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Der Gaza-Krieg und die Aufgabe der Medien

Wenn Medien eine Agenda vertreten, schaden sie sich selbst. (© imago images/Wolfilser)
Wenn Medien eine Agenda vertreten, schaden sie sich selbst. (© imago images/Wolfilser)

Medien sollen über die Realität berichten, wie sie ist. Wenn sie stattdessen eine Agenda vertreten, verlieren sie das Vertrauen der Leser.

Eric R. Mandel

Seit dem 7. Oktober 2023 führt Israel nicht nur einen brutalen Krieg gegen die Hamas, sondern auch einen zweiten, weniger sichtbaren Kampf um die öffentliche Meinung. Die Berichterstattung der Mainstream-Medien über den Gazastreifen hat die Grenze zwischen Journalismus und Aktivismus zunehmend verwischt, indem sie den Kontext zugunsten von Empörung opferte und Fakten ausließ, die das bevorzugte Narrativ erschweren.

Ein weit verbreitetes Foto eines unterernährten Kindes, das als Beweis für eine »Hungertaktik« Israels herangezogen wurde, stellte sich als Bild eines Kindes mit einer seltenen genetischen Erkrankung heraus. Als diese Tatsache bekannt wurde, hatte die emotionale Wirkung bereits die öffentliche Wahrnehmung geprägt. Währenddessen verbreitet das von der Hamas geführte Gesundheitsministerium weiterhin unbestätigte Opferzahlen, die oft auch militante Kämpfer und natürliche Todesfälle einschließen, ohne dass die Medien diese näher hinterfragen.

Nehmen wir zum Beispiel die allgegenwärtigen Schlagzeilen, in denen Israel vorgeworfen wird, eine humanitäre Katastrophe herbeigeführt zu haben. In diesen Berichten wird oft eine entscheidende Tatsache verschwiegen: Die Hamas plündert systematisch Hilfskonvois und Lebensmittellager und leitet die Vorräte an ihre Kämpfer weiter oder verkauft sie auf dem Schwarzmarkt, um ihre Operationen zu finanzieren.

Keine Beweise?

Ein Artikel der New York Times vom 27. Juli behauptete unter Berufung auf ungenannte israelische Militärs, es gebe »keine Beweise« dafür, dass die Hamas humanitäre Hilfsgüter der Vereinten Nationen gestohlen habe. Der israelische Botschafter in den Vereinigten Staaten, Yechiel Leiter, hatte jedoch öffentlich erklärt, dass die Hamas 70 bis 90 Prozent der Lieferungen abzweigt.

Nach Schätzungen des israelischen Militärgeheimdienstes hat die Hamas bis zu 25 Prozent der Hilfslieferungen beschlagnahmt. Ein hochrangiger Beamter des US-Außenministeriums beschrieb kürzlich »endlose Videoaufnahmen« von Hilfsgüterdiebstählen durch die Hamas, die auf mehreren Plattformen weit verbreitet sind.

Wenn Journalisten trotz überwältigender Belege dafür, dass die Hamas Hilfsgüterlastwagen beschlagnahmt und deren Inhalt auf Märkten im Gazastreifen weiterverkauft, mit Bestimmtheit behaupten, es gebe »keinerlei Beweise«, ist das keine ausgewogene Berichterstattung, sondern eine durch Narrative gesteuerte Verschleierung.

Berichte der katarischen Zeitung Al-Araby Al-Jadeed bestätigen, dass am 27. Juli, dem ersten Tag der humanitären Waffenruhe Israels, über die Hälfte der 130 ägyptischen Hilfsgüterlastwagen, die in den Gazastreifen einfuhren, geplündert und viele davon auf lokalen Märkten weiterverkauft wurde.

Dies steht in direktem Widerspruch zu Berichten der New York Times und der US-Agentur für internationale Entwicklung, die Beweise für Hilfsgüterschwindel dementieren. Der ehemalige US-Gesandte David Satterfield hat ebenfalls gewarnt, dass die Verteilung von Hilfsgütern durch Gruppen wie den Palästinensischen Roten Halbmond nicht transparent ist und leicht von der Hamas oder kriminellen Banden abgezweigt werden kann.

Kämpfer für »soziale Gerechtigkeit«

Ein tieferliegendes Problem ist die Abkehr des Journalismus von seinen eigenen Standards. Seit zwei Generationen legen Journalismus- und Sozialwissenschaftsfakultäten zunehmend mehr Wert auf Ideologie als auf Objektivität. Theodore Glasser, emeritierter Professor für Kommunikationswissenschaften an der Stanford University, drückte es so aus: »Journalisten müssen sich offen und ehrlich für soziale Gerechtigkeit einsetzen, und das ist unter den Zwängen der Objektivität schwieriger zu erreichen.«

Diese Denkweise dominiert heute viele Redaktionen. Das Ergebnis? – Die Berichterstattung sucht oft emotionale Resonanz auf Kosten analytischer Genauigkeit.

