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Großbritannien verliert die Kontrolle – und Europas Juden zahlen den Preis

Ort des jüngsten Terrors gegen Juden auf einer Straße im Londoner Stadtteil Golders Green. (© imago images/Xinhua)
Ort des jüngsten Terrors gegen Juden auf einer Straße im Londoner Stadtteil Golders Green. (© imago images/Xinhua)

London steht im Zentrum einer antisemitischen Terrorwelle. Europa tut noch immer so, als sei der Judenhass nicht sein Problem.

Von Abraham Cooper und Daniel Schuster

In den vergangenen Wochen hat London eine Serie von Angriffen erlebt, die sich nicht mehr als isolierte Vorfälle abtun lässt: ein Drohnenalarm nahe der israelischen Botschaft, vier angezündete Rettungswagen der jüdischen Organisation Hatzola in Golders Green, Brandanschläge auf Synagogen in Finchley und Hendon, ein weiterer Angriff auf die Kenton United Synagogue – und nun ein Messerangriff auf zwei jüdische Passanten am helllichten Tag.

Die britischen Anti-Terror-Behörden prüfen, ob zumindest ein Teil dieser Taten mit iranischen Stellvertreterstrukturen in Verbindung steht. Das ist keine Übertreibung. Es ist die Richtung, in die die Indizien weisen.

Und doch hält sich in Europa weiterhin die bequeme Erzählung, all dies habe primär mit Israel zu tun – mit dem »Nahostkonflikt«, mit »Spannungen«, mit »importierten Konflikten«.

Diese Sichtweise greift zu kurz.

Ja, Israel steht im Zentrum der ideologischen Obsession des iranischen Regimes. Ja, die Drohung gegen die israelische Botschaft in London ist Teil dieses Konflikts. Aber das, was sich derzeit in Großbritannien abspielt, ist längst nicht mehr auf Israel beschränkt.

Antisemitischer Hass

Synagogen werden angegriffen, jüdische Wohlfahrtseinrichtungen werden angegriffen, jüdische Rettungsdienste, die der gesamten Bevölkerung dienen, werden angegriffen, Juden werden angegriffen – dort, wo sie beten, wo sie leben, wo sie sich versammeln.

Der Messerangriff in Golders Green fügt diesem Muster eine weitere Dimension hinzu. Zwei Männer wurden gezielt attackiert, einer davon in unmittelbarer Nähe einer Synagoge. Parallel kursieren Berichte, dass eine Gruppierung mit mutmaßlichen Verbindungen zu iranischen Netzwerken die Tat für sich reklamiert haben könnte. Ob sich dies im Detail bestätigt, müssen Ermittlungen klären. Entscheidend ist etwas anderes: Die Gewalt folgt längst einem erkennbaren Muster: Es ist ein Angriff auf Juden als Juden.

Und es geschieht in einem Land, das allein im Jahr 2025 rund 3.700 antisemitische Vorfälle verzeichnete – einer der höchsten Werte in der Geschichte des Community Security Trust, der im Auftrag der jüdischen Gemeinde solche Vorkommnisse registriert. Gleichzeitig hat der britische Inlandsgeheimdienst MI5 bestätigt, seit 2022 auf zwanzig vom Iran unterstützte Anschlagspläne reagiert zu haben (exklusive der jüngsten Anschläge). Zwanzig. Keine Gerüchte. Keine Übertreibungen. Zwanzig konkrete Bedrohungen.

Trotzdem wird politisch weiterhin gezögert.

Während Israel gezwungen ist, sich offen gegen iranische Aggression zu verteidigen – militärisch, geheimdienstlich, präventiv –, scheint Europa Schwierigkeiten zu haben, dieselbe Bedrohung im eigenen Inneren zu benennen. Der Unterschied ist nicht die Gefährdungslage. Der Unterschied ist die politische Reaktion darauf.

Das iranische Regime verfolgt eine konsistente Strategie: Es bekämpft Israel direkt, und es untergräbt gleichzeitig jüdisches Leben weltweit. Diese beiden Ebenen sind untrennbar miteinander verbunden. Wer Israel delegitimiert, schafft das ideologische Klima, in dem Juden auch in Europa zu Zielscheiben werden.

Europas gefährliche Illusion

Europa hingegen behandelt diese Dynamik oft, als handele es sich um voneinander getrennte Phänomene. Außenpolitik hier, Innenpolitik dort. Israel dort, jüdisches Leben hier. Diese Trennung ist eine Illusion.

Die Realität zeigt sich in London: Während politische Debatten geführt werden, leben jüdische Gemeinden längst hinter Pollern, Kameras, Sicherheitsdiensten und Polizeipräsenz. Sicherheitsmaßnahmen, die als temporär gedacht waren, werden zur Dauerlösung.

So beginnen offene Gesellschaften zu erodieren. Nicht durch einen plötzlichen Bruch, sondern durch Gewöhnung. Erst wird Gewalt toleriert. Dann wird sie normalisiert. Dann wird sie erklärt. Und schließlich wird sie Teil des Alltags.

Die britische Öffentlichkeit wurde gewarnt. Die Zahlen lagen auf dem Tisch. Die Muster sind sichtbar. Wenn heute erneut jüdische Einrichtungen angegriffen werden, kann sich niemand mehr auf Überraschung berufen.

Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob Europa die Bedrohung erkennt. Die entscheidende Frage ist, ob es bereit ist, daraus Konsequenzen zu ziehen. Der Schutz jüdischen Lebens ist kein Spezialinteresse einer Minderheit. Er ist ein Lackmustest für die Wehrhaftigkeit demokratischer Staaten. Israel hat diesen Test nie als theoretische Frage behandelt. Europa hingegen scheint noch immer zu zögern, ihn als Realität anzuerkennen.

Die Ereignisse in London sollten diese Phase der Unklarheit beenden. Denn wenn Juden in Europa wieder lernen müssen, dass ihre Sicherheit nicht selbstverständlich ist, dann steht mehr auf dem Spiel als die Sicherheit einer einzelnen Gemeinschaft. Dann steht die Glaubwürdigkeit des demokratischen Rechtsstaats selbst zur Disposition.

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