Haben Muslime das antike Erbe Europas gerettet?

„Nach den Äußerungen Horst Seehofers zum Islam, häufen sich die Artikel, in denen die wichtige Rolle hervorgehoben wird, die der Islam einst im Mittelalter für die Entwicklung Europas gespielt habe. So sagt etwa der Mittelalterhistoriker Michael Borgolte gegenüber dem Deutschlandfunk: ‚Es waren Araber und Syrer muslimischen Glaubens, die große Teile der Werke antiker griechischer Naturwissenschaft und Philosophie retteten, übersetzten und kommentierten und diese damit der lateinischen Welt des westlichen Europas überlieferten.‘ Und Mouhanad Khorchide wird in der Tagespost mit den Worten zitiert: ‚Die Muslime retteten das antike griechische Erbe vor dem Vergessen und bereicherten es. Darauf konnte die Renaissance aufbauen.‘ (…)

Den meisten Proponenten dieser Ansicht geht es vor allem um eines: Sie wollen zeigen, dass der Islam immer schon zu Europa gehörte und Europa erst zu dem machte, was es heute ist, um über diesen argumentativen Umweg die Existenzberechtigung von Muslimen in Europa zu beweisen. Deren Existenzberechtigung bedarf jedoch keines Beweises dieser Art, sondern ergibt sich schlicht aus den Menschenrechten, die die Grundlage aller europäischen Verfassungen darstellen. (…)

Es ist richtig, dass antikes Wissen durch arabische Vermittlung nach Europa gelangte, aber der Wissenstransfer von der Antike ins mittelalterliche Europa fand auch auf anderen Wegen statt, die nur selten erwähnt werden. (…)

Was eigentlich verleiht Wissenschaft und Philosophie das Prädikat islamisch? Die Werke Ibn Rushds werden von der islamischen Orthodoxie bis heute abgelehnt und sind vornehmlich durch die europäische Rezeption erhalten geblieben. Zu Lebzeiten erging es Ibn Rushd ähnlich wie Galileo 400 Jahre später. Im Jahr 1195 wurde er aufgrund seiner Thesen verbannt, sein Werk verboten und unter dem Beifall der Islamgelehrten verbrannt.

Niemand käme heute auf die Idee, Galileo einen christlichen Wissenschaftler zu nennen oder gar seine wissenschaftlichen Erkenntnisse als christlich zu bezeichnen. Auch Kopernikus, wiewohl Priester, oder Gregor Mendel, ein Ordenspriester, werden nicht mit dem Signum „christlich“ versehen. Was also macht die Philosophie Ibn Rushds oder die Medizin Ibn Sinas islamisch? Die Ablehnung durch die islamischen Theologen ihrer Zeit?“ (Heiko Heinisch: „Was der Islam Europa gebracht hat – und was nicht“)

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