Guerillataktik: Islamischer Staat ändert seine Kampfstrategie

„Der Schwenk des Islamischen Staats hin zur Guerillataktik findet schon seit Anfang vergangenen Jahres statt. In dem Maße, in dem sie immer mehr an Territorium verlor, veränderte die Organisation allmählich ihre Taktik, um sich den neuen Bedingungen und der gegen sie gerichteten unerbittlichen Offensive zu Luft und zu Boden anzugleichen. Doch am 12. Oktober gab der Islamische Staat offiziell seine Absicht bekannt, sich vollends auf einen Aufstandsmodus zu verlegen. Das arabischsprachige Bulletin der Gruppe Al Naba veröffentlichte einen ausführlichen Bericht über das letzte Mal, als die Gruppe zu diesem Schritt gezwungen war. Dieser Schritt sei nun erneut erforderlich. Der Bericht ordnete die Art, in der die Kämpfer im vergangenen Monat gekämpft (oder nicht gekämpft) haben, historisch ein.

Dem Bericht zufolge war die als Islamischer Staat im Irak bekannte Vorgängergruppe durch intensive Schlachten in den Jahren 2006 und 2007 zu sehr geschwächt, um weiter kämpfen zu können. Die Gruppe befand sich im Irak auf der Flucht und ihre damaligen Anführer, Abu Omar Al Baghdadi und Abu Hamza Al Muhajir, sahen sich zu einer ‚präzedenzlosen und mutigen Entscheidung’ gezwungen, so das Bulletin. ‚Anfang 2008 wurde klar, das es unmöglich sein würde, mit konventionellen Mitteln weiter zu kämpfen’, so Al Naba. ‚Da erklärte Abu Omar Al Baghdadi: »Wir verfügen jetzt über keinen Ort, an dem wir uns eine Viertelstunde lang in Ruhe aufhalten könnten.«’ Der damalige Kriegsminister der Gruppe Al Muhajir hielt es daher für erforderlich, alle Kampf-, Scharfschützen- und sonstigen Einheiten aufzulösen, um die verbliebenen Kämpfer zu schützen. Ab März 2008 wurden die verbleibenden Kader stattdessen im Gebrauch selbstgebauter Sprengsätze (IEDs) ausgebildet. Die neue Strategie, so der Bericht, habe auf vier Teilbereichen beruht, von denen sich zwei mit dem Bau bzw. der Zündung der Sprengsätze befassten, ein dritter mit der Verlegung der Sprengsätze und der vierte mit der mitunter tagelangen Ausspähung der Örtlichkeiten, um den Sprengsatz bei Ankunft eines Anschlagsziels zu zünden.

In dem Bericht hieß es, anfangs seien nicht alle Angehörigen der Gruppe von dem Schwenk überzeugt gewesen, doch hätten sich dann alle rasch der Taktik angeschlossen. Insbesondere angesichts der Intensität der von den USA angeführten Luftkampagne sei sie heute noch notwendiger als damals. Der Tenor des Berichts in Al Naba deckt sich mit dem Vorgehen des Islamischen Staats in den letzten Wochen. Im Gegensatz zu ihrer Handlungsweise noch vor einem Monat in Raqqa haben die Kämpfer in Gegenden wie Deir Ezzor und Anbar auf konventionelle Straßenkämpfe verzichtet. In einer anderen Ausgabe von Al Naba deutete der Islamische Staat bereits darauf hin, eine der Lehren aus der gegen sie gerichteten Luftkampagne sei, dass er nach Raqqa von langwierigen Kämpfen in den Städten absehen werde. (…)

Die Gruppe habe beschlossen, sich in Gebieten, die sie für strategisch bedeutsam halte, vollends auf einen Guerillamodus zu verlegen. Der Autor hat in den letzten Jahren wiederholt darauf hingewiesen, dass die Gruppe diese Herangehensweise – den Versuch, den Feind in einem Zermürbungskrieg durch eine unablässige und unerbittliche Terrorkampagne sowie durch Blitzangriffe zu dezimieren – nikaya nennt. Wie sich schon aus Al Naba ergibt, ist diese Strategie seit Oktober in vollem Schwange. Sie wird die Kampagne des Islamischen Staats im Irak und in Syrien in den kommenden Jahren bestimmten.“ (Hassan Hassan: „ISIL 2.0: a terror group in full insurgency mode“)

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