Hat Erdogan sich bei seinem Angriff auf die Kurden verkalkuliert?

„Nach mehrtägigem Artilleriebeschuss hat die türkische Armee mit ihrem Vormarsch in den seit der Niederlage al-Qaedas und des Islamischen Staats von den syrischen Kurden regierten Bezirk Afrin begonnen. Türkische Regierungsvertreter erklärten, die Türkei beabsichtige, eine Pufferzone zu schaffen, die von der türkischen Grenze aus 20 Kilometer nach Syrien hineinreiche. In einer glühenden Rede warnte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan die türkischen Kurden davor, für die syrischen Kurden Partei zu ergreifen. Er versprach einen Sieg ‚in allerkürzester Zeit’. Dabei könnte es sich um eine schwerwiegende Fehlkalkulation mit bösen Folgen für die Türkei handeln. Erdogans Paranoia und politische Einmischung beim Militär haben ihre Spuren hinterlassen. Einst der Stolz der NATO sind das Militär und die Sicherheitsdienste der Türkei nur noch ein Schatten ihrer selbst. Es mangelt ihnen an der Erfahrung, Ausbildung und Disziplin ihrer Vorgänger. Ein Viertel der türkischen Piloten sitzt im Gefängnis und viele Flieger vom Typ F-16 können nicht eingesetzt werden, weil es keine ausgebildeten Piloten gibt. Syrische Streitkräfte schossen 2012 eine türkische F-4 ab und kurdische Streitkräfte später einen türkischen Hubschrauber.

Wie effizient die türkische Armee noch ist, steht auch in Frage. Die Türken mögen einzelne kleine Gebiete in Syrien besetzt halten, doch ihre Präsenz ist seit langem eher symbolischer Natur. Dass der türkische Geheimdienst MIT die mit al-Qaeda affiliierte Nusra-Front versorgte und unterstützte und dem Islamischen Staat freies Geleit durch türkisches Gebiet gewährte, lag unter anderem daran, dass diese im Gegenzug die türkischen Interessen innerhalb Syriens wahrten. Kurzum, Erdogan wollte den Status des Militärkommandeurs innehaben, ohne tatsächlich die schweren Schlachten zu schlagen, die den Gründer der türkischen Republik Mustafa Kemal Ataturk einst bekannt machten. (…)

Während das türkische Militär ein Schatten seiner selbst ist, sieht es bei den YPG ganz anders aus. Die kurdische Miliz hat sich bei der Bekämpfung Al-Qaedas und des Islamischen Staats in Syrien als die effizienteste der beteiligten Streitmächte erwiesen. Jahrelang kämpften sie in Isolation. Die Vereinigten Staaten und Russland ignorierten sie, die übrigen syrischen Aufständischen grenzten sich von ihnen ab und die Türkei behinderte sie nach Kräften. Dennoch wurden ihre Disziplin und ihr Kampfgeist und Zusammenhalt nicht nur in Kobane belohnt. Wenn sie unter den widrigsten Bedingungen gegen den Islamischen Staat vorgehen konnten, dürften sie auch für die Türkei einen ernstzunehmenden Gegner darstellen.“ (Michael Rubin: „Could the Kurds beat Turkey in Syria?“)

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