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»Die Hamas ist geschwächt, aber nicht verschwunden«

Arye Shalicar im Mena-Talk: »Die Hamas ist geschwächt, aber nicht verschwunden«

Im Mena-Talk mit Jasmin Arémi spricht der ehemalige israelische Militärsprecher Arye Sharuz Shalicar über die aktuelle Lage im Gazastreifen, den Einfluss der Hamas und mögliche Perspektiven für die Zeit nach einer Entwaffnung der Terrororganisation.

Seit dem 7. Oktober 2023 lebt Israel in einem Ausnahmezustand. Zwar habe sich die Lage mit der Zeit etwas beruhigt, doch die Hamas halte weiterhin Geiseln fest und versuche, ihre Macht zu festigen, erklärt der ehemalige israelische Militärsprecher und Publizist Arye Sharuz Shalicar. »Wer glaubt, dass man einfache Lösungen erzwingen kann, täuscht sich«, sagt er. In weiten Teilen des Gazastreifens, besonders westlich der Gelben Linie, habe die Terrororganisation teilweise wieder die Kontrolle übernommen. Wie sich die Situation weiter entwickle, hänge nicht zuletzt von den USA, der Türkei, Katar, Ägypten und Israel ab.

Östlich der Gelben Linie sei die Präsenz der israelischen Streitkräfte zwar stark, dort lebten aber kaum noch Palästinenser. Westlich davon, in den Gebieten unter Hamas-Herrschaft, hätten die Menschen trotz der Zerstörung kaum Hoffnung auf Veränderung. »Die Unzufriedenheit ist da, doch jahrzehntelange Indoktrination wirkt. Der gemeinsame Feind bleibt der Jude, der jüdische Staat.« Diese Haltung verhindere, dass sich die Bevölkerung gegen die eigene islamofaschistische Diktatur erhebe. Eine Diktatur, die, wie Shalicar betont, »keine Probleme hat, die eigenen Leute hinzurichten«.

Brutale Herrschaft

Nach der letzten Waffenruhe habe die Hamas ihre Macht brutal gesichert. Oppositionelle, angebliche Kollaborateure und rivalisierende Clanmitglieder seien systematisch eliminiert worden. Öffentliche Hinrichtungen, teilweise gefilmt, sollten die Herrschaft der Hamas demonstrativ festigen. Dennoch existierten weiterhin Clans wie etwa der Abu-Shabab-Clan, die der Hamas feindlich gegenüberstünden. »Mit solchen Gruppen arbeiten Israelis und Amerikaner zusammen, um Zonen jenseits der Hamas-Kontrolle zu schaffen.« Manche dieser Akteure seien Islamisten oder Kriminelle, andere politische Pragmatiker. Doch in Zeiten wie diesen könne »der Feind meines Feindes« zu einem taktischen Partner werden. Ziel sei es, die Hamas so weit zu schwächen, dass sie ihre Kontrolle weitgehend verliert.

Eine vollständige Entwaffnung der Hamas hält Shalicar derzeit jedoch für unwahrscheinlich. »Die Hamas besteht aus authentischen Gazanern, sie wurde 2006 gewählt und versteht sich als legitime Regierung«, betont er. Viele Palästinenser seien familiär oder wirtschaftlich an die Organisation gebunden. Realistischer sei eine Übergangsphase, in der arabisch-muslimische Kräfte, die mit Israel und den USA kooperieren, schrittweise administrative Verantwortung übernähmen, etwa in Sicherheits- und Verwaltungsfragen. Voraussetzung dafür sei jedoch, dass israelische und amerikanische Truppen weiterhin vor Ort präsent bleiben.

Sollte die Entwaffnung verweigert werden, vermutet er eine bekannte Dynamik: »Die Hamas könnte eine scheinbar unabhängige Regierung zulassen, während sie im Hintergrund weiter den Ton angibt, ähnlich wie die Hisbollah im Libanon.« Nach außen könnten neue Gesichter erscheinen, doch faktisch sei zu befürchten, dass die Kontrolle bei der Hamas bliebe.

Auch die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) spiele in diesem Szenario kaum eine Rolle. Sie sei im Gazastreifen seit 2007 praktisch ohne Einfluss und im Westjordanland halte sie sich »nur dank israelischer Unterstützung«. Fiele der israelische Schutz weg, würde sie dasselbe Schicksal ereilen wie damals. Wer von einer Zwei-Staaten-Lösung spreche, müsse sich bewusst sein, »dass der zweite Staat unter diesen Bedingungen erneut ein Terrorstaat wäre«.

Als mögliches Modell für die Stabilisierung des Gazastreifens könnte die Nachkriegszeit in Deutschland dienen. »Nur durch eine starke Präsenz vor Ort kann ein Wiederaufbau gelingen.« Eine internationale Übergangsverwaltung müsse seiner Ansicht nach aus muslimisch-arabischen Staaten bestehen, die friedliche Beziehungen zu Israel pflegen, aber nicht aus Katar oder der Türkei, sondern etwa aus Saudi-Arabien oder Indonesien. Ziel sei eine langfristige wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung der Küstenenklave.

Robuste Demokratie

Aber auch in Israel wirke der Krieg tief nach, dennoch bleibe trotz innerer Spannungen und politischer Debatten die israelische Demokratie robust. »Es wird gestritten, demonstriert, diskutiert, alles im demokratischen Rahmen.« Solange nicht auch noch die letzte tote Geisel aus Gaza zurückgekehrt ist, bleibe das Land in einem kollektiven Trauma. In den vergangenen Jahren habe es zehntausende Verletzte, zu viele Tote, zerstörte Existenzen und Evakuierte gegeben, all das präge den Alltag der Israelis bis heute.

Die vieldiskutierte Siedlergewalt sei real, so Shalicar, aber kein breites oder neues Phänomen: »Es gibt einige hundert radikale Juden in Judäa und Samaria, die Gewalt anwenden, doch sie repräsentieren weder die gesamte Siedlerbewegung noch die Realität vor Ort.« Die Mehrheit der Siedler lebe friedlich, oft in Nachbarschaft zu Arabern. Die Sicherheitsdienste seien aktiv, wenn auch durch den permanenten palästinensischen Terror stark gebunden. Viele Berichte erzeugten ein verzerrtes Bild, als stünde das Land in Flammen. »Das entspricht schlicht nicht der Realität.«

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