Neuauflage eines Propagandapektakels: Wieder einmal schippert eine Flottille Richtung Gaza. Diesmal ohne Greta, aber mit Greenpeace.
Seit nun knapp einem Jahr bin ich bei Mena‑Watch, und in dieser Zeit hat sich ein eigenes journalistisches Subgenre herausgebildet: die Gaza‑Flottillen-Berichterstattung. Es handelt sich um eine fortlaufende Serie, bei der jede Staffel zwar mit leicht variiertem Cast, aber einer stabilen, erwartbaren und ohne große Neuerungen auskommenden Dramaturgie aufwartet.
Die aktuelle Staffel der »Global Sumud Flottilla« – ich habe irgendwann zu zählen aufgehört, die wievielte es ist – fügte sich schon vor ihrem Ablegen erstaunlich nahtlos in das vorgegebene Format ein. Man könnte sie als eine Art boulevardeske Parallelrealität auf hoher See beschreiben, zwischen politischem Anspruch und der medialen Inszenierung einer symbolischen Solidarität.
Diesmal sind es also mehrere Dutzend Boote, »über sechzig« (je nachdem, wen man fragt), die gestartet sind. Unter anderem aus Barcelona und ein wenig später aus der sizilianischen Hafenstadt Syrakus. Das erklärte Ziel ist nichts Geringeres als »die größte humanitäre Mission, die jemals versucht hat, die Blockade des Gazastreifens zu durchbrechen«. Und, so die gewohnte Erzählung, auch dieses Mal sollen Hilfsgüter nach Gaza gebracht werden und dort bereits in den ersten Maiwochen ankommen.
Von wegen Hilfslieferungen
Wobei das mit den Hilfsgütern schon seit Staffel 1 ein schwacher Punkt im Drehbuch ist. Die physische Realität von Segelbooten und kleinen Schiffen ist bekanntlich begrenzt. Wer schon einmal auf einem war, weiß, dass dort vor allem eines knapp ist: der Platz. Für nennenswerte Mengen an Hilfsgütern ist das eher weniger geeignet, zumal, wenn ein Großteil des begrenzten Raumes an Bord von Aktivisten und deren Proviant blockiert wird. Hunger spielt im Skript natürlich eine Rolle, aber nur in der propagandistischen Anprangerung israelischer Untaten und nicht bei der Ernährungslage auf der Reise durchs Mittelmeer.
Dass der offensichtliche Widerspruch zwischen dem Getöse über Hilfslieferungen und den tatsächlich mitgeführten Bootsladungen der Glaubwürdigkeit des ganzen Unterfangens schadete, dürfte auch den Organisatoren der Flottille gedämmert sein. Und sie haben sich etwas einfallen lassen: Neben dem symbolisch aufgeladenen Seeweg soll diesmal auch ein Landkonvoi über den Grenzübergang Rafah rollen. Die Inszenierung wird gewissermaßen verdoppelt: Der symbolischen maritimen Geste des Blockadebrechens wurde also eine terrestrische Hilfskomponente zur Seite gestellt.
Ob das die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass wenigstens ein paar Hilfsgüter wirklich im Gazastreifen ankommen, oder ob damit nur die Zahl der Propagandabilder zunimmt, wird sich zeigen. Zum Teil schmerzhaften Erfahrungen von Möchtegern-Blockadebrechern mit ägyptischen – nicht israelischen! – Sicherheitskräften verheißen allerdings nichts Gutes.
Neu im Ensemble: Greenpeace
An Bord der Boote am Mittelmeer sind wieder einmal Aktivisten aus aller Welt vertreten, mehrere hundert bis tausend Teilnehmende sollen es sein (wieder je nachdem, wen man fragt). Darunter befinden sich selbstverständlich wieder einige der üblichen Verdächtigen aus dem internationalen Aktivismus-Zirkus. Aber auch beim Casting wurde nachgelegt: Dass sich sogar Greenpeace der Flottille anschließt, mag wie ein überraschendes Novum wirken. Aber wenn die Flottille ohnehin schon ein monumentales moralisches Gesamtkunstwerk ist, warum dann nicht auch noch Umweltaktivismus integrieren?
