Generic selectors
Exact matches only
Search in title
Search in content
Search in posts
Search in pages

Heute vor 80 Jahren (2): Die Juden „vor der Auslöschung retten“

Der Krieg war gerade einmal eine Woche alt, als die Palestine Post ihn bereits als „Zweiten Weltkrieg“ bezeichnete – und vor der Auslöschung der Juden in Mittel- und Osteuropa warnte.

Herunter mit dem Hakenkreuz

Eine der ersten Handlungen der Mandatsbehörden in Palästina nach der Kriegserklärung Großbritanniens an Hitler-Deutschland erntete tosenden Applaus: Die Polizei umstellte das deutsche Konsulat in Jerusalem, durchsuchte das Gebäude und entfernte unter dem Jubel der versammelten jüdischen Zuschauer die bis dahin gehisste Hakenkreuzfahne. Der deutsche Generalkonsul war schon vor Tagen gegangen, die noch anwesenden Deutschen wurden nun festgenommen. (Palestine Post, 4. September 1939)

Festnahmen gab es auch an anderen Orten im Land. Interniert wurden männliche Deutsche zwischen 18 und 50 Jahren, Frauen wurden nicht festgesetzt. Die britischen Behörden betonten ihre Bemühungen darum, den Internierten „so wenig Ungemach wie möglich“ zu bereiten. (New York Times, 8. September 1939) Zur Bewachung der Gefangenen setzten die Briten jüdische Hilfspolizisten ein. (Palestine Post, 5. September 1939)

Palästina und der Krieg

Heute vor 80 Jahren (2): Die Juden „vor der Auslöschung retten“
Harold MacMichael, britischer Hochkommissar in Palästina von 1938-1944. (Quelle: Library of Congress)

Der britische Hochkommissar für Palästina, Harold MacMichael, erläuterte in einer auch auf Hebräisch und Arabisch ausgestrahlten Rundfunkrede die Gründe für die britische Kriegserklärung an Deutschland. Im Hinblick auf Palästina meinte er: „Hier sind wir zwar räumlich weit vom Konfliktschauplatz entfernt, aber wir können nicht erwarten, von den Ereignissen unberührt und unbeschädigt zu bleiben, welche die Fundamente der heutigen Welt erschüttern.“ MacMichael warnte Menschen, die ihre Hoffnungen auf einen deutschen Sieg setzten. Niemandem in Palästina würde vom Erfolg einer „brutalen Clique“ geholfen, deren Kennzeichen „Gewalt und Treulosigkeit“ seien, die „keine Rücksicht auf die Schwachen nimmt und nur egoistische Selbstverherrlichung anstrebt.“ Bei dem begonnenen Krieg handle es sich nicht nur um eine Auseinandersetzung zwischen Armeen, sondern um den Konflikt zweier „unvereinbarer Vorstellungen“, in dem sich letzten Endes nicht die bloße Vergötterung von Macht und Gewalt durchsetzen würde, sondern der Glaube an das Gute und Edle im Menschen. (Palestine Post, 5. September 1939)

In einem Kommentar griff die Palestine Post besonders einen Punkt von MacMichael auf: die nicht explizit formulierte, aber doch leicht verständliche Warnung an die Araber davor, sich auf die Seite Deutschlands zu schlagen. In den vergangenen Jahren des arabischen Aufstands (1936-1939) hätten die Nazis ihre „kaum verhohlene Unterstützung und ihren Zuspruch denen zukommen lassen, die den Frieden in diesem Land untergraben wollten.“ Aber sie sollten nicht glauben, „dass ein Sieg der Nazis ihnen irgendwelche Vorteile bringen würde. Er würde sie nur derselben Tyrannei und Erniedrigung unterwerfen, die jedes Land erleiden muss, in dem die Nazis ihre brutale und brutalisierende Herrschaft errichtet haben.“ (Palestine Post, 5. September 1939)

