Seit dem Sturz des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad vor einem Jahr sind über eine Million Menschen in ihre Heimatorte zurückgekehrt.
Es dürfte sich dabei historisch um eine der bislang größten Rückkehrwellen innerhalb eines Jahres handeln: Im Dezember gab das UN-Flüchtlingswerk bekannt, dass seit dem Sturz des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad knapp 1,3 Millionen Menschen vor allem aus den Nachbarländern und fast zwei Millionen Binnenvertriebene in ihre Heimatorte zurückgekehrt seien.
Dabei handelt es sich, schließlich galt Syrien, bis es tragischerweise vom Sudan darin abgelöst wurde, jahrelang als die größte Flüchtlingskatastrophe nach dem Zweiten Weltkrieg, noch immer nur um einen Bruchteil der über dreizehn Millionen, die entweder als Flüchtlinge registriert oder zu Binnenvertriebenen im eigenen Land wurden. (Etwas über eine Million der insgesamt 6,7 Millionen Flüchtlinge haben in Europa Schutz gesucht.)
Doch der Trend scheint klar: Immer mehr von ihnen halten die Lage in ihrer Heimat für so stabil, dass sie sich für eine Rückkehr entscheiden. In einigen Ländern, in denen sie Zuflucht gesucht hatten, etwa dem Libanon, fällt eine solche Entscheidung leichter, weil dort die Lebensverhältnisse für viele katastrophal waren. So sind bislang 380.000 Flüchtlinge, unterstützt von der Regierung in Beirut, nach Syrien zurückgekehrt, das ist fast die Hälfte aller im Libanon registrierten syrischen Flüchtlinge.
Begleitumstände
Derweil drängen nicht nur europäische Staaten, sondern auch jene im Nahen Osten, in denen die meisten Syrer leben, vor allem die Türkei und Jordanien, auf eine rasche Rückkehr. Die Türkei entschied sogar Anfang des Jahres, dass Syrer zweimal für je zwei Wochen in ihr Heimatland reisen dürfen, ohne ihren Aufenthaltsstatus zu verlieren.
Zu dieser äußerst sinnvollen Maßnahme konnte sich Deutschland dagegen nicht durchringen. Mit ihr wäre es möglich, dass die Flüchtlinge sich vor Ort umsehen und informieren, ob etwa ihre Häuser noch stehen und ein Neuanfang überhaupt möglich ist. Bislang zählt die Türkei, in der es in den Jahren vor dem Sturz Assads immer wieder zu Übergriffen auf Syrer kam, eine halbe Million Rückkehrer.
Ob alle allerdings ganz freiwillig zurückkehren, ist fraglich. So wurden in Jordanien und im Libanon die Hilfsleistungen drastisch zusammengestrichen, und auch die Stimmung in diesen Ländern wird gegenüber Syrern immer feindlicher.
Es gibt bislang keinerlei Erhebung, welchen religiösen oder ethnischen Gruppen die Rückkehrer angehören, man kann aber trotzdem davon ausgehen, dass die überwältigende Mehrheit aus sunnitischen Arabern besteht. Derweil gibt es, wenn auch noch in überschaubaren Maßen, eine Gegenbewegung: Vor allem Alawiten und Drusen verlassen aus Angst vor Verfolgung durch die Interimsregierung das Land.
Bleibt die Lage in Syrien allerdings weiter halbwegs stabil, wird für das nächste Jahr erwartet, dass weiterhin eine beträchtliche Anzahl von Menschen zurückkehren wird.
Kommen aber in zu kurzer Zeit zu viele Menschen in das weitgehend zerstörte Land zurück, in dem noch immer ca. achtzig Prozent unterhalb der Armutsgrenze leben, könnte dies zu neuen sozialen und ökonomischen Problemen führen. Auf gerade einmal ein Prozent Wirtschaftswachstum ist das Land 2025 gekommen, allerdings erwarten Wirtschaftsexperten, dass ab nächstem Jahr die Aufhebung der internationalen Sanktionen, eine gewisse Stabilisierung der Währung und Zufluss ausländischen Kapitals für einen merkbaren Aufschwung sorgen könnten.






