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Hat die Hamas 50.000 getötete Kämpfer zugegeben?

Parade von Hamas-Kämpfern im Gaza-Streifen
Parade von Hamas-Kämpfern im Gaza-Streifen (© Imago Images / ZUMA Press Wire)

Mit unbestätigten Opferzahlen zu jonglieren, ist das Geschäft der Hamas. An der Wahrheit zum Gazakrieg Interessierte, sollten sich diesem Spiel verweigern.

Erst Anfang Februar berichtete Mena-Watch über die Problematik der öffentlich kolportierten palästinensischen Opferzahlen des Kriegs zwischen Israel und der Hamas. Nicht nur entsprach die unlängst von vielen Medien aufgegriffene Meldung nicht der Wahrheit, Israel habe die Angaben der Behörden in Gaza offiziell bestätigt, wonach rund 70.000 Palästinenser im Krieg gestorben seien. Vielmehr sagen bloße Zahlen ohne jede Einordnung generell wenig über die Realität vor Ort aus, nicht zuletzt deswegen, weil sie – zumindest indirekt – von der Hamas in Gaza herausgegeben werden, einer Konfliktpartei also, die Interesse an propagandistisch motivierten Verzerrungen hat.

So wird etwa in den von Manipulationen geprägten Statistiken des Gesundheitsministeriums (MoH) in Gaza nicht zwischen Kämpfern und Zivilisten unterschieden, und die natürlichen Todesfälle der vergangenen zwei Jahre, die nicht auf das Kriegsgeschehen zurückzuführen waren, werden wie selbstverständlich zu den Kriegsopfern gezählt. Ebenso übrigens wie die Opfer der Hamas-Repression oder von fehlgegangenen Raketen, was Berechnungen zufolge rund sieben Prozent der auf Israel abgeschossenen Geschoße waren.

Keine 50.000 Kämpfer

Dieser Tage machte erneut eine Zahl die Runde, die mit Vorsicht zu genießen ist. So meldete die Nachrichtenplattform Middle East 24 (ME24) am 7. Februar, die Hamas habe erklärt, Renten an »50.000 Witwen von Kämpfern«, die von den Israelischen Verteidigungsstreitkräften (IDF) im Krieg getötet worden seien, zu zahlen. »Nach eigenen Angaben deutet dies darauf hin, dass bis zu achtzig Prozent der Todesopfer in Gaza terroristische Kämpfer und keine Zivilisten waren«, resümierte ME24.

Wie der Forscher Gabriel Epstein vom Israel Policy Forum in einer Analyse darlegt, war diese Behauptung gleich auf mehreren Ebenen falsch. Epstein erläutert, dass das von der Hamas geführte Ministerium für soziale Entwicklung (MoSD) im Januar ein Programm ankündigte, durch das die Witwen getöteter Gazaner mit fünfhundert Schekel (136 Euro) kompensiert werden sollen. Während das MoSD nicht spezifiziert habe, dass die Toten Kombattanten gewesen sein müssten, hätten in Opposition zur Hamas stehende Medien wie Jusoor News im Nachgang nahegelegt, dass die meisten der Begünstigten Witwen von Kämpfern seien.

Am 8. Februar habe das Medienbüro der Hamas-Regierung (GMO), dann eine Erklärung veröffentlicht, in der es hieß, bislang seien Zahlungen an 19.306 Witwen erfolgt, was eine vorläufige Gesamtsumme von über 9,6 Millionen Schekel (2,6 Millionen Euro) ausmache, während die Zahlungen weitergingen. Nicht nur ist diese Zahl deutlich niedriger als die von ME24 gemeldeten 50.000, sondern man wisse auch nicht, wie viele der 19.306 Rentenbezieherinnen tatsächlich Witwen von Kämpfern seien, analysiert Epstein. Dazu komme, dass viele der jüngeren Hamas-Kämpfer unverheiratet seien, was eine Schätzung anhand der Rentenzahlungen weiter erschwert.

