Ein von der Hamas in den Gazastreifen verschleppter Israeli arbeitete wochenlang an einem Fluchtweg aus dem Tunnel, in dem er gefangen gehalten wurde.
Im Rahmen der Generalversammlung der Jewish Federations of North America in Washington am vergangenen Wochenende berichtete Avinatan Or, der am 7. Oktober 2023 von der Hamas in den Gazastreifen verschleppt worden war, von seinem Fluchtversuch, als er sich durch einen Tunnel einen Weg in die Freiheit grub:
»Mein technischer Hintergrund hat mich gerettet. Ich zählte Schritte. Ich sammelte Daten. Ich baute aus kaputten Kabeln eine kleine Glühbirne. Ich plante in meinem Kopf eine Fluchtroute. Ich sagte mir, ich werde nicht zulassen, dass andere über mein Schicksal entscheiden und versuchte zu fliehen«, erzählte Or, der neben den Ex-Geiseln Noa Argamani, Evyatar David und Guy Gilboa-Dalal auf dem Podium saß.
»Ich grub mich wochenlang durch Sandsäcke durch einen eingestürzten Tunnel an die Oberfläche. Ich zwang mich dazu, zu arbeiten, um mein eigenes Schicksal zu ändern. Eines Tages, als ich grub, stieß ich auf die Wurzel eines Baums. Ich roch sie. Es fühlte sich an, als würde ich an einem Ort des Todes das Leben berühren. … Eines Nachts erreichte ich die Außenwelt. Ich sah zum ersten Mal seit Jahren wieder Sterne. Ich schrieb das Wort ›Geisel‹ auf einen weißen Sandsack und plante meinen nächsten Schritt.« Zu diesem kam es aber nicht mehr, da er entdeckt und in sein Versteck zurückgebracht wurde.
Anschließend wurde der 32-Jährige tagelang von seinen Entführern geschlagen und eine Woche lang an einen Stuhl gefesselt. »Ich war mir sicher, dass ich dort sterben würde.« Trotzdem schrieb er drei Gedanken neben sein Bett: »Auch das wird vorübergehen«, »Geduld« und »Lass es sein«. Diese Worte hätten ihn am Leben gehalten. »Ich hatte zu viel Zeit, um über das Leben [in den Tunneln] nachzudenken. Früher glaubte ich, ich hätte Pech. Wie konnte mir das passieren? Jetzt verstehe ich etwas anderes. Alles in meinem Leben – meine Kindheit, meine Eltern, meine Ausbildung, mein Militärdienst, meine Arbeit auf dem Bau, mein Ingenieurstudium – all das hat mich zu dem gemacht, der ich bin. Und wer ich bin, hat mich am Leben gehalten.«
Wieder vereint
Avinatan Or sieht sich selbst nicht als Helden. »Ich habe mich nicht dafür entschieden, eine Geisel zu sein. Die Helden sind die Soldaten, diejenigen, die sich dafür entschieden haben, für andere zu kämpfen«, sagte er und dankte den Israelischen Verteidigungsstreitkräften für deren Rettung vieler Leben. Nun wolle er ihnen helfen, »das ist meine nächste Mission«.
Or, Evyatar David und Guy Gilboa-Dalal wurden am heurigen 13. Oktober im Rahmen des Waffenstillstandsabkommens zwischen Israel und der Hamas freigelassen, nachdem sie 738 Tage in Gefangenschaft verbracht hatten.
Ors Freundin Noa Argamani wurde am 8. Juni 2024 bei einer Spezialoperation der israelischen Sicherheitskräfte gerettet, die nach dem Kommandanten Arnon Zamora, dem einzigen Soldaten, der während der Operation getötet wurde, »Operation Arnon« genannt wurde. Das Paar wurde am 7. Oktober 2023 beim Nova-Musikfestival nahe der Grenze entführt. Die gewaltsame Trennung von Or und seiner Freundin, die von den Terroristen auf Film festfestgehalten und in den Social Media veröffentlicht wurde, ist zu einem der symbolträchtigsten und erschütterndsten Bilder dieses Tages geworden.





