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Gedenken ohne Gedächtnis

Man schmückt sich gern öffentlichkeitswirksam mit Slogans, wirklich substanziell ist das Gedenken aber nicht
Man schmückt sich gern öffentlichkeitswirksam mit Slogans, wirklich substanziell ist das Gedenken aber nicht(© Imago Images / epd)

Im Jahr 2026 scheint man alles über Juden und Israel sagen zu können, was man denkt, und ist noch stolz darauf, endlich die vermeintliche »Wahrheit« auszusprechen.

Jedes Jahr am 27. Januar bewege ich mich als Journalistin mit antisemitismuskritischem Fokus angespannt, fast knirschend durch Nachrichten und Netz. Man scrollt durch die Portale, hält kurz den Atem an und fragt sich: Wer entgleist diesmal, wer greift daneben, wer wird es wieder »nicht so gemeint« haben wollen, wer hält eine Rede? Welche Sätze werden fallen, welche Bilder werden kursieren, welche Relativierungen werden sich einschleichen? Spätestens seit der diskursiven Entgleisung nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 ist das Erinnerungsritual unerquicklich vertraut. Und 2026 wirkt es leerer denn je.

Am 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag, halten Deutschland und Österreich offiziell inne. Politiker und Prominente verneigen sich, Kränze werden niedergelegt, Kerzen brennen, Hashtags flackern auf. Und trotzdem erzählen die Tage eine andere Geschichte. Eine von Abstumpfung, von Verschiebung, von einem Gedächtnis, das zwar noch verwaltet, aber kaum noch verteidigt wird.

Ausgerechnet am Gedenktag wird eine Revival-Sendung Stefan Raabs, der offenbar auf den populären »Dschungelcamp«-Zug aufspringen will, ausgestrahlt, in der ein Spiel mit dem Titel »Geld oder Gil« läuft. Gil, das ist Gil Ofarim, jener Musiker, der nach falschen Antisemitismusvorwürfen selbst zur Projektionsfläche einer Debatte wurde. Gespielt wird mit der Figur des »jüdischen Betrügers«, ergänzt durch ein eingespieltes Video, in dem von einem angeblichen »Betrüger-Gen« die Rede ist, das Ofarim von seinem »Onkel Samuel« geerbt habe.

Eine Figur, vollständig erfunden von den Machern der »Stefan Raab Show«. Dass Juden als betrügerisch, geldfixiert oder genetisch disponiert imaginiert werden, gehört jedoch zum festen Inventar antisemitischer Zuschreibungen. Im Hintergrund der Szene tanzen fröhlich orthodoxe Juden als folkloristische Staffage eines alten Ressentiments. Man könnte dies als Symptom kultureller Erosion lesen, nicht nur geschmacklos, sondern geschichtsvergessen. Es ist Antisemitismus in der Form von Unterhaltung. Oder, um Ayala Goldmann in der Jüdischen Allgemeinen zu zitieren: »Antisemitismus am Holocaust-Gedenktag im deutschen Fernsehen ist normal. Und sogar lustig.«

Mittlerweile hat RTL den »Betrüger-Gen«-Clip über Gil Ofarim gelöscht und erklärt den Schritt mit dem Hinweis, der Sender weise »jede Form von Antisemitismus entschieden« zurück. Zugleich räumt man ein, der Einspieler habe »zu Missverständnissen führen können«. Vor diesem Hintergrund nehme man den Beitrag offline und wolle künftige Inhalte sensibler daraufhin überprüfen, »welche Deutungen sie ermöglichen«. Das Problem liegt also weniger im Gezeigten als in möglichen Missverständnissen beim Publikum. Das »Geld oder Gil«-Spiel gibt es übrigens noch immer in jeder Sendung.

Rechts und links

Am 25. Januar 2026 lud die Thüringer AfD-Fraktion den Rechtsextremisten Martin Sellner in den Landtag ein. Jenen Österreicher, der den Begriff der »Remigration« zum Euphemismus für Deportation umgearbeitet hat und das Holocaust-Gedenken als »zivilreligiösen Sektenkult« verhöhnt. Diese Einladung diente keinem anderen Zweck als der Provokation. Zugleich markiert sie, wie eng der ideologische Austausch zwischen deutschem und österreichischem Rechtsextremismus inzwischen geworden ist. Die AfD, eine Partei, die seit Jahren Geschichtsrevisionismus betreibt und sich wiederholt gegen das Verlegen neuer Stolpersteine positioniert, demonstriert damit erneut, wie wenig belastbar ihre ritualisierten Beteuerungen gegen Antisemitismus sind.