Das hat ja schon bei Greta Thunberg prima funktioniert, die problemlos von Klimaschutz auf Klimaschutz plus Israelhass umgesattelt hat. Und ob Spenden nun wegen rührseliger Geschichten über Eisbären oder wegen von Israel angeblich verantwortetem Palästinenserleid fließen, macht am Greenpeace-Konto letztlich keinen Unterschied. So ist die Flottille 2026 also zum Crossover-Format geworden.
Streit
Einen Skandal gab es bereits kurz nach dem Auslaufen der ersten Boote am 12. April in Barcelona. Die palästinensische Gruppe »Heart of Falastin« erhob schwere Vorwürfe, weil ein hochrangiges Mitglied der Flottille dem Kürzel »B. L.«, Teil des Lenkungsausschusses, an Bord intime Beziehungen zu gleich mehreren Aktivistinnen gleichzeitig unterhalten haben soll.
Eine Untersuchung der Zeitung The Jerusalem Post ergab, dass es sich bei dem Beschuldigten um den brasilianischen Aktivisten Thiago Avila handelt, der bereits Teil des Flottillen-Casts im Jahr 2025 war. In einem Statement von »Heart of Falastine« hieß es dazu sinngemäß: Jeder könne privat tun, was er wolle, aber nicht unter diesen Umständen – weder auf einem Schiff, das sich als Teil einer moralisch aufgeladenen Mission versteht, noch auf dem Weg in ein Kriegsgebiet.
Und auch die Spannungen am Vorabend der Abfahrt waren hoch. Viele der in Syrakus wartenden Bootsinsassen waren sichtlich enttäuscht von den Äußerungen der UN-Sonderberichterstatterin und weltbekannten Antisemitin Francesca Albanese in Brüssel. »Die Flottille braucht Disziplin, Koordination und Führung«, hatte sie gesagt. Das wurde von Teilen der Bewegung als beinahe technokratische Herabsetzung einer doch eigentlich moralisch aufgeladenen Mission verstanden.
Zugleich, so heißt es, verlaufen innerhalb der Flottille selbst Debattenlinien, die man fast schon klassisch nennen könnte. Da scheint es diejenigen zu geben, die auf die Dringlichkeit der Aktion pochen. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die, wie Greta Thunberg, angesichts der jüngsten kriegerischen Eskalationen in der Region für ein Innehalten, sogar für eine Verschiebung plädiert hätten. Der moralische Kitt erweist sich dann doch als nicht stark genug, um jeden Dissens zu überwinden.
Flottille als »schwimmendes Narrativ«
Am Ende bleibt das vertraute Bild der Flottille als schwimmendes Narrativ. Viele Boote, einige Kameras, mit Absichten, die irgendwo zwischen moralischem Anspruch und performativer Geste hin- und herpendeln. Auch die 2026er-Staffel der »Global Sumud Flotilla« dürfte weniger als humanitäre Hilfsmission in Erinnerung bleiben denn als ein Content-getriebenes Medienspektakel: Insta-Videos statt Routenplan, Selfies statt humanitärer Hilfe. Ohne Greta Thunberg und Yasemin Acar, aber doch mit einigen bekannten Gesichtern – und zumindest in Teilen von der Hamas finanziert.
Eine Expedition, die nicht in erster Linie auf dem Wasser unterwegs ist, sondern vor allem im eigenen Narrativ – und sich ihren inoffiziellen Titel als »Lefty Love Boat« unfreiwillig selbst verliehen hat. Ich kann Ihnen das Einschalten zwar nicht guten Gewissens empfehlen, gebe aber zu, dass es bei diesem Aufgebot schwerfällt, einfach wegzusehen.






