Giro d’Italia in Jerusalem – zu Ehren eines „Gerechten der Völker“

„[A]uch im Westen der Stadt [Jerusalem], wo das rund zehn Kilometer lange Einzelzeitfahren stattfindet, gibt es politische Symbole. So passieren die 176 Radprofis auch Yad Vashem. Dort wird nicht nur der Millionen Juden gedacht, die unter der Herrschaft der Nationalsozialisten ermordet wurden, es ist auch eine Stätte der Erinnerung an jene Nichtjuden, die sich gegen das Nazi-Regime und andere faschistische Regime auflehnten, Menschen, die sich nicht am Massenmord und am kollektiven Wegschauen beteiligten, sondern als ‚Gerechte unter den Völkern‘ versuchten, jüdische Mitmenschen vor Verfolgung und Deportation zu schützen. Wer unter persönlichem Risiko Juden in einer bezeugten Aktion ohne Gegenleistung zu retten versuchte, wird nach sorgfältiger Untersuchung in diesen Kreis aufgenommen. Unter den fast 30.000 ‚Gerechten‘ findet sich auch ein Vorbild zahlreicher Radsportler. Der italienische Nationalheld Gino Bartali, ‚Il Pio‘ (Der Fromme) genannt, gilt als einer der besten Bergfahrer der Geschichte. Die diesjährige Startetappe des Giro wird ihm zu Ehren ausgetragen.

Während des Krieges wurde der Toskaner, selbst Laienbruder im Karmeliterorden, vom florentinischen Erzbischof Elia Dalla Costa gebeten, sich dem katholisch-jüdischen Widerstand anzuschließen. 1943, nach dem Zerfall des Hitler-Mussolini-Paktes und nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht, wurden Juden zusehends auch in Italien systematisch verfolgt und deportiert. Dem beliebten und allseits bekannten Bartali kam im Widerstand die Rolle des Fahrradkuriers zu. Er schmuggelte Passfotos und Dokumente meist zwischen Florenz, Assisi, Genua und Rom, oft über mehrere Hundert Kilometer, um Juden neue Identitäten ausstellen zu können. Seine langen Ausflüge fielen nicht auf – der Radstar musste sich schließlich fit halten, ein Ende des Krieges war bereits abzusehen. (…) Bartali versteckte zudem eine jüdische Familie bei sich und soll einmal mehrere Flüchtlinge in einem Anhänger über die Grenze in den Schweizer Alpen geschmuggelt haben – per Rad, zu ‚Trainingszwecken‘ natürlich. Rund 800 Juden soll ‚Il Pio‘ durch seine Aktionen vor dem sicheren Tod gerettet haben.“ (Fabian Sommavilla: „Mehr als ein Radfahrer: Gino Bartali, der Gerechte“)

Ein Gedanke zu „Giro d’Italia in Jerusalem – zu Ehren eines „Gerechten der Völker“

  1. ecaep

    Es tut der Seele gut über Gerechte wie Gino Bartali zu lesen. Ohne Menschen wie ihn wäre der Blick zurück (und neuerdings auch nach vorn!) einzig schwarzverhangen und trübe. – Aber was sind 30.000 Gerechte gegenüber den Abermillionen, die sich haben korumpieren lassen, aktiv wie passiv, mehr noch, die millionenfache Multiplikatoren und Reproduzenten verbrecherischer, menschenverachtender Ideen und deren politischen Manifestationen gewesen sind?

    Den Bekenntnissen europäischer Politiker, dass so etwas „nie wieder“ geschehen dürfe, ist nicht zu trauen. Deren Handeln verrät, dass das „nie wieder“ eine (wenn überhaupt) abstrakte ethische Kategorie darstellt. Ökonomisch-opportunistische Interessen unterminieren unablässig ethische Standards und entlarven „Wertediskussionen“ und „-richtlinien“ als sekundär, bestenfalls. Statt sich massiv – d.h. mit allen staatlichen Mitteln, incl dem bestehenden Gewaltmonopol des Staates – antisemitischem Terror, wie er nicht nur medial auf uns niederprasselt, entgegenzustellen, werden überall moralische Schlupflöcher gebohrt um nicht Verantwortung übernehmen zu müssen. Verantwortung für die Tatsache, dass das antisemitische Problem (wieder einmal) zu explodieren droht. Die täglichen Unerträglichkeiten, die zu beobachten wir gezwungen sind, sind in Wahrheit „Teil eines neuen Geschäftsmodells“. Antisemitismus ist der „unvermeindliche“ und daher stillschweigend geduldete Kollateralschaden unseres Wohlstands. „Politik“ ist weiter denn je davon entfernt Ethik als Teil ihres Gewerbes anzuerkennen.

    Ein Bundespräsident, der sich vor dem Israelhasser und Judenmörder Arafat verneigt, der islamofaschistische Organisationen empfängt, braucht nicht erstaunt zu tun, wenn sein schlechtes (!) Beispiel Schule macht. Und das ist bloß die sprichwörtliche Staatsspitze, die sich so verhält! Weiter unten geht es dreister und ungehemmter zu. Offen treten Antisemiten in politische Parteien ein und werden anscheinend nicht (oder nicht genug) auf den Umstand hingewiesen, dass sie sich im Konflikt mit den „europäischen Werten“ befinden: Der Israelfeind (und Erdogan-Freund) Tamer Sert wird Vorsitzender der FDP in der niedersächsischen Provinz. Das SPD-Mitglied Dawood Nazirizadeh ist Lobbyist für das klerikalfaschistische Terrorregime im Iran. Das SPD-Mitglied Mohamed Ibrahim trägt seine israelfeindlichen BDS-Sympathien offen zur Schau. – Die Liste ließe sich erschreckend verlängern. –

    Die Frage warum wir z.Z. eine antisemitische „Wiedergeburt“ dieser Größenordnung erleben, ist leicht zu beantworten: Die politische „Elite“ macht es vor: antisemitischer Tabubruch bleibt nicht nur folgenlos, er lohnt sich wieder.

Schreiben Sie einen Kommentar


Schreiben Sie einen Kommentar

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.


Login