Eine bisher wenig beachtete Studie der deutsch-israelischen Schulbuchkommission zeigt, warum Integrationskurse kaum zum Abbau von Antisemitismus beitragen.
Thorsten Fleck
An politischer Relevanz fehlt es dem rund 160 Seiten umfassenden Buch der deutsch-israelischen Schulbuchkommission (DISK) aus dem Jahr 2023 eigentlich nicht – umso mehr, als viele Integrationskurse in diesem Jahr gekürzt werden sollen. Erstaunlich ist also, dass dieses Büchlein bisher wenig Echo in der Öffentlichkeit rund um das deutsche Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gefunden hat. Vielleicht liegt es an seinem harmlos wirkenden Titel: Integration durch Geschichte? Werkstattberichte und Analysen zu den Orientierungskursen für Zugewanderte und Geflüchtete. Es steht kostenlos online zum Download zur Verfügung.
In ihrer Einleitung begründen die Herausgeber Alfons Kenkmann, Martin Liepach und Dirk Sadowski die Notwendigkeit der Studie damit, dass sich eine gelungene Integration auch an der Einstellung gegenüber Israel und Juden messen lassen sollte. Sie verweisen auf Untersuchungen, die belegen, dass israelfeindliche Einstellungen und antisemitische Haltungen unter arabischstämmigen Geflüchteten verbreitet sind. Darüber hinaus zitieren sie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der die aus der Geschichte resultierende Verantwortung betonte: »Wer in Deutschland Heimat sucht, kann nicht sagen: Das ist eure Geschichte, nicht meine.«
Tieferes Verständnis nicht gefordert
Die DISK-Studie nimmt den sogenannten Orientierungskurs des BAMF unter die Lupe. Dieser umfasst hundert Unterrichtseinheiten zu jeweils 45 Minuten und ist der abschließende Teil eines Integrationskurses, der mit einem Sprachkurs beginnt. Für Menschen, die Asyl beantragen, war der Integrationskurs bisher Pflicht, für andere Zugewanderte freiwillig. Sie waren von den Kosten befreit, wenn sie Geringverdiener waren oder sich in einer finanziellen Notlage befanden. Jetzt will der Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU), dass die Integrationskurse künftig nur noch für Einwanderer und Flüchtlinge mit einem gesetzlichen Anspruch oder einer behördlichen Verpflichtung etwa durch die Jobcenter oder Sozialämter zugänglich sind.
Der Sprachkurs von sechshundert Unterrichtseinheiten soll die Teilnehmer mindestens auf Sprachniveau A2 führen, das allerdings meist nicht ausreicht, um komplexe Texte und abstrakte Themen zu verstehen. Es sei für viele Teilnehmer mit niedrigem Sprachniveau »vermutlich schwer«, so die Studie, der Erörterung historischer und politisch-gesellschaftlicher Sachverhalte zu folgen, »sofern diese nicht in einer sehr einfachen Sprache dargeboten werden«.
Darüber hinaus weisen die Herausgeber darauf hin, dass die Beschäftigung mit der deutschen Geschichte »vom Aufstieg des Nationalsozialismus bis zur europäischen Integration« nur zwanzig Unterrichtseinheiten umfasst. Es dürfe »bezweifelt werden«, ob es den Teilnehmern bei diesem Tempo gelinge, »die behandelten Gegenstände gedanklich ausreichend zu verknüpfen«.
Ein weiteres strukturelles Hindernis ist der Spagat zwischen den beiden Hauptvorgaben, die das BAMF-Curriculum für den Orientierungskurs vorsieht: Zum einen die Vermittlung der »Werte des demokratischen Staatswesens der Bundesrepublik«, zum anderen die Vorbereitung auf den Abschlusstest »Leben in Deutschland« (LiD).
