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Gruppe Wagner: Putins heimliche Armee (3)

Das Logo der Gruppe Wagner gibt es bei Amazon als Aufnäher zu kaufen. (Quelle: Amazon)
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Im dritten Teil der Rezension beleuchtet Mena-Watch die Beweggründe, weshalb der russische Söldner Marat Gabidullin seinen Dienst bei der Gruppe Wagner quittierte.

Buchautor Marat Gabidullin blickt auf sein Leben als Söldner zur Unterstützung von Baschar al-Assad durchaus kritisch zurück, und zwar vom euphorischen, idealistischen Eintritt (»Wagner ist eine Kraft des Guten, die gegen die Plage der bewaffneten Rebellen oder des radikalen Islams vorgeht«) bis zum verbitterten, ernüchternden Abschied:

»Der Hauptgrund für meine moralische Erschöpfung war aber, dass meine Kameraden und ich in diesem Land für ein korruptes Regime kämpften, das von der eigenen Bevölkerung verachtet wurde. … Das war mir bewusst … Es passte mir nicht, im Dienst von Dreckskerlen andere Dreckskerle plattzumachen, selbst wenn letztere noch grausamer und unmenschlicher waren als die erstgenannten.«

Gabidullins Überlegungen, sein Berufsleben als Söldner zu beenden, waren zweifelsohne auch bestimmt von den ständigen Schmerzen und seiner geschwächten Physis, die das Ergebnis einer schweren Verletzung waren. Die Explosion, die ihn fast umgebracht hatte, verzieh er den Amerikanern nie:

»Mein Sinneswandel begann im Februar 2018, als meine Männer und ich die Al-Tabyah-Raffinerie zurückerobern sollten und von den amerikanischen Fliegern in Grund und Boden gebombt wurden. 100 (!) meiner Kameraden sind dabei draufgegangen, und ich selbst habe nur knapp überlebt.«

Enttäuscht von seiner »Kompanie«

Doch nicht nur die Ernüchterung über den syrischen Diktator machte Gabidullin zu schaffen, er war auch zusehends von seiner eigenen Truppe enttäuscht, deren Disziplin im Laufe der Jahre spürbar nachgelassen hatte (»Aufweichung und Nichteinhaltung der Befehlsketten«). Dass es in der Kompanie mittlerweile Usus geworden war, Führungsposten nach Sympathie und nicht nach Kompetenz zu vergeben, nahm der Söldner seinen Vorgesetzten besonders übel. Auch entsprach die fachliche Qualifikation des soldatischen Nachschubs (»Schlägertypen und Hitzköpfe«) nicht mehr Gabidullins hohen Qualitätsansprüchen.

 Dass die Kriterien für die Aufnahme in die Truppe im Laufe der Zeit immer weniger hart wurden, bestätigten britische Experten in einem ZEIT-Artikel jüngst anhand der schweren Verluste der Gruppe Wagner im Ukraine-Einsatz: Sie führten »zu niedrigeren Standards bei der Rekrutierung neuer Kämpfer, unter denen verurteilte Kriminelle und zuvor abgelehnte Bewerber seien. Diese neuen Rekruten würden nur sehr eingeschränkt ausgebildet, was die Schlagkraft der Truppe und damit ihren Wert als Unterstützung für das russische Militär vermutlich verringern werde.«

… und der Armeeführung

Was Gabidullin seit seinem allerersten Einsatz in Syrien am meisten frustrierte, war der Umstand, dass seiner Truppe von allen Seiten die Anerkennung ihrer militärischen Fähigkeiten und Leistungen vorenthalten blieb und ihre Erfolge im Kampf nie respektiert wurden. Auch wenn die Gruppe Wagner ihre strategischen Vorgaben von den russischen und syrischen Generalstäben erhielt, wurde sie doch nie aktiv in die militärischen Planungen einbezogen geschweige denn um ihre Einschätzung gebeten. Letztlich führten die Söldner ihren eigenen Kampf abseits der russischen und syrischen Armee. Dass es, so behauptet Gabidullin, in Wirklichkeit jedoch genau diese Söldner gewesen seien, die maßgeblich zur Zerschlagung des Islamischen Staats beigetragen hätten, werde allgemein ignoriert.

Zudem verschlechterte sich die Qualität der Ausrüstung, die der Kompanie vom russischen Militär zur Verfügung gestellt wurde. Gabidullin beklagt sich über mangelnde Ausrüstung, unzureichende Verpflegung, veraltetes Kriegsgerät (Panzer, Raketen), (für das gebirgige Gebiet) ungeeignete, teils funktionsunfähige Fahrzeuge und fehleranfällige Funk- und Kommunikationsgeräte.

(Quelle: Econ-Verlag)
(Quelle: Econ-Verlag)

… und Väterchen Putin

Doch auch zu Hause hatte sich einiges geändert. Einerseits war Gabidullin mit Putins Politik der Unterstützung Assads nicht mehr einverstanden, andererseits war die russische Bürokratie, aber auch das Militärwesen, mittlerweile durch und durch von Korruption verseucht, wie er feststellen musste:

»Alles ist verhandelbar: seinen Namen auf eine Liste zu setzen oder keinen Militärdienst zu leisten. Sie nominieren Leute gegen ein Schmiergeld für Ordensverleihungen und handeln mit Posten. Seit Langem ist die Armee ein großer Basar, auf dem alles käuflich oder verkäuflich ist. Kein Sinn für Ehre, kein Pflichtgefühl, nichts.«

Der am 24. Februar dieses Jahres gestarteten »Sonderoperation« von Wladimir Putin gegen das, »was er [Putin, Anm.] das Naziregime in der Ukraine nannte«, steht der ehemalige Söldner verständnislos gegenüber. Dass die Mehrheit der russischen Bevölkerung hinter Putin steht, sei der »steten Propaganda« zu verdanken, welche »die Gehirne meiner Mitbürger weichgespült« hat, weshalb sie auch »klaglos … die Vorstellung einer ›Entnazifizierung‹ und ›Entmilitarisierung‹ der Ukraine akzeptierten«.

Marat Gabidullin hatte genug. Doch verbittert war er nicht: »Ich war Teil der großen, lauten und ruhelosen Söldnerfamilie. Hier fand ich meine Würde wieder, hier verrichtete ich eine gefährliche und notwendige Arbeit für mein Vaterland … Ich werde der ›Kompanie‹ immer dankbar dafür sein, dass sie mir diese Chance gegeben hat.«

Dass nicht alle Söldner, die sich weltweit von autokratischen Regimen einsetzen lassen, so denken wie er, weiß er natürlich: »Die meisten werden weiterhin bereit sein, jedem beliebigen Geldgeber zu folgen. Es sind schließlich Söldner.« Zumindest eines hat sich geändert: Für ihren momentanen Einsatz in der Ukraine erhalten die Söldner ihr Salär nicht mehr in schnöden Rubel, sondern in harter US-Währung.

Marat Gabidullin, Wagner – Putins geheime Armee. Ein Insiderbericht. 298 S., Econ Verlag, Berlin 2022, Euro 23,70 (A)/Euro 22,99 (D)

Bisher erschienen:
Teil 1
Teil 2

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