Das von Jussor News zitierte MoSD-Dokument von Ende Januar, auf das sich auch der ME24-Bericht zu stützen scheint, sagt außerdem nicht, so Epstein weiter, dass 50.000 Witwen von Kämpfern eine Rente zugesprochen bekämen, sondern führt aus, dass 50.000 Familien zu den »am meisten Betroffenen« gehören. Angesichts der Tatsache, dass das Hamas-Rentenprogramm ausgeweitet werden sollte, bedeute dies, dass die kolportierte Zahl sich auf mehr Personen bezieht als bloß auf Witwen. Den Hamas-Plänen entsprechend wurde am 8. Februar dann eine zweite Tranche von Zahlungen angekündigt, die an Frauen von Palästinensern geleistet werden soll, die während des Kriegs von Israel inhaftiert worden waren.

»Das Programm richtet sich an 50.000 Familien verschiedener Art – bislang an die Ehefrauen verstorbener Personen (erste Tranche) und die Ehefrauen von Strafgefangenen (zweite Tranche). Die entsprechenden Erklärungen des Ministeriums für soziale Entwicklung sind öffentlich zugänglich«, schließt Epstein seine Analyse.

Demnach widersprächen also nicht nur die Zahlen aus Gaza selbst der ME24-Meldung, sondern diese sei auch deswegen unglaubwürdig, weil sie mit 50.000 gefallenen Kämpfern von einer doppelt so hohen Zahl ausgeht, wie sie »die IDF auf der Grundlage ihrer Geheimdienstinformationen angibt … Eine solche Behauptung würde echte Beweise erfordern und implizieren, dass ME24 über bessere Informationen verfügt als die IDF. Ich bezweifle stark, dass dies der Fall ist«, so Epstein.

Aufklärung statt Propaganda

Insofern Propaganda nicht mit Propaganda bekämpft werden kann, ist es wichtig, den von der Hamas gemeldeten – und von westlichen Medien so gern unkritisch übernommenen – Opferzahlen kritische Analysen entgegenzusetzen und nicht zu versuchen, sie selbst mit unhinterfragten und durchsichtig falschen Zahlen zu kontern. Der Honest-Reporting-Mitarbeiter Salo Aizenberg, der sich seit dem 7. Oktober intensiv mit der Analyse der Opferzahlen beschäftigt, ging dementsprechend hart mit ME24 ins Gericht: »Behauptungen, dass die Hamas den Verlust von 50.000 Kämpfern zugegeben habe, sind falsch und sollten nicht wiederholt werden. … Diese Behauptung zu verbreiten ist genauso schlimm wie die Verbreitung der falschen und widerlegten Behauptung, dass ›83% der Todesopfer Zivilisten sind‹. Falsche Daten schaden allen Seiten.«

Im August hatten Medien behauptet, geheime israelische Daten würden belegen, nur siebzehn Prozent der im Krieg im Gazastreifen getöteten Palästinenser wären Kämpfer gewesen wären, während diese Daten in Wirklich besagten, dass die die in Frage stehenden siebzehn Prozent namentlich bekannte Hamas-Mitglieder betrafen, sich also gar nicht auf die Gesamtzahl der getöteten Kämpfer und Zivilisten bezogen. Der Wahrheit über den Gaza-Krieg ist wenig gedient damit, wenn man solch »abstruse[n] Zahlenmanipulation[en]« eigene entgegensetzt, anstatt sich auf Aufklärung der Falschmeldungen zu konzentrieren und darauf hinzuweisen, was man unter so schwierigen Verhältnissen wie einem urbanen Anti-Terrorkampf gegen eine islamistische Gruppierung wissen kann – und was nicht.

Das ist ein Auszug aus dem jüngsten Mena-Watch-Newsletter vom 11. Februar. Wenn Sie unseren Newsletter künftig immer schon am Mittwochnachmittag erhalten wollen, melden Sie sich hier an.

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