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Wie legitim sind gezielte Tötungen?

Der Schauplatz der gezielten Tötung von Mohsen Fakhrizadeh am vergangenen Freitag. (© imago images/ZUMA Wire)
Der Schauplatz der gezielten Tötung von Mohsen Fakhrizadeh am vergangenen Freitag. (© imago images/ZUMA Wire)

Gezielte Tötungen sind selten, auch weil sie praktisch schwer umzusetzen sind. Aber sie sind nicht unmoralischer als andere kriegerische Maßnahmen.

George Friedman, Geopolitical Futures

Der Chef des iranischen Atomwaffenprogramms ist am Freitag in der Nähe von Teheran getötet worden. Man geht davon aus, dass er von den Israelis getötet wurde, deren Motiv es war, das iranische Atomwaffenprogramm zu lähmen, indem sie den Mann töteten, der für dessen Erfolg entscheidend war.

Es könnten durchaus die Israelis gewesen sein, aber es gibt eine beträchtliche Anzahl anderer Länder, die den Iran nicht mit Atomwaffen sehen wollen. Die Vereinigten Staaten sind ein solches Land, aber mehrere arabische Länder empfinden dasselbe. Die Russen sind vielleicht nicht begeistert von einem nuklear bewaffneten Iran (…). Dennoch kann man annehmen, dass es die Israelis waren – angesichts der iranischen Haltungen seht für sie am meisten auf dem Spiel. (…)

Die moralische Frage ist meiner Meinung nach einfacher zu beantworten als die praktischen Schwierigkeiten zu lösen sind. Es stimmt, dass es problematisch ist, den Bürger eines Landes zu töten, demgegenüber es keine Kriegserklärung gibt. Aber Kriegserklärungen sind seit 1945 aus der Mode gekommen. Es hat viele Kriege gegeben, und nur in wenigen haben formelle Kriegserklärung eine Rolle gespielt. Dieses Merkmal des Völkerrechts ist also bedeutungslos geworden, was ich zwar schade finde, aber als Realität betrachte.

Wenn es Kriege gibt, kann ich nicht verstehen, warum es legitimer sein soll, Tausende von Menschen zu töten statt nur einen einzigen, bloß weil die Absicht dazu im Voraus formell erklärt wurde. Wenn das Töten eines Menschen den Tod Tausender Menschen verhindern könnte, dann ist das nicht nur moralisch, sondern eine moralische Notwendigkeit.

Wenn Israel also berechtigterweise die Vernichtung seiner Nation fürchtet, wenn der Iran Atomwaffen baut, dann hat es nur die Wahl zwischen einer stillen Einwilligung in die eigene Zerstörung, einem Präventivschlag gegen den Iran oder dem Tod einer für das Atomwaffenprogramm unverzichtbaren Person. Es gibt starke moralische Argumente, die gegen Krieg sprechen, aber im Laufe der Jahrtausende hat sich gezeigt, dass sie ohne Wirkung geblieben sind. Moralische Forderungen können Zeichen setzen, aber wenn sie beharrlich ignoriert werden, sind sie nicht imstande, das Handeln von Nationen anzuleiten. (…)

Es fällt mir schwer, das moralische Argument gegen eine gezielte Tötung oder den praktischen Zweck des Pazifismus zu verstehen. Aber ich kann verstehen, warum Attentate selten geschehen: Sie sind sehr schwierig auszuführen und haben potentielle Folgen, die schwindelerregend sein können. Aber wenn ein chirurgischer Schlag gegen eine Person die Sicherheit der Nation, die das Attentat verübt, erhöhen kann, scheint er mindestens so legitim zu sein wie eine Invasion. Nur selten erlauben es die Umstände, eine Person als entscheidend zu identifizieren und zu töten. Das Problem ist nicht moralischer, sondern praktischer Natur.

(Der Text „The Utility and Morality of Assassination“ ist auf Geopolitical Futures erschienen. Übersetzung von Florian Markl.)

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