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Gegen den »woken« Antisemitismus

Ein neunes Buch ergründet das Phänomen des »woken« Antisemitismus. (Quelle: Amazon)
Ein neunes Buch ergründet das Phänomen des »woken« Antisemitismus. (Quelle: Amazon)

In einem neuen Buch geht David L. Bernstein dem »woken« Antisemitismus auf den Grund, der in progressiven Kreisen vorherrschenden Form des Judenhasses.

Paul Schneider

Als der ehemalige sowjetische Dissident und spätere israelische Politiker Natan Sharansky vor Jahren an der amerikanischen Rutgers-Universität sprach, wurde er mit einer Torte im Gesicht begrüßt. Anstatt sich mit zionistischen Rednern auseinanderzusetzen, verbieten viele Hochschulgruppen ihnen heute einfach den Auftritt. So viel zu offenem Diskurs und freier Meinungsäußerung.

Jüdische Studenten, die einen anderen Ansatz verfolgen, wie zum Beispiel Mitglieder der Hillel-Foundation, der größten jüdischen Studentenorganisation der Welt, werden geächtet und schikaniert. Andere werden beschimpft, nur weil sie Juden sind, und es wird angenommen, dass sie als Juden kollektiv an den Sünden Israels teilhaben. Das alles geschieht im Namen einer »woken« Ideologie.

Wie die ehemalige Knesset-Abgeordnete der Arbeitspartei Einat Wilf schrieb, sind wir an einem Punkt angelangt, an dem »eine jüdische Studentin, die sich nicht als Verbündete der ›Studenten für Gerechtigkeit in Palästina‹ zu erkennen gibt, die nicht zustimmt, dass ›Zionismus gleich Rassismus‹ oder Zionismus eine Form der Apartheid, des Nationalsozialismus, der weißen Vorherrschaft oder eines anderen identifizierten Übels ist, nicht als gute Jüdin betrachtet werden kann«.

Die Anti Defamation League (ADL) berichtet, dass es auf amerikanischen College-Campus eine »radikale Aktivistenbewegung gibt, die die Ablehnung Israels und/oder des Zionismus zu einem Kernelement des Campus-Lebens oder zu einer Voraussetzung für die volle Akzeptanz in der Campus-Gemeinschaft macht«.

Das Ergebnis: »Jüdische Studenten, die öffentlich ihre Verbundenheit mit der Existenz Israels zum Ausdruck brachten, hatten es in vielen Bereichen auf dem Campus schwerer, akzeptiert zu werden, insbesondere in progressiven und linken Kreisen. Einige Studenten könnten sich gezwungen sehen, ihre Verbundenheit mit Israel zu verbergen, um in solchen Kreisen akzeptiert zu werden.«

Juden als »weiße Suprematisten«

Diese »woke« Verurteilung des Zionismus ist nicht auf die Universitäten beschränkt. Mehr und mehr ist sie der Preis für die Zulassung zu nicht-akademischen progressiven Kreisen, da amerikanische Linke eine »woke« Sicht auf den Nahen Osten einnehmen. Fragen Sie einfach Rashida Tlaib. Kürzlich erklärte sie, man könne nicht »progressive Werte vertreten … und dennoch Israels Apartheid-Regierung unterstützen«. (Beachten Sie, dass auf einer Landkarte, die in ihrem Kongressbüro an der Wand hängt, Israel nicht eingezeichnet ist. Oder fragen Sie die jungen Mitglieder von der besatzungskritischen Aktivistengruppe IfNotNow, für die Tlaib zu einer führenden Persönlichkeit geworden ist.

Wie Gerard Baker im Wall Street Journal schrieb, »reduziert die Verbindung der kritischen Rassentheorie und der Woke-Ideologie im kulturellen und politischen Establishment, wie ihre traditionelleren marxistischen Vorfahren, alle Spannungen in den menschlichen Beziehungen auf eine vereinfachende Erzählung von Unterdrücker und Opfer, nur diesmal nicht auf der Grundlage der Wirtschaft, sondern der Rasse.«

So gelingt es den Progressiven, die israelische Selbstverteidigung »als Teil eines großen globalen historischen Musters weißer suprematistischer Aggression« zu sehen. Wie Tlaib sagt, ist das alles dasselbe System der Unterdrückung, »von Gaza bis Detroit«.

»Woker« Antisemitismus

Wie kann ein Jude also gleichzeitig ein aufgeschlossener liberaler Zionist und politisch ein Progressiver sein? David L. Bernstein geht dieser Frage in seinem mutigen neuen Buch Woke Antisemitism: How a Progressive Ideology Harms Jews nach. Bernstein stützt sich auf drei Jahrzehnte Erfahrung als liberaler, linksgerichteter jüdischer Aktivist und zeigt, wie die »Woke«-Ideologie, die ursprünglich ein obskures akademisches Phänomen war, inzwischen viele unserer Mainstream-Institutionen beherrscht. Er schildert, wie sie diese Institutionen korrumpiert, die liberale zionistische Identität bedroht und den progressiven Antisemitismus gefördert hat.

