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Heute vor 80 Jahren (4): Vorbereitung auf den noch fernen Krieg

Heute vor 80 Jahren (4): Vorbereitung auf den noch fernen Krieg
Denkmal für die Jewish Brigade am Mount Herzl, Jerusalem (Quelle: www.templar1307.com/CC BY-NC-ND 2.0)

Knapp vier Wochen nach dem deutschen Überfall auf Polen hatte der Krieg den Nahen Osten noch nicht direkt erreicht, seine Auswirkungen waren aber sehr wohl bereits zu spüren. Bereits am Tag der britischen Kriegserklärung gegen Deutschland führten die Mandatsbehörden in Palästina die Pressezensur ein. Sämtliche Publikationen mussten den eigens dafür eingerichteten Zensurbüros in Jerusalem, Tel Aviv oder Jaffa vorgelegt werden und konnten erst veröffentlicht werden, nachdem sie einen Unbedenklichkeitsstempel erhielten. (Palestine Post, 4. September 1939) Das war freilich nur die erste von etlichen Maßnahmen, mit denen das Land sich an die neue Situation anzupassen versuchte.

Vorbereitung auf Kriegswirtschaft

Palästina war von Lebensmittel- und anderen Importen abhängig. Die kamen zwar noch fast ungehindert ins Land, aber allgemein wurde davon ausgegangen, dass es durch kriegsbedingte Störungen der Handelswege früher oder später zu Engpässen kommen werde. Der britische Hochkommissar wandte sich in einer Radioansprache an die Bürger Palästinas, um sie auf die kommenden Probleme vorzubereiten:

„Kaum ein Land ist völlig autark. Palästina ist es sicherlich nicht. Es hat Güter aus allen Kontinenten bezogen und Handelsbeziehungen zu fast allen Ländern der Welt unterhalten. Der Güterverkehr war von einigen Ausnahmen abgesehen frei (…). Aber jetzt haben sich die Umstände geändert. Der Transport von und nach Palästina wird nicht weiter so einfach möglich sein, auch wenn wir noch nicht wissen, welche Ausmaße die Einschränkungen annehmen werden. (…)

Die unvermeidliche Folge dieser Veränderungen wird eine sehr starke Verringerung unserer Gesamtimporte sein, und wenn wir unsere knappen Ressourcen optimal nutzen wollen, ist die Zusammenarbeit aller, jedes Mannes und jeder Frau im Land, jedes Unternehmens und jeder Vereinigung, unerlässlich. Sie müssen auf den Konsum von Unnötigem verzichten, um sicherzustellen, dass sie das Notwendige erhalten. Und sie müssen auch alle erdenklichen Maßnahmen ergreifen, um die Produktion dessen zu erhöhen, was für den Eigenverbrauch und, wenn möglich, für den Export benötigt wird. Für beide Zwecke ist eine allgemeine Neuplanung unserer Wirtschaft unerlässlich. Da sich die Bedingungen sich geändert haben, muss auch unser Leben ändern – zu Hause, im Dorf, in der Siedlung, in der Stadt.“ (Palestine Post, 21. September 1939)

Die britischen Mandatsbehörden verhängten strikte Auflagen für den Verkauf von Lebensmitteln und anderen essentiellen Waren und setzten Höchstpreise für etliche Güter fest. Fast täglich berichtete die Palestine Post über Strafen, die über Händler verhängt wurden, die Waren zu überhöhten Preisen verkauften oder Güter horteten. Typisch waren Meldungen wie diese:

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„Drei Lebensmittelhändler aus Tel Aviv wurde zu je zwei Monaten Haft verurteilt. Israel Shechler aus der Makhan-Straße und Arieh Margalit aus der Ben-Yehuda-Straße wegen des überteuerten Verkaufs von Zucker sowie Yacob Botkowski aus der Dizengoff-Straße wegen zu hohen Preisen für Reis.“ (Palestine Post, 20. September 1939)

