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Die beiden größten jüdischen Gemeinden der Welt driften immer weiter auseinander

(Matthew Plew/U.S. Air Force)
(Matthew Plew/U.S. Air Force)

Die gegensätzlichen Reaktionen auf Trumps Friedensplan zeigen erneut: Die Kluft zwischen amerikanischen und israelischen Juden wird immer größer.

Von Jonathan S. Tobin

Die Präsentation des Nahost-Friedensplans von Präsident Donald Trump in der vergangenen Woche hat die üblichen parteiischen Reaktionen hervorgerufen, die jeden Schritt begleiten, den die Regierung setzt. Obwohl der Plan in Israel parteiübergreifend begrüßt wurde, prangerten ihn in den USA sogar jene Demokraten an, die sich als Freunde des jüdischen Staates betrachten. Verdeutlicht wurden damit nicht nur die äußerst unterschiedlichen Einschätzungen der Person Trump, sondern auch die große Kluft, die israelische und amerikanische Juden voneinander trennt.

Wer die Politik in beiden Ländern verfolgt, hat sich bereits an den Gedanken gewöhnt, dass die israelischen Juden in einem roten (sprich: republikanischen) Staat leben, während die amerikanischen Juden sich in einer blauen (sprich: demokratischen) Blase eingerichtet haben. Aber wir müssen ein bisschen tiefer gehen und verstehen, dass die jüdische Linke in Israel im Grunde genommen implodiert ist, während sie in den Vereinigten Staaten noch immer an Boden gewinnt.

Der Zusammenbruch der politischen Linken in Israel ist nichts Neues. Der letzte Lichtblick einer Dominanz der arbeiterzionistischen Bewegung, die zur Gründung des jüdischen Staates und vieler seiner führenden Institutionen beigetragen hat, war die Wahl von 1992, bei der Jitzchak Rabin sie zum Sieg führte. In diesem Jahr gewann die Arbeitspartei 44 Sitze in der Knesset, und ihr wichtigster linker Verbündeter, Meretz, weitere 12 Sitze. Zusammen kamen sie auf rund 44 Prozent aller abgegebenen Stimmen. (…)

Zehn Jahre später war von einer solchen Machtstellung der Arbeitspartei nicht mehr als eine blasse Erinnerung übrig.

Der Versuch von Ehud Barak, dem letzten Premierminister der Arbeitspartei, dem PLO-Vorsitzenden Jassir Arafat einen unabhängigen palästinensischen Staat anzubieten, flog buchstäblich mit Bomben und Granaten in die Luft. Auf Arafats Verweigerung des Friedens folgte ein terroristischer Zermürbungskrieg, der den Glauben der Israelis an die Osloer Abkommen und an das politische Urteilsvermögen der Nachfolger Rabins zerstörte.

Bei der jüngsten israelischen Wahl im September des Vorjahrs gewann das, was von der Arbeitspartei und von Meretz noch übrig geblieben war, zusammen mit einer Fraktion von Mizrachi-Abtrünnigen aus dem Likud zusammengenommen nur 11 Knesset-Sitze und kaum mehr als 9 Prozent der Stimmen. Nach diesem Debakel schlossen sich die beiden Parteien zusammen; aktuelle Umfragen zeigen, dass die gemeinsame Wahlliste nur sieben bis zehn Sitze erreichen wird. Das bedeutet: In den 28 Jahren seit Rabins Wahlsieg ist die Unterstützung der Linken durch die israelische Wähler auf einen Bruchteil ihrer früheren Stärke geschrumpft.

Mehr noch, die Parteien der Linken sind in den politischen Debatten im Land an den Rand gedrängt worden. Die Formel „Land für Frieden“, mit der die Arbeitspartei in ihrer Blütezeit für sich geworben hatte, wurde in den Wahlkämpfen im April und im September des vergangenen Jahres nicht einmal mehr erwähnt. Die Blau-Weiß-Partei, die heute als die wahre Nachfolgerin der Arbeitspartei angesehen und vom ehemaligen Generalstabschef der israelischen Streitkräfte, Benny Gantz, geführt wird, steht politisch nicht nur rechts vom verblieben Arbeitspartei- und Meretz-Lager, sondern auch von Premierminister Benjamin Netanjahu und seiner Likud-Partei. Einige der Mitglieder von Blau-Weiß bevorzugen die Linke. Gantz selbst hat aber nicht nur die Annexion des Jordantals begrüßt, sondern auch den Trump-Plan begeistert befürwortet, der amerikanischen und israelischen Linken zufolge alle Hoffnungen auf Frieden zu Grabe trägt.

