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Hilfskorridor für syrische Flüchtlingslager vor Schließung?

Flüchtlingslager für Binnenvertriebene in Syrien
Flüchtlingslager für Binnenvertriebene in Syrien (© Imago Images / ZUMA Wire)

Wenn der UN-Sicherheitsrat das Mandat für die Aufrechterhaltung des Hilfskorridors im Nordwesten Syriens bis 10. Juli nicht verlängert, können die Flüchtlingslager nicht mehr mit lebenserhaltenen Gütern versorgt werden.

Seit Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs im März 2011 flüchteten Millionen von Menschen aus ihrer Heimat, um den Kriegsgräueln zu entkommen. Viele von ihnen wollten in das benachbarte Ausland, doch die meisten strandeten in Flüchtlingslagern in anderen Teilen Syriens, wo sie seit Jahren unter menschenunwürdigen Zuständen leben und nicht wissen, wie es mit ihnen weitergehen wird.

UNO-Resolution

Seit dem Jahr 2014 ist es der UNO durch eine Resolution möglich, ohne Genehmigung des syrischen Diktators Assads Hilfsgüter über verschiedene Grenzübergänge in die mehr als tausend Flüchtlingslager auf syrischem Boden zu transportieren. Das Mandat für die Öffnung dieser sogenannten Korridore ist zeitlich begrenzt und muss in regelmäßigen Abständen im UN-Sicherheitsrat durch Abstimmung verlängert werden.

Sollte man glauben, es wäre aus humanitären Gründen eine Selbstverständlichkeit, für die Beibehaltung der Korridore zu stimmen, dann läge man im Irrtum, denn tatsächlich ist es eine individuelle politische Entscheidung der Mitgliedsstaaten des UN-Sicherheitsrats. Das hat das ständige Mitglied Russland 2020 bewiesen, als es sein Veto einlegte.

Auch im vorigen Jahr gab es massive Einwände seitens Russlands und das Mandat konnte nur in letzter Minute per UNO-Resolution verlängert werden, allerdings mit dem Ergebnis, dass bis auf einen einzigen, über den Grenzübergang Baba al-Hawa führenden, alle anderen dieser Korridore geschlossen werden mussten. Nun läuft das Mandat am 10. Juli aus und die Verlängerung hängt erneut an einem seidenen Faden, der Wladimir Putin heißt.

Katastrophale Zustände

Die Flüchtlingslager liegen fast alle im Nordwesten Syriens, über den der syrische Machthaber Baschar al-Assad mittlerweile keine Kontrolle mehr hat. Laut Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) leben in ihnen rund 1,7 Mio. Menschen, wovon ca. 58 Prozent minderjährig sind. Doch das Wort »leben« ist eher ein Euphemismus, in realiter ist es ein »vegetieren«, denn die dort herrschenden Zustände können nur als menschenunwürdige bezeichnet werden.

In fast allen Lagern gibt es keine festen Unterkünfte, sondern kleine Zelte, in denen die Menschen entweder frieren oder unter der Hitze leiden. Nachdem die Zelte nicht verschließbar sind, sind Diebstähle und körperliche Übergriffe, deren Opfer vor allem Frauen und Mädchen sind, quasi zur Selbstverständlichkeit geworden, die von niemandem sanktioniert werden.

Hinzu kommt die völlig unzureichende Infrastruktur, die das tägliche Leben zu einer Tortour macht. Nur 40 Prozent der in den Lagern Lebenden haben nach Angaben von Amnesty International Zugang zu funktionierenden Latrinen, sodass die Mehrheit der Menschen gezwungen ist, ihre Notdurft im Freien zu verrichten. In jedem Lager herrscht größter Mangel an einer funktionierenden Wasser- und Energieversorgung, medizinischem Personal, klinischen Einrichtungen, Medikamenten und Schulen.

»Seit die syrischen Behörden die Kontrolle über den Nordwesten des Landes verloren haben, haben sie den Strom und das Wasser abgestellt, Hilfslieferungen behindert und Lager, medizinische Einrichtungen und Schulen angegriffen«, berichtet ein AI-Mitarbeiter.

Versorgungsknappheit

Am meisten leiden die Menschen, die in diesen Lagern ausharren müssen, unter dem Mangel an Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs. Die unzureichende Versorgung mit Nahrung lässt viele Mütter hungern, um zumindest ihre Kinder ernähren zu können.

Um dennoch zu überleben, sind sie alle auf die humanitären Hilfslieferungen angewiesen, die die UNO organisiert und von der Türkei aus über besagten Hilfskorridor zu den Lagern gebracht werden. Aber es sind nicht nur jene Menschen, die in den Lagern leben, von diesen Lieferungen existenziell abhängig, sondern darüber hinaus auch die mehr als zwei Millionen Syrier, die auf der Flucht vor dem Kriegsgeschehen im Nordwesten des Landes gestrandet sind und in einem der zahllosen kleinen Dörfer Unterschlupf gefunden haben.

Wird nun die Verlängerung dieses einen Hilfskorridors im UN-Sicherheitsrat abgelehnt, stehen Millionen von Menschen vor dem Hungertod. Diese fatale Perspektive kann – und darf – nicht im Sinne der UN sein.

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