Auch wenn eine genaue Anzahl von Unterrichtseinheiten für jede Aufgabe theoretisch vorgegeben ist, liegt es im Ermessen der Lehrkraft, wofür sie die hundert vorgesehenen Einheiten tatsächlich nutzt. Da vom Bestehen des LiD-Tests meist die Verlängerung des Aufenthaltstitels abhängt, tritt er häufig in den Vordergrund. Er besteht aus 33 Fragen, die per Multiple Choice aus einem zuvor bekannten Pool von dreihundert Fragen ausgewählt werden. Mindestens fünfzehn müssen richtig beantwortet werden, wobei bloßes Auswendiglernen durchaus ein Lernstrategie sein kann. Das Fazit der Herausgeber lautet denn auch: »Ein zusammenhängendes Bild der deutschen Geschichte, gar ein tieferes Verständnis, müssen die Teilnehmenden nicht erwerben, um den Orientierungskurs erfolgreich abzuschließen.«
Wie es konkret im Unterricht aussieht, untersucht die DISK-Studie in drei Schritten. Zunächst analysiert sie die unterschiedlichen Lehrwerke, dann wertet sie Interviews mit sechzehn Lehrkräften aus. Zum Schluss beobachtet sie fünf Unterrichtstage. Im Fokus steht die Einheit »Der Nationalsozialismus und seine Folgen« aus dem Modul »Geschichte und Verantwortung«. Dafür sieht das BAMF-Curriculum sechs Unterrichtseinheiten vor. Die Teilnehmer sollten zu einer positiven Deutung der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland geführt werden. »Unter anderem aus dem Wissen um die Folgen der NS-Diktatur kann Verantwortung und Wertschätzung für demokratische Prinzipien und Grundrechte in der Gegenwart erwachsen«, so das BAMF. Sogar die »Sicherheit Israels als Teil der deutschen Staatsräson« gehöre zu den Kursinhalten, betont die DISK-Studie – und zwar unter dem Feinlernziel »Auswirkungen des Nationalsozialismus auf Deutschland und Europa erkennen«.
Wertevermittlung zentral
Solche Inhalte sollten die Lehrkräfte »nicht in Form eines Kompendiums von Daten und Fakten« vermitteln, fordert das BAMF. Dass die Wertevermittlung zentral ist, zeigt sich an der Erhöhung der Unterrichtseinheiten in den vergangenen Jahren: lediglich 45 bei der Einführung 2005, sechzig Unterrichtseinheiten ab 2012 und hundert seit 2016. Dennoch stellen die Herausgeber »zwingend die Frage«, ob das für die Teilnehmer entscheidende Ziel des Bestehens des LiD-Tests nicht dazu führe, dass im Orientierungskurs gerade die Vermittlung bloßer Daten und Fakten dominiert.
Auch eine Untersuchung der Philologin Rebecca Zabel habe gezeigt, dass der Abschlusstest im Orientierungskurs handlungsleitend fungiere. Die Multiple-Choice-Fragen zielten nicht auf den Nachweis von Kenntnissen, die für ein zumindest rudimentäres Geschichts- und Demokratiebewusstsein sprechen, so die DISK-Autoren. Der Test berücksichtige lediglich Wissenspartikel. Dies führe zu einem »teaching to the test«. Wie bei der Führerscheinprüfung gehe es primär um das Bestehen. Das spiegele sich auch in den Lehrwerken wider, in denen zahlreiche Aufgaben zum Ankreuzen enthalten sind.
Ob die Lehrkräfte der Orientierungskurse über die passende fachdidaktische Qualifizierung für die ambitionierten Ziele der historisch-politischen Bildung verfügen, stellt auch die DISK-Studie infrage. Diese seien Sprachlehrerinnen und -lehrer der Fächer »Deutsch als Fremdsprache« (DaF) oder »Deutsch als Zweitsprache« (DaZ); dies sei die Hauptvoraussetzung für ihre BAMF-Zulassung. Den curricularen Auftrag der Demokratie- und Wertevermittlung sehen die Lehrkräfte im Kursgeschehen als marginalisiert an, bestätigt der DaZ-Experte Roger Fornoff in seinem Buch Migration, Demokratie, Werte.
Das BAMF bereitet die Lehrkräfte kaum auf den ambitionierten historisch-politischen Bildungsteil der Orientierungskurse vor, auch wenn es fordert, dass sie über eine »ausreichende fachliche Qualifikation« für die Vermittlung der Inhalte und Ziele verfügen. Für die dafür notwendige Didaktik bietet das BAMF eine dreißigstündige Zusatzqualifizierung an. Sie ist allerdings freiwillig. Da die Lehrkräfte häufig prekär beschäftigt seien, erscheine es »für die meisten eher unwahrscheinlich«, dass sie sich nach Feierabend intensiv mit fast einhundert Jahren Zeitgeschichte beschäftigen, so die Einschätzung der DISK-Studie.
