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Die Zeichen sind an der Wand: Hakenkreuz-Schmierereien in Berlin

Antisemitischer Mordaufruf an einer Berliner Häuserwand. (Jutta Ditfurth/Bluesky)
Antisemitischer Mordaufruf an einer Berliner Häuserwand. (Jutta Ditfurth/Bluesky)

In der deutschen Hauptstadt rufen Graffitis zum Mord an Juden auf. Doch während die Hetze offensichtlich zunimmt, bleibt die Reaktion der bunten Mehrheitsgesellschaft aus. Ein Kommentar darüber, warum das Schweigen der »Anständigen« der gefährlichste Brandbeschleuniger des Antisemitismus ist.

Wer in diesen sonnigen Frühlingstagen durch die Berliner Kieze streift, trifft auf florierende Straßenterrassen, pulsierenden Lieferverkehr und den rhythmischen Pogo aus Passanten, Radfahrern und E-Scootern. Doch auch in dieser Normalität zeigen sich Brüche, die längst nicht mehr als Ausnahme behandelt werden dürfen: An Hauswänden, Stromkästen und Mauern tauchen Schmierereien auf, die unverhohlene Mordaufrufe enthalten.

»Tötet alle Juden« prangte am vergangenen Sonntag an einem Mietgebäude in Prenzlauer Berg. Daneben waren ein Hakenkreuz sowie eine schriftliche Botschaft auf Arabisch zu sehen. Die gewaltverherrlichenden Graffiti befanden sich nicht etwa verborgen irgendwo auf dem Hinterhof, sondern entlang der Ueckermünder Straße, und zwar frisch gesprüht am helllichten Tag. Ein Mitglied der jüdischen Gemeinde fotografierte das Geschmiere, und die Polizei wurde kurz vor 14 Uhr alarmiert. Nach der Beweisaufnahme haben Beamte die verfassungsfeindlichen Schmierereien entfernt bzw. vorläufig überklebt.

Zu den kaschierten Symbolen gehörte auch der Code 271k. Dies ist kein Pseudonym des Urhebers, sondern in extremistischen Kreisen wird »217« als antisemitische Chiffre der Holocaustleugnung bzw. -relativierung verwendet. Sie spielt auf die gesetzeswidrige Behauptung an, in Wahrheit seien es »nur« 271.000 jüdische Opfer des Holocaust gewesen, und dient damit der gezielten Verharmlosung und Verzerrung der historisch belegten Ermordung von rund sechs Millionen Juden. Genau in dieser Funktion taucht die Zahlenkombination in einschlägigen Online- und Graffiti-Kontexten als ideologisch codiertes Zeichen auf.

Wiederholungstaten in Szenenvierteln

Gerade zwei Wochen zuvor, genauer genommen in der Nacht zum 11. April 2026, hatte es einen ähnlichen Vorfall in Berlin gegeben, und zwar wieder in Prenzlauer Berg. Das Ziel: ein Mehrfamilienhaus. Die Hinterlassenschaft: ein rund 70 x 70 Zentimeter großes Hakenkreuz mit der vertrauten Hetzparole »Kill all Jews!« Der Staatsschutz hat Ermittlungen aufgenommen. Im Instagram-Profil »Jews of Berlin« kann man die Beweisbilder des anonymen Augenzeugen und dessen bestürzten Beitrag lesen. »Heute Morgen um 3 Uhr, als ich zurück nach Hause kam, entdeckte ich dieses furchtbare Graffiti an der Außenwand.« Dann fügt er warnend hinzu: »Alle Menschen, die mit den Augen rollen, wenn’s um das Thema Antisemitismus geht, sollen bitte aufwachen!«

Wir reden hier nicht von einem sozialen Brennpunkt irgendwo in Neukölln. Die Ueckermünder Straße liegt mitten im Stadtteil Pankow, in einem Milieu aus Gründerzeitarchitektur, akademisch geprägtem und teils avantgardistisch aufgeladenem Umfeld, mit einer Mischung aus bürgerlichem Alltag und verbliebenen Resten der alten Ostberliner Kulturszene.

Der große Aufschrei bleibt aus

Die Tat erinnert in ihrer Ortswahl auch an den Brandanschlag auf ein israelisches Restaurant in der Münchner Maxvorstadt. Es handelt sich um einen zentral gelegenen Stadtteil, der durch gentrifizierte Wohnlagen geprägt ist und zugleich durch hohen Publikums- und Durchgangsverkehr stark durchmischt bleibt. Tatorte also, die im Selbstbild der Städte eher für urbane Normalität und kulturelle Offenheit stehen als für öffentlich artikulierte antisemitische Gewaltaufrufe.

Eben diese kosmopolitische Konstellation erzeugt eine gewisse Erwartung von Schutzraum und Zivilität in der Öffentlichkeit. Während die Parolen einschlägig sind, bleibt die öffentliche Reaktion jedoch auffallend gedämpft aus.

Zwar gibt es Polizeiberichte, einzelne Meldungen an die Antisemitismus-Meldestelle RIAS und die individuell artikulierte Empörung in den sozialen Medien. Zudem ist es hervorzuheben, dass entsetzte Anwohner aus eigenem Antrieb zwei Herzen über die Hassbotschaften an dem erwähnten Wohnhaus gemalt hatten. Solche Anwohner, die im guten Sinne Hand anlegen, verdienen es, als Nachbarn bezeichnet zu werden. Doch ein breiter, sichtbarer Einspruch, der über den Moment hinausreicht, bleibt aus. Es ist, als versuche die Gesellschaft, die mörderische Dimension des Antisemitismus schlicht zu übertünchen – indem sie die Zivilcourage Einzelner als Alibi nutzt, um selbst nicht aus der Deckung des bequemen Wegsehens treten zu müssen.

So widerlich die Hetze und die Gewalt auch sind: Das, was wirklich schmerzt, ist das Schweigen der Zivilgesellschaft. Dass der Aufstand der Anständigen ausfällt, kann nicht mehr geleugnet werden. Und in diesem Vakuum findet der Hass eine selbstermächtigende Echokammer.

Wo sind die Wächter des Wortes, die sensibilisierten Lichtgestalten aus Kultur, Politik und Wissenschaft? Wo bleiben die selbsternannten Progressiven, die den Buchstabensalat der Identitätspolitik verwalten und das Banner gegen jede erdenkliche Diskriminierung hochhalten? Während antisemitische Verbrechen auf einem historischen Höchststand toben, beschäftigen sie sich ausgerechnet damit, die Schutzmaßnahmen gegen den Judenhass abzubauen. Wohin führt das? Die Zeichen stehen an der Wand.

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