Journalismus-Studenten werden heutzutage dazu ermutigt, »Agenten des Wandels« anstatt unparteiische Beobachter zu werden. Der Kolumnist der New York Times, Nicholas Kristof, hat offen erklärt, sein Ziel sei es nicht nur, zu informieren, sondern »Menschen zu helfen und zum Handeln anzuregen«. Diese Haltung hat sich weit über die Meinungsseiten hinaus bis in die Berichterstattung über harte Nachrichten ausgebreitet.

Tritt Aktivismus an die Stelle der Unparteilichkeit, wird die Wahrheit verhandelbar. Die Berichterstattung der Medien über Israel ist zum Paradebeispiel für diesen Wandel geworden.

Seit Beginn des Konflikts wird Israel als rücksichtslos und unverhältnismäßig dargestellt. Große Medien wie die New York Times bringen regelmäßig Bilder der Zerstörung im Gazastreifen, während wichtige Hintergründe wie der Einsatz von menschlichen Schutzschilden durch die Hamas oder ihr ausgedehntes Tunnelnetz unter Schulen und Krankenhäusern oft tief in den Artikeln vergraben sind, so sie überhaupt erwähnt werden.

Die BBC hat wiederholt die Behauptungen der Hamas ungeprüft wiedergegeben. Ein eklatanter Fall war die Meldung, Israel habe das Al-Ahli-Arab-Krankenhaus bombardiert und dabei Hunderte Menschen getötet. Erst Tage später, nachdem israelische und amerikanische Geheimdienste auf eine fehlgeleitete palästinensische Rakete hingewiesen hatten, korrigierte die sie stillschweigend ihre Meldung. Doch da hatte sich die falsche Darstellung bereits weltweit verbreitet.

Immer wieder Israel

Dieses Muster der Verzerrung ist nicht neu. In den 1990er Jahren veröffentlichte eine große amerikanische Zeitung ein Foto eines israelischen Soldaten in einem Panzer, der scheinbar auf palästinensische Schulmädchen zielte. Das Foto war echt, aber irreführend; der Fotojournalist hatte sich so positioniert, dass ein falscher Eindruck entstand. Solche manipulativen Bildkompositionen gibt es auch heute noch, wenn virale Bilder und Videos ohne jeglichen Kontext oder Überprüfung verbreitet werden.

Jüngere Zuschauer verlassen sich heute zunehmend auf Social-Media-Plattformen wie TikTok und Instagram, um sich zu informieren. Diese Formate belohnen Emotionen statt Fakten, Spektakel statt Substanz. Ein fünfzehn Sekunden lang dauerndes Video, das Zivilisten im Gazastreifen zeigt, kann Millionen von Aufrufen erzielen, während die absichtliche Einbettung der Hamas unter Zivilisten oder die Anstrengungen Israels, Kollateralschäden zu vermeiden, unerwähnt bleiben.

Eine Gallup-Umfrage aus dem Jahr 2023 ergab, dass nur 32 Prozent der Amerikaner den Medien vertrauen, umfassend und fair zu berichten – ein Rekordtief. Das ist keine Anomalie. Es spiegelt das wachsende Bewusstsein der Öffentlichkeit wider, dass die Nachrichtenmedien ihre Kernverpflichtungen zu Genauigkeit, Skepsis und Ausgewogenheit aufgegeben haben.

Israel ist zum auffälligsten Opfer dieses Niedergangs geworden, dargestellt als Völkermörder, seines Rechts auf Selbstverteidigung beraubt und nach moralischen Maßstäben beurteilt, die auf keine andere Demokratie angewendet werden, die sich im Krieg mit einer sich hinter der Zivilbevölkerung verschanzten terroristischen Organisation befindet.

Journalistische Standards

Die Aufgabe des Journalismus ist es, die Mächtigen zur Rechenschaft zu ziehen, aber nicht durch moralische Beeinflussung Macht auszuüben. Er muss über die Welt so berichten, wie sie ist und nicht so, wie Aktivisten sie gerne hätten. Der Krieg Israels gegen die Hamas ist mehr als ein regionaler Konflikt; er ist ein Testfall dafür, ob die Medien noch in der Lage sind, Fakten in ihrem vollständigen Kontext zu vermitteln, auch wenn diese Fakten der öffentlichen Meinung zuwiderlaufen.

Wenn der Journalismus ein Eckpfeiler der Demokratie bleiben soll, muss er zu seinen Grundprinzipien zurückkehren: verifizieren, kontextualisieren, informieren – nicht aber verzerren, auslassen oder manipulieren.

(Der Artikel ist auf Englisch vom Jewish News Syndicate veröffentlicht worden. Eric R. Mandel ist Direktor von MEPIN, dem Middle East Political Information Network. Übersetzung von Florian Markl.)

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