Bernstein erzählt von seinen eigenen erfolglosen Bemühungen, sich gegen die erzwungenen Diversitätsschulungen zu wehren, an denen er während seiner Arbeit in progressiven Gruppen teilnehmen musste – Schulungen, die von ihm verlangten, starre Vorstellungen von kollektiver weißer Schuld zu akzeptieren. Außerdem wurde ihm gesagt, dass auch er unter angeborenem weißem Rassismus leide, obwohl er »der dunkelhäutige Sohn eines irakisch-jüdischen Einwanderers ist, der sich selbst nie als weiß gesehen hat«.

Gegen den »woken« Antisemitismus

Später stellte Bernstein fest, dass die Ideologie dieser Diversity-Trainings »in progressive politische Räume und multiethnische Koalitionen eingesickert war«. Wo führende Politiker früher von Chancen sprachen, sprachen sie jetzt von Unterdrückung. Schließlich sah Bernstein eine Verbindung zwischen der Ideologie der Vielfalt und dem wachsenden Antisemitismus, der auf der Weltkonferenz gegen Rassismus in Durban 2001 folgte. Von Durban aus verbreitete sich die postkolonialistische Ideologie auch in den USA. »Die amerikanische Linke wurde durbanisiert, und viele amerikanische Juden trugen in naiver Weise dazu bei, indem sie sich den Forderungen der woken Ideologen fügten.«

Heute, so Bernstein, verlangt die fortschrittliche Linke, »dass Juden sich als Weiße identifizieren, dann Sprüche gegen die weiße Vorherrschaft klopfen, ihre Komplizenschaft darin eingestehen und ihre kritischen Fähigkeiten und ihren kulturellen Charakter aufgeben, um nicht gecancelt oder getrollt zu werden, oder andere Demütigungen zu erleiden, die Andersdenkende treffen, die nicht der woken Ideologie folgen. Einige progressive Kreise fordern Juden auf, ihren Zionismus und ihre Unterstützung für Israel aufzugeben.« Jeder, der Israel unterstützt, wird zum Mitschuldigen an der Unterdrückung der Palästinenser erklärt.

Im Grunde genommen sagen die »Woke Progressives« den meisten amerikanischen Juden, dass ein zentraler Teil ihrer Identität inakzeptabel ist. Das ist kein Eintreten für Menschenrechte. Das ist Antisemitismus. Und das Traurigste daran ist, dass einige Juden dabei mitmachen.

Als Reaktion auf all dies gründete Bernstein im Jahr 2021 das Jewish Institute for Liberal Values (JILV), eine gemeinnützige Organisation, die sich der Unterstützung liberaler Prinzipien des freien Denkens und der freien Meinungsäußerung, der Förderung der Meinungsvielfalt, der Bekämpfung der oktroyierten »Woke«-Ideologie in der jüdischen Gemeinschaft und der Hervorhebung und Bekämpfung der neuartigen, aber unverkennbaren Formen des Antisemitismus widmet, die von der »Woke«-Ideologie ausgehen.

Er hat sich einer echten Herausforderung gestellt. Einige Leute, mit denen er gesprochen hat, sagten, ihn unterstützen zu wollen, erklärten aber zugleich, »dass ihre Arbeit oder ihre soziale Situation keine intellektuelle Ehrlichkeit zulassen«. Das unterstreicht natürlich das Mobbing und die Intoleranz, die mit der »Woke«-Ideologie einhergehen. Die »zentrale Aufgabe besteht also darin, diese Gläubigen des offenen Diskurses aus ihren Verstecken zu holen«. Bernstein schlug mehrere Möglichkeiten vor, dies umzusetzen.

In einem Schreiben zu diesen Themen fragte der Direktor der Anti Defamation League, Jonathan Greenblatt: »Was bedeutet es, wenn der Lackmustest für die Aufnahme in Räume, in denen das Streben nach sozialer Gerechtigkeit im Zentrum steht, von Juden verlangt, dass sie die Existenz des einzigen jüdischen Staates der Welt ablehnen?«

Nun, es bedeutet, dass liberale Zionisten diese Räume zurückerobern müssen, indem sie die »woken« Fanatiker anprangern und dann zu Fürsprechern des freien Denkens, der Redefreiheit und des Respekts für die Meinung anderer werden. Die Lektüre von Bernsteins Buch wäre ein guter Anfang.

(Paul Schneider ist Rechtsanwalt, Autor und Mitglied des Vorstands des American Jewish International Relations Institute (AJIRI), einer Tochtergesellschaft von B’nai B’rith International. Der Artikel ist auf Englisch beim Jewish News Syndicate veröffentlicht worden. Übersetzung von Florian Markl.)

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