation, da sie zu großer Besorgnis bei den Befehlshabern führt, die ebenfalls wissen, dass sie die Nächsten sein könnten.«

Zu Krieg bereit, aber nicht willens

Im Rahmen seiner Ausführungen gegenüber der Jerusalem Post verwies Baram auch auf die möglichen Reaktionen der Terrororganisation nach der Liquidierung einer ihrer ranghöchsten Funktionäre: »Das letzte Mal, als wir ranghohe Hisbollah-Kommandeure ausschalteten, erhöhte die Terrororganisation zur ›Strafe‹ das Feuer und feuerte mehr Raketen auf Israel ab«, wies aber darauf hin, dass »sie jedoch die unausgesprochenen roten Linien, die in dem bislang begrenzten Krieg festgelegt wurden, nicht überschritten haben«.

Aktuell könnte die Hisbollah zwar »den Umfang des Feuers erhöhen«, sie werde seiner Meinung nach aber »die Reichweite nicht wesentlich vergrößern«. Wichtiger sei die Frage der »Art der Ziele, die sie zu treffen versuchen. Bisher hat die Terrororganisation nicht versucht, ein großes ziviles Ziel zu treffen, sondern nur einige wenige militärische Ziele, was die kritische Grenze zwischen einer bloßen Provokation Israels und dem Ausbruch eines umfassenden Kriegs markiert.«

Zwar sei die Hisbollah zu einem groß angelegten Krieg bereit, wolle ihn derzeit aber (noch) nicht und werde daher nicht versuchen, zivile Ziele anzugreifen, schätzte Baram die Lage ein. »Aus ihrer Sicht wäre es ein großer Fehler, einen Krieg zu beginnen, denn dann hätten die USA die Legitimation, in den Kampf einzugreifen.«

Die Hisbollah erinnere sich gut noch an die Aussage des amerikanischen Präsidenten, die USA würden in den Kampf gegen die Hisbollah eintreten, begönne diese einen umfassenden Krieg gegen Israel, was sowohl die Terrororganisation als auch ihre Schirmherren in Teheran fürchten. »Würde Israel hingegen den Krieg beginnen, wären die Amerikaner nicht verpflichtet, sich an den Kämpfen zu beteiligen. Es gibt ständige Gespräche zwischen Teheran und Beirut, wobei die Iraner Nasrallah dazu drängen, nur begrenzt zu eskalieren, nur auf militärische Ziele und nicht auf Zivilisten zu zielen und das Feuer nicht auf Städte mit Zivilbevölkerung zu richten«, erklärte Baram.

Zwar habe die Hisbollah am Mittwoch eine Drohne auf Haifa gerichtet, aber auch das sei ein sehr begrenzter Angriff gewesen. »In einem anderen Szenario, in dem die Terrororganisation hundert Sprengköpfe auf die Stadt gerichtet hätte, wäre die Wirkung eine andere und Israel hätte die Legitimation, als Reaktion einen umfassenden Krieg zu starten«, erklärte der Experte aus Haifa. 

Auch wenn Israel vielleicht wolle, dass die Hisbollah die rote Linie überschreitet und ihm eine Legitimation liefert, werde die Terrororganisation dies derzeit nicht tun. Die aktuelle begrenzte Eskalation bewege sich immer noch im Rahmen der Provokation und rechtfertige nicht, dass Israel einen umfassenden Krieg beginnt. Die entscheidende Frage sei, so Baram, »ob die Hisbollah eine Aktion starten könnte, die den Amerikanern keine andere Wahl lässt, als sich dem Krieg gegen sie anzuschließen, wie es Biden zugesagt hat«.

Doch selbst nach der wirkmächtigen Eliminierung von Sami Taleb Abdullah habe die Hisbollah ihre Ansicht nicht geändert, »dass der Zermürbungskrieg im Norden innerhalb der zwar unausgesprochenen, aber dennoch bislang gültigen roten Linien fortgesetzt werden sollte«, meinte Baram abschließend.

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