Den Ernstfall trainieren

Von Maßnahmen zur Einstellung der Wirtschaft auf den Krieg abgesehen begannen die Behörden auch damit, das Land darauf vorzubereiten, direkt zum Kriegsschauplatz zu werden. Das Hauptaugenmerk wurde auf die Küstenstadt Haifa gelegt, die den größten Hafen des Landes beherbergte. Bereits kurz nach Kriegsbeginn unternahmen die Behörden Verdunkelungstests, bei denen in Teilen der Stadt (von einigen abgedeckten Straßenlampen abgesehen) auf Ertönen der Luftschutzsirenen sämtliche Beleuchtungen abgeschaltet werden mussten. Flugzeuge der Royal Air Force überflogen das Gebiet, um die Wirksamkeit der Verdunkelung zu überprüfen. (Palestine Post, 10. September 1939) Infolge der Tests wurden umfangreiche Verdunkelungsmaßnahmen angeordnet. Verboten wurde insbesondere der Betrieb von Lampen, die vom Meer aus zu sehen wären. (Palestine Post, 21. September 1939) Darüber hinaus wurden am 11. September in einer groß angelegten Übung Luftangriffe auf Haifa simuliert, um Polizei, Feuerwehr, Rettung, Krankenhäuser und andere Akteure auf den Ernstfall vorzubereiten. (Palestine Post, 12. September 1939)

Ähnliche Übungen wurden auch an anderen Orten im Land durchgeführt. Im Hadassah-Krankenhaus in Jerusalem etwa wurden spezielle Vorlesungen gehalten, in denen die Zivilbevölkerung auf Situationen vorbereitet wurde, die sich im Kriegsfall ergeben könnten. Ein Vortrag widmete sich den Folgen von Bombenexplosionen und Brandbomben, ein zweiter den Sicherheitsmaßnahmen bei Luftalarmen, ein dritter gab eine Einführung in Erste-Hilfe-Maßnahmen. Das Krankenhauspersonal erhielt außerdem Spezialtraining im Umgang mit Gasmasken, und im Spital wurden Schutzräume eingerichtet, die gegen Gas abgedichtet waren. (Palestine Post, 18. September 1939)

Fast ein Viertel aller Juden meldet freiwillig

Nicht nur die britischen Mandatsbehörden bereiteten sich auf den möglichen Kriegsfall vor, sondern auch die Jewish Agency, die Führung der jüdischen Gemeinde in Palästina. Wenige Tage nach Kriegsbeginn hatte sie jüdische Frauen und Männer im Alter von 18 bis 50 Jahren dazu aufgerufen, sich für die Verteidigung des Landes auf wirtschaftlichem und militärischem Gebiet registrieren zu lassen.

Die Registrierung ging mit einem beeindruckenden Ergebnis zu Ende: Insgesamt trugen sich 134.905 Frauen und Männer ein, davon rund 47.000 in Tel Aviv, über 16.000 in Jerusalem und 12.000 in Haifa. Die Gesamtzahl bedeute, dass sich rund ein Viertel aller in Palästina lebenden Juden gemeldet hatten. Noch beeindruckender war, dass sich knapp 100.000 Männer als Freiwillige eingetragen haten – fast 85 Prozent aller männlichen Juden in der Altersgruppe der 18- bis 50-Jährigen.

Die Palestine Post kommentierte das Ergebnis der Freiwilligen-Registrierung:

„Die rege Beteiligung der Gemeinschaft ist nicht unbedingt überraschend, denn die Sache, für die die alliierten Mächte kämpfen, liegt den Juden sehr am Herzen. Und das nicht nur in dem engen Sinne, dass die Juden die ersten Opfer von Hitlers Hass und Aggression sind, sondern auch in einem viel tieferen Sinne. Alles, wofür die Juden stehen, all ihre Beiträge zur menschlichen Zivilisation würden hinweggefegt, wenn der Hitlerismus (…) triumphierend aus dem gegenwärtigen Konflikt hervorgehen würde.“ (Palestine Post, 24. September 1939)

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