Doch die geistige Verharmlosung kommt längst nicht nur von rechts außen. Oskar Lafontaine, inzwischen freischwebend im BSW-Kosmos, erklärte einen Tag vor dem Gedenktag in den sozialen Medien, »Russenhass sei ebenso verwerflich wie Antisemitismus«. Lafontaine wies die Kritik des saarländischen Antisemitismusbeauftragten Roland Rixecker prompt zurück, der die Gleichsetzung der Kritik an der verbrecherischen russischen Regierung mit der Shoah als »völlig inakzeptabel« und »beschämend« bezeichnete. Nicht zuletzt mit Blick auf den Holocaust-Gedenktag.

Gleichzeitig wurden in Dresden am Gedenktag selbst Plakate beschmiert, die zum Internationalen Gedenktag der Opfer des Holocausts aufgehängt wurden. So waren Schriftzüge wie »Tod Israel« und »FCK Zios« zu lesen.

In Österreich wiederum sorgte die Wahl von Renata Schmidtkunz als Moderatorin der Holocaust-Gedenkfeier im Parlament für Irritation. Die Initiative »Solidarität Israel« wirft ihr vor, seit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 in sozialen Medien Narrative zu bedienen, die antisemitische Vergleiche nahelegen wie etwa durch die Gleichsetzung des Gazastreifens mit Konzentrationslagern.

Als Schmidtkunz noch ihre Interviewsendung im ORF-Radio hatte, freute sie sich sehr darüber, die ausgewiesene Israelhasserin Francesca Albanese – »Global Anti-Semitism’s Leading Lady« (©Commentary Magazine) – zum Plausch unter Gesinnungsfreundinnen begrüßen zu dürfen. Man kann sich fragen, nach welchen Kriterien ausgerechnet eine Person wie Schmidtkunz für ausgerechnet diese Veranstaltung an ausgerechnet diesem Tag ausgewählt wurde. Und ob es in einem Land wie Österreich tatsächlich keine anderen Moderatorinnen oder Moderatoren gibt, deren öffentliche Positionierungen weniger erklärungsbedürftig sind.

Erodierendes Gedächtnis

Deutschland gilt als Gedenkweltmeister, Österreich als gedenkpolitischer Nachzügler, der sich irgendwann selbst überholt glaubt. Doch was nützen Gedenkveranstaltungen und Mahnmale, wenn das Gedächtnis erodiert? Seit dem 7. Oktober 2023 demonstrieren Hunderttausende gegen Israel. Was in manchen Diskursen inzwischen als normal gilt, hätte vor wenigen Jahren noch als unhaltbar gegolten.

Noch vor wenigen Jahren gab es Konsens hinsichtlich des Umgangs mit antisemitischen Dogwhistles; heute – im Jahr 2026 – scheint man alles sagen zu können, was man denkt, und ist noch stolz darauf, endlich die vermeintliche »Wahrheit« auszusprechen. Der israelbezogene Antisemitismus wirkt dabei wie ein Katalysator. Er übersetzt den alten Hass in die Gegenwart, tarnt ihn als Menschenrechtsrhetorik und moralische Pose. Sobald die Entwertung jüdischen Lebens als legitime Meinung durchgeht, normalisiert sich auch der offene Antisemitismus.

In diesem Klima wird aus dem Gedenken eine Pflichtübung, die kaum noch irritiert, während antisemitische Stereotype im Gewand von Satire, Medienkritik oder vermeintlicher Israelkritik wieder voll gesellschaftsfähig sind. Das Ergebnis ist eine Entleerung des Gedenkens selbst.

So befeuert der israelbezogene Antisemitismus nicht nur aktuelle Feindbilder, sondern untergräbt rückwirkend auch das historische Bewusstsein. Er verschiebt die moralische Blickrichtung, relativiert Schuld und macht Antisemitismus anschlussfähig für ein Publikum, das sich sowohl für aufgeklärt als auch erinnerungskulturell gefestigt hält. Gerade darin liegt seine besondere Gefährlichkeit. Er lässt das Gedenken verblassen, indem er es formal respektiert, aber inhaltlich entwertet. Man muss das benennen: Israelbezogener Antisemitismus ist Judenhass, nicht trotz, sondern gerade wegen seiner zeitgemäßen Verpackung.

Das ist ein Auszug aus dem jüngsten Mena-Watch-Newsletter vom 4. Februar. Wenn Sie unseren Newsletter künftig immer schon am Mittwochnachmittag erhalten wollen, melden Sie sich hier an.

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