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Gebet statt Planung: Krisenlösung im Iran

Krisenbewältigung nach dem Geschmack der Islamischen Republik Iran: Freitagsgebet in Teheran. (© imago images/UPI Photo)
Krisenbewältigung nach dem Geschmack der Islamischen Republik Iran: Freitagsgebet in Teheran. (© imago images/UPI Photo)

Egal, ob Wasserknappheit, Strommangel oder Inflation, um vom eigenen Versagen abzulenken, fordert die iranische Führung Gebete und Reue.

In den letzten Wochen griff einer der hochrangigen religiösen Führer der Islamischen Republik erneut zu einer altbekannten Lösung für eines der drängendsten Probleme des Landes, die Wasserknappheit. Haj Ali Akbari, der Freitagsgebetsführer in Teheran, erklärte selbstbewusst, die Menschen sollten um Regen beten und Salat al-Istisqa (Regengebete) verrichten, als ob dies ein Ersatz für wissenschaftliche Planung und verantwortungsvolle Wasserwirtschaft wäre. Akbari beschrieb die Knappheit nicht als Ergebnis jahrzehntelanger Misswirtschaft und Korruption, sondern als Folge der »spirituellen Unzulänglichkeiten« des Volks, die nur durch Reue und die Bitte um Vergebung behoben werden könnten.

Für jeden, der im 21. Jahrhundert lebt, rufen solche Aussagen Bilder von unverantwortlichem Verhalten und religiöser Verblendung hervor, die an Zeiten erinnern, in denen Herrscher ihr Volk aufforderten, für ein Ende der Dürre zu beten. Aber im heutigen Iran ist dies kein Relikt der Geschichte, sondern Teil der aktuellen Politik. Die Botschaft der Mullahs ist klar: Die Wasserknappheit ist nicht ihre Schuld, sondern eine »göttliche Prüfung«, die mit Gebeten gelöst werden kann.

Ablenkungsmanöver

Dieser Ansatz dient zwei Zwecken: Erstens werden die wahren Schuldigen aus der Verantwortung genommen und diese auf die Bürger abgewälzt. Zweitens wird eine rein irdische und lösbare Krise in ein übernatürliches Phänomen verwandelt, das sich der Kontrolle des Menschen entzieht. Seit über vier Jahrzehnten betreiben die herrschenden Geistlichen im Iran dieses Spiel. Anstatt ihr Versagen bei der Ressourcenverwaltung, beim Bau schlecht konzipierter Staudämme, bei der Zerstörung von Feuchtgebieten und bei der Anlegung moderner Bewässerungssysteme einzugestehen, fordern sie die Menschen zum Beten auf.

Manchmal gehen sie sogar noch weiter und behaupten, die geringeren Niederschläge seien das Werk von »Feinden«, die mit seltsamen Technologien die Wolken stehlen würden. Die dunklere Seite dieser Taktik ist noch zynischer: Bevor sie zum Gebet aufrufen, überprüfen sie manchmal die Wettervorhersagen – sogar aus israelischen oder westlichen Quellen. Wird Regen vorhergesagt, rufen sie ein oder zwei Tage vorher zu Regengebeten auf. Tritt der Regen dann ein, erklären sie dies zu einer »Antwort des Himmels auf die Bitten des Volks«. Das ist nichts anderes als die Manipulation des Glaubens der einen und die Beleidigung der Intelligenz der anderen.

Solche Spektakel fördern eine Kultur der Passivität und lassen die Menschen glauben, die Lösung von Krisen liege nicht in der Wissenschaft und im kollektivem Handeln, sondern in Kapitulation und Gebeten. Währenddessen investieren die Regierungen der Golfstaaten, also Länder mit ähnlichem Klima, Milliarden von Dollar in moderne Entsalzungsanlagen, Bewässerungssysteme und Wasserrecycling.

Lösung für Krisen aller Art

In Europa und Nordamerika geht niemand auf die Straße, um für Regen zu beten; effiziente Wassernetze versorgen die Landwirtschaft und jeden Haushalt. Im Iran beschränkt sich das Modell »Beten statt Planen« freilich nicht nur auf Wasser. Ein Zusammenbruch der Landeswährung? – Geduld und Gebete. Weitreichende Stromausfälle? – Gebete und Sparmaßnahmen wie Verschiebung von Arbeitszeiten und erzwungene Produktionskürzungen in der Industrie. Steigende Inflation? – Gebete und Ausdauer.

In dieser Weltanschauung sind Probleme göttliche Prüfungen, und ihre Lösung liegt nicht in politischen Veränderungen oder dem Eingreifen von Experten, sondern in einer »Veränderung der Herzen«.

Diese Interpretation erfordert keine Transparenz, Fachwissen oder Rechenschaftspflicht; alles ist mit dem göttlichen Willen verbunden. Dieses Denken ist seit dem ersten Tag in die Struktur der Islamischen Republik Iran eingebaut gewesen. In einem solchen System tragen in Krisenzeiten nicht die Führer, sondern das Volk die Schuld, weil es nicht genügend »Glauben« hat. Doch der Widerspruch ist offensichtlich: Wenn diese Führer wirklich mit dem Himmel verbunden sind, warum bitten sie dann nicht selbst Gott um Regen? Und wenn die göttliche Gnade nur den »Gläubigen« vorbehalten ist, warum genießen dann säkulare Länder mit ihrem Nachtleben, ihrer Musik und ihrem Alkohol reichlich Regen und Schnee, während der Iran unter Dürre leidet?

Es ist fast ironisch, dass Saudi-Arabien, das vom Iran wegen seiner sozialen Reformen und der Trennung von Klerikern und staatlicher Politik oft als moralisch korrupt bezeichnet wird, in diesem Jahr beispiellose Regenfälle erlebt hat, und zwar ohne seine Bürger zur Buße aufzufordern, um Wasser beten zu lassen oder die laxeren Kleidungsvorlieben der Frauen dafür verantwortlich zu machen.

Sarkasmus als letztes Mittel

Die Erfahrungen des Irans sind eine Warnung davor, wie eine Regierung religiöse Überzeugungen ausnutzen kann, um ihr Überleben selbst in Krisenzeiten zu sichern. Wenn Führer Probleme als »göttliche Prüfungen« darstellen, wird jede Kritik an ihrer Inkompetenz als Mangel an Glauben dargestellt. Aber diese Taktik hat ihre Grenzen, sodass sich heute sogar ein Teil der traditionell religiösen Gesellschaft spöttisch fragt: »Wenn Gebete wirken, wofür sollen wir dann beten, damit ihr geht?« Solcher Sarkasmus mag helfen, die Frustration der Bevölkerung abzubauen, aber Witze allein lösen weder die Wasser-, Strom- oder Wirtschaftskrise.

Der Iran braucht echte Veränderungen: Investitionen in nachhaltige Infrastruktur, wissenschaftliche Ressourcenverwaltung, Transparenz und die Beschäftigung kompetenter Fachkräfte. Die Frage ist nicht, ob Menschen – oder sogar Führer – persönlich beten, sondern wann Gebete an die Stelle von Planung treten und zu einem Mittel werden, um sich der Verantwortung zu entziehen. Die Frage ist heute nicht, ob Gebete Regen bringen können. Die eigentliche Frage lautet: Wie lange kann ein Land mit Predigten statt Strategien und klugem Management überleben?

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