Während der Nahostkonflikt eskaliert, fungiert der Fall Ofarim in Deutschland als Projektionsfläche für eine gesellschaftliche Verschiebung. Ein Entlastungsventil für die »German Guilt« wurde gefunden.
Michaela Dudley
Wer nicht mit gebührender Skepsis und einer Prise Geduld hinschaut, wird die Bedeutung der im Unterhaltungsbereich tobenden Auseinandersetzung nicht erkennen. Während der Krieg im Nahen Osten sich ausbreitet und der Bombenhagel auf Tel Aviv und Teheran die Welt in Atem hält, wäre es ziemlich leicht und fast nachvollziehbar, den Streit um den neuen Dschungelkönig als bloßes Trivial-Theater aus dem Trashfernsehen abzustempeln. Doch hinter der medialen Fassade verbirgt sich kein amüsanter Boulevard-Zank, sondern ein knallharter, propagandistischer Stellvertreterkrieg.
Der 1982 in München geborene Gil Ofarim ist Sohn des israelischen Musikers Abi Ofarim und bezeichnet sich selbst als säkularer Jude. Der Ex-Teenie-Star thront seit wenigen Wochen als Dschungelkönig im Reich des deutschen TV-Senders RTL. Im Oktober 2021 hatte er allerdings die Steilvorlage für seine eigene Demontage geliefert: In einem emotionalen Video, aufgenommen direkt vor dem Eingang eines Leipziger Hotels, behauptete Gil Ofarim, wegen seiner Davidstern-Kette von einem Hotelangestellten abgewiesen worden zu sein.
Mit dem Ausdruck »voller Solidarität« schrieb auch ich ihm wie Tausende andere damals persönlich eine Nachricht, nachdem ich sein Reel auf Instagram gesehen hatte. Zwar ergaben sich mir bald einige Fragen zum Hergang des Zwischenfalls, aber grundsätzlich ging es mir darum, dem sichtlich aufgeregten Künstler Glauben zu schenken. Als selbst Rassismus und der anderen Arten der Diskriminierung Betroffene plädiere ich dafür, das mutmaßliche Opfer sprechen zu lassen. Gils Problem: Er redete immer weiter und schien, sich zunehmend in Widersprüche zu verwickeln.
Der »Davidstern-Skandal« setzte eine Welle in Gang, die Ofarim 2023 vor das Landgericht Leipzig spülte. Die Vorwürfe lauteten Verleumdung und falsche Verdächtigung. Nach seinem überraschenden Geständnis, der Vorfall habe sich so nicht zugetragen, wurde das Verfahren gegen eine Geldauflage eingestellt. Zum einen musste er 10.000 Euro an die Staatskasse oder gemeinnützige Einrichtungen zahlen, zum anderen 40.000 Euro Schmerzensgeld an den Hotelangestellten. Damit gilt Ofarim zwar offiziell nicht als verurteilt, wurde aber in der Öffentlichkeit heftig angeprangert. So überraschte es sehr, dass er im vergangenen Februar vom RTL-Publikum zum Dschungelkönig gekrönt wurde und 100.000 Euro Preisgeld sowie eine Antrittsgage von schätzungsweise 300.000 Euro erhielt.
Schuld, Sühne, Sippenhaft
Bei dieser Geschichte wird oft übersehen, dass es auch und gerade in der jüdischen Gemeinschaft quer durch Deutschland herbe Kritik an Ofarim hagelte. Vom Zentralrat der Juden bis hin zu Einzelpersonen in den Gemeinden war der Tenor eindeutig: Der Sänger habe den Juden in Deutschland einen Bärendienst erwiesen und den Antisemiten ein Geschenk überreicht.
Diese Kritik materialisierte sich besonders handfest in der Reaktion der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. Als ein Teil seiner vom Gericht verhängten Zahlungen in der Höhe von fünftausend Euro an sie fließen sollte, wurde die Summe zum moralischen Zankapfel. Die Gemeinde debattierte, ob sie diese durch eine Lüge »negativ belasteten« und damit im Kern »nicht koscheren« Mittel überhaupt annehmen könne. Erst nach schwerem Ringen entschied man sich dazu, das Geld für die interreligiöse Bildungsarbeit zu verwenden, um dem immensen Flurschaden wenigstens einen Funken Aufklärung entgegenzusetzen.
