Der Appell von Hisbollah-Vizechef Qassem nach einem Ende der Kämpfe unabhängig von der Situation im Gazastreifen zeigt, in welch schwerer militärischer Notlage die Terrorgruppe sich befindet.
Wie aus einer Rede hervorgeht, die Naim Qassem am Dienstag gehalten hat, bringt die Hisbollah einen bedingungslosen Waffenstillstand ins Spiel. In seiner Rede erklärte Qassem, der bis zu dessen Tötung als Stellvertreter von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah fungiert hatte, dass seine Gruppe einem Waffenstillstand zustimmen würde.
»Wir unterstützen die politischen Bemühungen unter der Führung von [dem mit der Hisbollah verbundenen Parlamentspräsidenten Nabih] Berri, um einen Waffenstillstand zu erreichen«, sagte der Terroristenführer in einer Erklärung, die vom US-Sender CNN zitiert wurde. Zunächst solle ein Waffenstillstand auf diplomatischem Wege erreicht werden, »und dann werden alle Einzelheiten und Entscheidungen getroffen«, fuhr Qassem in seiner Ankündigung fort, bei der davon ausgegangen wird, dass sie mit dem Iran abgestimmt worden war.
Naim Qassem, der bis vor Kurzem noch einen anderen Ton anschlug, ist Gründungsmitglied der Hisbollah, eine ihrer führenden Persönlichkeiten und Mitglied des Dschihad-Rats, der die Operationen der Terrorgruppe überwacht. Nach der Tötung Nasrallahs und dem Angriff auf seinen prospektiven Nachfolger Hashem Safieddine, bei dem dieser aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls getötet wurde, ist Qassem nun der ranghöchste militärische und politische Anführer der Terrorgruppe.
Angesichts dessen kann Qassem als offizieller Sprecher der Hisbollah angesehen werden und es ist sehr wahrscheinlich, dass der Waffenstillstandsvorschlag, den er in seiner vorab angekündigten Rede in Beirut präsentierte, offiziell ist. Besondere bemerkenswert dabei ist, dass Qassem den Waffenstillstand nicht von einer Einstellung der Kämpfe im Gazastreifen abhängig gemacht hat, wie es die Position der Hisbollah war, seit sie am 8. Oktober 2023 zur Unterstützung der Hamas ihren Abnutzungskrieg gegen Israels Norden gestartet hatte.
Zwei-Schritte-Ansatz
Qassems Forderung nach einem Waffenstillstand, der wahrscheinlich von den Vereinten Nationen oder auf anderem diplomatischem Weg vermittelt werden würde, fordert Israel auf, seine Offensive zu stoppen, bevor in einem zweiten Schritt die Bedingungen für die zukünftige Situation zwischen Israel und dem Libanon – insbesondere im Südlibanon an der Grenze zum jüdischen Staat – ausgehandelt werden würde. Israel könnte diesen Zwei-Schritte-Ansatz allerdings ablehnen, da eine erneute Wiederaufnahme der Kampfhandlungen weitaus schwieriger wäre, wenn der Libanon nach dem ersten Schritt sich weigert, die Forderungen Israels zu akzeptieren.
»Was uns betrifft, ist jede weitere Diskussion vor einem Waffenstillstand fehl am Platz. Wenn der Feind seinen Krieg fortsetzt, wird das Schlachtfeld [zwischen uns] entscheiden. Wir gehören auf das Schlachtfeld und betteln nicht um eine Lösung. Ihr sollt wissen, dass dies ein Krieg darüber ist, wer zuerst schreit, und wir werden nicht schreien. Wir werden weiterhin Opfer bringen, und Inshallah [so Gott will] werdet ihr die Schreie des israelischen Feindes hören«, wurde der stellvertretende Hisbollah-Führer zitiert.
Den markigen Worten zum Trotz spiegelt der Hisbollah-Aufruf zu einem Waffenstillstand die prekäre militärische Lage der Gruppe und ihren Wunsch wider, weitere Aktionen Israels und der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte zu stoppen, die den militärischen und zivilen Ressourcen der Hisbollah zusätzlichen Schaden zufügen und ihre Kontrolle über den Südlibanon schwächen.
Obwohl Qassem den Vorschlag als Zustimmung der Hisbollah zu einem Waffenstillstand darstellt, handelt es sich eindeutig um eine verzweifelte Bitte, die aus der schwierigen Lage der Gruppe heraus entstanden ist und möglicherweise sogar ein stillschweigendes Eingeständnis der Niederlage darstellt, wie die israelische Nachrichtenplattform Ynet feststellt. Nun kommt es darauf an, wie Israel und potenzielle Vermittler reagieren und ob der libanesische Staat eingreift, um den Krieg zu beenden.
Qassems Fokus liegt auf der Erreichung eines Waffenstillstands, wobei die Einzelheiten erst im Nachhinein besprochen werden sollen. Israel könnte sich diesem Ansatz widersetzen, da eine erneute Wiederaufnahme der Kampfhandlungen dann weitaus schwieriger wäre, wenn der Libanon sich weigert, die Forderungen Israels zu akzeptieren.
Hizbullah Deputy Secretary-General Naim Qassem: We Support the Ceasefire Initiative of Our ‘Big Brother’ Nabih Berri; This Is Not a War Over Iran and Its Influence in the Region; Iran and Hizbullah Are Helping the Palestinians Liberate Their Own Land pic.twitter.com/u4DCDlJ9Hx
— MEMRI (@MEMRIReports) October 8, 2024







