Im Mena-Talk mit Jasmin Arémi spricht Eyal Dror über seine Erfahrungen im Rahmen des Projekts »Good Neighbor« während des syrischen Bürgerkriegs und über sein Buch über die Mission.
Als der syrische Bürgerkrieg 2016 einen kritischen Punkt erreichte, begann an der Grenze zwischen Israel und Syrien eine außergewöhnliche Mission. Unter dem Namen »Good Neighbor« Project organisierten die israelischen Streitkräfte humanitäre Hilfe für syrische Zivilisten.
Die Einsätze, über die der Gründer und ehemalige Leiter der Mission, Oberstleutnant der Reserve Eyal Dror, im vergangenen Jahr ein Buch geschrieben hat, fanden an der israelisch-syrischen Grenze statt. »Wir haben realisiert, dass wir nicht einfach hinter der Grenze stehen und zusehen können, wie Menschen sterben«, beschreibt Dror den Ausgangspunkt der Mission.
Israelische Soldaten hätten damals unmittelbar beobachten können, wie Menschen auf der syrischen Seite der Grenze ohne medizinische Versorgung, Nahrung oder funktionierende Infrastruktur ums Überleben kämpften. Gleichzeitig sei allen Beteiligten bewusst gewesen, wie stark das Bild Israels und der IDF in Syrien über Jahrzehnte verzerrt worden war. »Wir hatten die einmalige Chance zu zeigen, dass wir nicht das sind, was man ihnen über uns erzählt hat.«
Die Operation verfolgte deshalb mehrere Ziele gleichzeitig. Im Zentrum stand die unmittelbare humanitäre Hilfe, aber auch der Versuch, jenseits offizieller diplomatischer Beziehungen Vertrauen zwischen Menschen aufzubauen. Dror beschreibt die Mission als logistische und sicherheitspolitische Ausnahmesituation.
Zunächst musste ein Netzwerk syrischer Kontaktpersonen aufgebaut werden, die bereit waren, mit Israelis zusammenzuarbeiten – ein lebensgefährliches Unterfangen in einem Umfeld, in dem jede Kooperation mit Israel schnell als Verrat gilt. Erst nach und nach entstanden Kontakte zu Zivilisten auf der syrischen Seite der Grenze. Gemeinsam mit lokalen Partnern analysierte das Team anschließend, welche Güter tatsächlich benötigt wurden.
Geliefert wurden unter anderem Lebensmittel, Medikamente, Babynahrung und medizinische Ausrüstung. Die Übergaben fanden direkt an der Grenze statt, während syrische Partner die Verteilung im Landesinneren übernahmen. »Es war humanitäre Hilfe in einer feindlichen Umgebung – mit dem IS, Al-Qaida und Hisbollah nur wenige Meter entfernt.«
Extreme Bedingungen
Immer wieder mussten unter extremen Bedingungen Entscheidungen getroffen werden. Dror erinnert sich etwa an Situationen, in denen dichter Nebel plötzlich die Sicht nahm und eine Lieferung innerhalb von Sekunden zu einem unkalkulierbaren Sicherheitsrisiko machte. Gleichzeitig hätte ein Abbruch bedeutet, dass am nächsten Tag Lebensmittel oder Babynahrung fehlen würden. Doch auch scheinbar banale Zwischenfälle konnten gefährlich werden. Zerbrach während der Übergabe eine Palette, musste improvisiert werden. Statt die Mission abzubrechen, verluden Soldaten die Hilfsgüter teilweise per Hand weiter – obwohl jede zusätzliche Minute an der Grenze das Risiko erhöhte.
Besonders schwierig sei die Balance zwischen humanitärer Hilfe und militärischer Sicherheit gewesen. Die Soldaten seien ursprünglich dafür ausgebildet worden, Israel zu verteidigen, nicht für humanitäre Einsätze mitten in einem Bürgerkriegsgebiet. Doch gerade diese persönliche Ebene hat die Perspektive vieler Soldaten auch verändert. Gleichzeitig hat die Mission langfristig auch Israels Sicherheitsinteressen gedient, denn weniger Feindseligkeit auf der anderen Seite der Grenze bedeutet auch mehr Stabilität in der Region.
Ein zentrales Problem blieb die Frage, ob die Hilfsgüter tatsächlich bei der Zivilbevölkerung ankamen. Dror betont, dass es nie vollständige Kontrolle gegeben habe. Dennoch seien Monitoring-Systeme, direkte Kontakte und Rückmeldungen aus der Bevölkerung aufgebaut worden. Wurde Missbrauch festgestellt, zog die Mission Konsequenzen: »Vertrauen funktioniert nur, wenn es klare rote Linien gibt – und es muss Konsequenzen haben, wenn diese überschritten werden.« Gerade dieses konsequente Vorgehen hat langfristig Vertrauen geschaffen.
Heute sieht Dror in der Operation auch ein Modell mit Signalwirkung für andere Konfliktregionen. Jede Region habe jedoch eigene Dynamiken und Machtstrukturen, die berücksichtigt werden müssten. Während das Machtvakuum in Syrien bestimmte Formen der Zusammenarbeit ermöglicht habe, seien in anderen Gebieten – etwa in Gaza – völlig andere Mechanismen notwendig, weil bewaffnete Gruppen dort deutlich stärkere Kontrolle über Hilfsgüter ausübten. Für ihn bleibt die Mission dennoch ein Beispiel dafür, welches Potenzial humanitäre Hilfe selbst unter extremen Bedingungen entfalten kann.
Nach fünf Jahren Arbeit erschien schließlich sein Buch über die Operation – zunächst auf Hebräisch, später auf Englisch. In Kürze soll es auch auf Deutsch erscheinen.