Während die jüdische Gemeinschaft hart mit sich selbst ins Gericht ging, nutzten dubiose Akteure den Fehltritt Ofarims als Freifahrtschein für eine Diffamierungskampagne. Die Hetze folgte einer perfiden Chronologie der Instrumentalisierung. Zunächst war es eher das rechte Spektrum, das den Fall dankbar aufgriff, um das klassische Narrativ des »lügenden Juden« zu revitalisieren. Hier diente Ofarim als Beweisstück für einen vermeintlichen »Schuldkult«, den man nun endlich als völlig inszeniert brandmarken wollte.
Doch mit der Zäsur des 7. Oktobers 2023 verschob sich die Dynamik: So diente die Erzählung über Ofarims mutmaßliche Lüge nun vor allem im linken Spektrum dazu, die Last der sogenannten »German Guilt« zugunsten einer bedingungslosen Palästina-Solidarität abzulegen. Man stürzte sich auf Ofarims Fehlverhalten als willkommenen Generalverdacht, um jede Form der Sichtbarkeit jüdischer Opfer im Kontext des Gaza-Konflikts präventiv als »inszeniert« oder »manipulativ« zu diskreditieren.
In der Kette dieses ideologischen Zangenbisses zwischen links und rechts fungierte die Mainstream-Gesellschaft als Resonanzboden, auf dem Stefan Raab und Oliver Pocher das politische Ressentiment in massentaugliche Häme übersetzten. Wenn Raab Ofarim ein »Betrüger-Gen« attestierte – eine biologistische Entgleisung, die RTL später löschen musste –, oder Pocher in einem Hohnvideo die jüdische Identität mit einem ins Lächerliche gezogenen »Shalömchen« zur Karikatur degradierte, werden Ressentiments wieder hoffähiger gemacht.
Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass sich nun auch die Zeit diesem Trend anschließt und Ofarim in ihrer Podcastreihe Verbrechen eine eigene Folge widmet. Die Fragestellung von Sabine Rückert und ihrem Team – »Wer ist der Hotelmanager, den der Musiker Gil Ofarim durch eine Lüge ruinieren wollte?« – markiert dabei den finalen Perspektivwechsel der etablierten Medien: Der Fokus verschiebt sich weg von der strukturellen Debatte über Antisemitismus hin zu einer personalisierten True-Crime-Erzählung.
Dass der Geschädigte berücksichtigt wird, ist richtig und moralisch angebracht. Absichtliche Falschverdächtigungen sind nicht zu beschönigen, denn sie können Unschuldige ihrer Existenz berauben und nachhaltig psychisch zermürben. Doch bei der performativen Empörung gegenüber Ofarim schwingt unverkennbar die Absicht mit, an ihm ein Exempel zu statuieren, und die Selbstherrlichkeit solcher Talk-Tribunale sind an Anmaßung und Unreflektiertheit kaum zu überbieten.
Milde und Strenge
Während Gil Ofarim an einem maximalen moralischen Standard gemessen und aggressiv nach seiner Reue befragt wird, zeigt sich zumindest die »progressive« Gesellschaft erstaunlich langmütig, wenn es sich um propalästinensische Akteure handelt. Exemplarisch für diese Milde steht das kuriose Verhalten eines Berliner Richters im Juli 2025: Die Gaza-Aktivistin Yasemin Acar wurde wegen Widerstands gegen und tätlichen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte sowie der Verleumdung und versuchter Körperverletzung schuldig gesprochen. Trotzdem erteilte der Richter ihr nur eine mäßige Geldstrafe – und sprach ihr lobend seine »Hochachtung« aus. Für das öffentliche Verbreiten der Vernichtungsparole »From the River to the Sea, Palestine will be free« wurde Acar überhaupt gleich freigesprochen.
Während Ofarim medial seziert wird, blieb die Empörung über dieses Urteil weitgehend aus. Der Aktivistin wurde journalistisch kaum zugesetzt. Es gab keine aggressiven Forderungen nach Reue oder Läuterung. Auf offener Straße werden Menschen, die eine Kippa oder den Magen David tragen, krankenhausreif geschlagen – aber man tritt achtlos über sie hinweg, um lieber bei Gil Ofarim nachzutreten und ihn mit erhobenem Zeigefinger zu belehren, er selbst trage zum Antisemitismus bei.