Detaillierte Fallbeispiele
An welche Grenzen zwei anonymisierte Lehrkräfte im Orientierungskurs stoßen, zeigen detaillierte Beobachtungen aus ihrem Unterricht in den beiden letzten Kapiteln auf insgesamt vierzig Seiten. Im ersten Fazit heißt es, dass sprachliche Vereinfachung zur Reproduktion diskriminierender Strukturen geführt habe, etwa durch die Verwendung von »Zigeuner« anstelle von »Sinti und Roma« oder »dunkelhäutig« anstelle von »schwarz«.
Das Lernziel der positiven Bewertung des deutschen Staates habe die Lehrkraft daran gehindert, die heutige Kontinuität von Antisemitismus und Rassismus aufzuzeigen, so die beobachtende Autorin Karina Korneli. NS-Begriffe wie »völkisch« habe die Lehrkraft nicht dekonstruieren können, ebenso wenig den NS-Begriff »Halbjude« oder die Gleichsetzung von Juden mit Israelis. Die Lehrkraft sei stärker auf sprachliche als auf politisch-historische Korrekturen konzentriert gewesen.
Deswegen empfiehlt Korneli, dass die Sensibilisierung und Vorbereitung der Lehrkräfte auf diese Themen nicht nur eigeninitiativ erfolgen sollte. Positiv bewertet sie den Besuch von Gedenkorten, etwa die Auseinandersetzung mit Opferbiografien anhand von Stolpersteinen oder Besuche von Gedenkorten, bei denen Mitarbeiter mit geschichtspädagogischen Kompetenzen eine wichtige Rolle spielen.
Die zweite Autorin, Sophie Tölle, beobachtete ebenfalls, dass die Lehrkraft problematische Aspekte aus dem Lehrwerk verstärkte: Deutsche wurden als Täter nicht erwähnt, stattdessen wurde stark auf Adolf Hitler fokussiert. Die Überbetonung des deutschen Widerstands im Lehrwerk spiegelt die Lehrkraft allerdings nicht wider, da sie ausführlicher von den Opfern erzählt. Außerdem führe die sehr unterschiedliche Bildung der Teilnehmer zu einem Spagat zwischen extremer didaktischer Reduktion und der Auswahl differenzierender Inhalte.
Der eingesetzte Film der Bundeszentrale für politische Bildung überwältige manche Teilnehmer emotional. Die Feststellung eines ägyptischen Teilnehmers, Nasser habe »alle Juden aus Ägypten gebracht«, sei unkommentiert geblieben. Kritisch bewertet Tölle »die beiläufige und sicherlich unbeabsichtigte Reproduktion rassistischer, antisemitischer und antiziganistischer Stereotype«. Dies decke sich mit den Aussagen aus den Interviews mit Lehrkräften, die sich nicht ausreichend für die Durchführung politisch-historischer Orientierungskurse ausgebildet fühlen. Deshalb plädiert auch Tölle für Fortbildungsmöglichkeiten, die Lehrkräfte dafür sensibilisieren, problematische Narrative zu erkennen und abzubauen.
Aus den Interviews mit Lehrkräften, die auf über fünfzig Seiten ausführlich ausgewertet werden, wird jedoch deutlich, dass viele sich umfassend engagieren. In Unterricht und Exkursionen versuchen sie, die Lebenswelt der Teilnehmer mit den Kursthemen zu verknüpfen. Zugleich reflektieren sie kritisch die Möglichkeiten des Orientierungskurses als Ort der Wertevermittlung. Fünf Lehrkräfte waren überzeugt, dass der Orientierungskurs kein geeignetes Instrument sei, um Antisemitismus und Israelfeindlichkeit vorzubeugen. Ihre mangelnde Expertise erkennen sie meist an; deshalb ziehen einige von ihnen kompetentere Gesprächspartner hinzu.
Was gegenwärtige antisemitische Phänomene betrifft, stellen die Autorinnen Antje Thul und Sophie Tölle ein »weitgehend fehlendes Wissen um die sachgerechte Einordnung und pädagogische Bearbeitung« fest. Die Interviews wurden im Jahr 2020 geführt. Interessant wäre zu erfahren, ob sich etwas seitdem verändert hat.