Die Juden Palästinas bereiten sich vor

Nachdem die Jewish Agency in Palästina dem britischen Königreich noch am Tag der Kriegserklärung ihre volle Unterstützung im Kampf gegen Nazi-Deutschland erklärt hatte, wandte sich Chaim Weizmann, der Präsident der Zionistischen Weltorganisation, in einem Brief an den britischen Premier und betonte noch einmal ausdrücklich, dass „die Juden an der Seite Großbritanniens und der Demokratien stehen“. Wie schon zuvor die Jewish Agency unterstrich auch Weizmann, dass die Konflikte der Juden mit den Briten, vor allem über die Frage der jüdischen Einwanderung nach Palästina, dieser Solidarität nicht im Wege stünden: „Die Jewish Agency hat in der jüngerer Zeit Unstimmigkeiten mit der Mandatsmacht gehabt, doch sollen diese angesichts der größeren und viel wichtigeren Erfordernisse in den Hintergrund treten.“ Premier Chamberlain antwortete, er nehme diese Versicherungen erfreut zur Kenntnis, und fügte etwas kryptisch hinzu: „Sie werden zu diesem Zeitpunkt nicht mehr von mir erwarten, als dass ihre öffentlichen Versprechungen begrüßt und nicht vergessen werden.“ (Palestine Post, 6. September 1939)

Unterdessen begannen die Juden im Mandatsgebiet mit den Vorbereitungen für den Ernstfall. Landesweit wurde eine Registrierungskampagne großen Ausmaßes für freiwillige Männer und Frauen im Alter von 18 bis 50 Jahren organisiert, die zur Verteidigung Palästinas auf wirtschaftlichem wie militärischem Gebiet beitragen wollten. Im ganzen Land wurden Eintragungsbüros eingerichtet, darunter 40 allein in Tel Aviv und 20 in Jerusalem. (Palestine Post, 8. September 1939)

Vor der Auslöschung retten

Im Rückblick ist es gleichermaßen erstaunlich wie erschütternd, mit welcher Nüchternheit und Klarsicht auf den Seiten der Palestine Post das Geschehen in dem Konflikt analysiert wurde, der am 10. September, also nach gerade einmal einer Woche, bereits als „Zweiter Weltkrieg“ bezeichnet wurde – es dürfte sich um eine der ersten Verwendungen dieses Begriffs gehandelt haben. Vor allem gab man sich bei der Post keinen Illusionen darüber hin, was der Vormarsch der Nazis für die Juden Europas mit sich zu bringen drohte, wie dieser Kommentar zeigt:

„Die Massenflucht der Juden aus den von der deutschen Invasion bedrohten Städten wird nicht nur durch allgemeine Sicherheitsüberlegungen angesichts von Luftangriffen und Bombardierungen ausgelöst, sondern vor allem durch die höchst reale Angst vor dem, was auf sie zukommt, wenn sie bleiben und in die Hände ihres eingeschworenen Feindes fallen sollten. Sie haben nicht Hitlers vor einigen Monaten geäußerte Vorhersage vergessen, dass ein europäischer Krieg zur Vernichtung der Juden auf dem europäischen Kontinent führen würde. Sie wissen, dass er kein Mann ist, der davor zurückschreckt, diese schreckliche Drohung umzusetzen. (….)

Man mag sich gar nicht ausmalen, was die Juden Polens erwartet, wenn die Deutschen im Laufe ihres Vorstoßes die Kontrolle über eine der größeren jüdischen Gemeinschaften Polens erlangen würden. Ihnen würde großes Leid zugefügt, nicht nur als Bürger Polens, sondern darüber hinaus als Mitglieder der Rasse, deren Vernichtung der deutsche Diktator als seine besondere Mission betrachtet.

Es ist klar, dass rasch wirksame Hilfsmaßnahmen eingeleitet werden müssen, um die Juden in Mittel- und Osteuropa vor der Auslöschung zu retten.“ (Palestine Post, 11. September 1939)

Weitere Beiträge zum Thema 80 Jahre Zweiter Weltkrieg:

Florian Markl: Heute vor 80 Jahren (1): Erklärung der Juden Palästinas.

Matthias Küntzel: Goebbels auf Arabisch (Teil I): Nazi-Radiopropaganda im Zweiten Weltkrieg.
Matthias Küntzel: Goebbels auf Arabisch (Teil II): Judenhass per Radio.
Matthias Küntzel: Goebbels auf Arabisch (Teil III): Von der Nazipropaganda zum Nahostkrieg von 1948

Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit!

Mehr zu den Themen

Das könnte Sie auch interessieren