Der Gegensatz zu den Vereinigten Staaten, wo die amerikanische jüdische Gemeinde mehr als je zuvor nach links tendiert, könnte kaum größer sein.

Die Differenez zwischen diesen beiden Zweigen des jüdischen Baumes betrifft nicht nur die Politik, sondern geht viel tiefer. Der Kern des Problems ist die Tatsache, dass die grundlegenden Überzeugungen beider Länder einander in vielerlei Hinsicht diametral entgegenstehen. Dasselbe gilt für die jeweiligen Vorstellungen über die Rolle, die das Judentum und Religion an sich im Leben der beiden Länder spielen sollen.

Das amerikanische Experiment in Sachen Demokratie ist erklärtermaßen nicht-konfessionell. Israel ist dagegen ein Nationalstaat, dessen Zweck es ist, einem bestimmten Volk, das seit zweitausend Jahren verfolgt wird, eine Heimat und Sicherheit zu bieten.

Die Vereinigten Staaten sind eine Nation, die sich zu universellen Werten bekennt, mit deren Hilfe die Barrieren zwischen den Völkern und Glaubensrichtungen überwunden werden sollen. Wie die meisten anderen Nationen auf der Welt ist Israel im Gegensatz dazu Ausdruck eines Partikularismus. Seine Priorität ist nicht, der übrigen Menschheit als letzte und größte Hoffnung zu dienen, sondern die Wiederherstellung und Verteidigung jüdischer Souveränität in der alten Heimat der Juden.

Die amerikanischen Juden sehen sich als schutzbedürftige Minderheit gegenüber der Mehrheit. Es überrascht daher nicht, dass sie in ihren politischen Ansichten überwältigend links sind und zu den loyalsten demokratischen Parteigängern unter allen Bevölkerungsgruppen gehören. Der wachsende Anteil an orthodoxen Juden tendiert zwar nach rechts, stellt aber immer noch einen kleinen Prozentsatz der Gemeinde dar. Und obwohl Trump bei den Israelis beliebter ist als jeder seiner Vorgänger, hat seine historisch pro-israelische Politik wenig Einfluss auf seine Popularität in der amerikanisch-jüdischen Gemeinde gehabt, in der linke Stimmen – sogar die von Radikalen wie Bernie Sanders – weiter an Einfluss gewinnen.

Wenn die meisten amerikanischen Juden über israelische Politik in Fragen wie Grenzsicherheit und Verteidigung nachdenken, scheinen sie seltsamerweise kaum von den Umständen berührt zu werden, die die Israelis von der Linken entfremdet haben. Es sind genau die Positionen, die viele amerikanische Juden und die Demokratische Partei bezüglich des Nahost-Friedensprozesses einnehmen, die in Israel diskreditiert worden sind. Die Entwicklungen der vergangenen 30 Jahre, die in Israel den Glauben an die Linke zerplatzen haben lassen, haben bei amerikanischen Juden kaum Eindruck hinterlassen. Obwohl es diesen Trend bereits vor der Amtszeit von Donald Trump gegeben hat, wird die israelische Wertschätzung für den US-Präsidenten von ihnen für bizarr, wenn nicht gar pervers gehalten.

Als Endergebnis all dessen driften die beiden größten jüdischen Gemeinden der Welt immer weiter auseinander. Amerikanische Juden, die in vielen Fragen links stehen, scheinen noch immer den Wunsch zu verspüren, Israel vor sich selbst retten zu müssen. Sie sollten sich mit der Tatsache anfreunden, dass die überwältigende Mehrheit der Israelis nicht nur ihre Sichtweisen ablehnt – diese Art von Hilfe sieht sie vielmehr nicht als Ausdruck von Sorge, sondern von Ignoranz.

(Der Text ist unter dem Titel „The Jewish left is dead in Israel. Why is it thriving in America?“ beim Jewish News Syndicate erschienen. Übersetzung für Mena-Watch von Florian Markl.)

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