Eine Sportstätte für Jugendliche im Westjordanland wird zum medialen Schauplatz, auf dem Baurecht und emotionale Berichterstattung aufeinandertreffen. Ein Blick auf die Fakten hinter den Kulissen.
Es ist ein Bild, das sich fast von selbst verkauft: Traurige, erholungsbedürftige Kinder vor einer grauen Betonmauer, ein staubiger Fußballplatz und die »böse« israelische Verwaltung, die mit dem einsatzbereiten Abrissbagger droht. Sophie von der Tann lieferte jüngst in der ARD genau dieses Narrativ. Das Spielfeld der Aida Football Academy diente als Bühne für eine Inszenierung, bei der palästinensische Jugendliche – unter ihnen Mädchen wie die fußballbegeisterte Maryam Amireh – vor die Kamera geholt wurden, um ihre verständliche Enttäuschung kundzutun.
Der Bericht war kein Alleingang des deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunks. TV-Sender wie Al Jazeera aus Katar und CNN aus den USA bliesen ebenfalls zum medialen Anstoß, um das Narrativ der Unterdrückung global ins Feld zu führen. Die britische BBC flankierte die Kampagne mit der reißerischen Schlagzeile: »Palästinensischer Kinderfußballplatz steht vor israelischem Abriss-Ultimatum.« Zugleich ließ man die zehnjährige Naya appellieren: »Wir bauen hier unsere Träume auf. Wenn sie unseren Platz zerstören, zerstören sie unsere Träume.« Die Botschaft zwischen den Zeilen: Israel als Spielverderber, der selbst den Kleinsten keinen Raum zum Atmen lässt.
Hintergründe der Kampagne
Um eine journalistische Einordnung jenseits des gesendeten Pathos zu gewährleisten, hilft ein Blick auf die konkreten Gegebenheiten vor Ort. Das Aida-Flüchtlingslager nördlich von Bethlehem zählt zu jenen Lagern, die infolge des Unabhängigkeitskriegs von 1948 und der Gründung des Staates Israel eingerichtet wurden. Sie entstanden für rund 750.000 Palästinenser, die im Zusammenhang der Kriegshandlungen fliehen mussten oder vertrieben wurden.
Da der Flüchtlingsstatus innerhalb der betroffenen Familien über Generationen hinweg weitergegeben wird, bestehen diese Lager bis heute als dauerhafte Siedlungsstrukturen fort. Die Existenz der Lager wird nicht zuletzt deswegen aufrechterhalten, weil die Palästinensische Autonomiebehörde deren Einwohner lieber als politische Verschiebemasse für ein angemaßtes »Rückkehrrecht« instrumentalisiert, als sie in die Gesellschaft des Westjordanlands zu integrieren. Die Versorgung der Lager obliegt dabei dem Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge (UNRWA), das vor Ort die Bildungs-, Gesundheits- und Sozialeinrichtungen betreibt.
Inmitten dieser durch das UN-Mandat zementierten Enge wurde das Trainingsgelände der Aida Football Academy errichtet, das Jugendlichen als kleiner Rückzugsort dient. Geografisch liegt der Platz in einer höchst sensiblen Zone unmittelbar an der israelischen Sperranlage und in direkter Sichtweite militärstrategischer Punkte. Da die Anlage jedoch ohne die im Rahmen der Oslo-Verträge notwendigen Genehmigungen der israelischen Zivilverwaltung (COGAT) in der Zone C erbaut wurde, steht sie nun im Zentrum eines rechtmäßigen Rückbauverfahrens. Besagte Zone C umfasst jene Gebiete des Westjordanlands, die gemäß den Oslo-Verträgen unter israelischer Sicherheits- und Zivilverwaltung stehen.
Wer also seinen Blick vom emotionalen Weichzeichner auf die harten Fakten lenkt, erkennt schnell, dass es hier nicht um Sport geht. Es handelt sich vielmehr um eine Provokation mit einem subtilen, aber unmissverständlichen propagandistischen Unterton. Ziel ist es, eine politische Botschaft kindgerecht zu verpacken und so jede rationale Debatte über Baurecht und Sicherheitsvorgaben im Keim zu ersticken.
Ein kleiner Bolzplatz in Bethlehem als Brennglas der internationalen Diplomatie – und schon werden mächtige Vermittler eingeschaltet, wie Sophie von der Tann geradezu genüsslich vor der Kamera ausführt: Die Schweizer Eidgenossenschaft, die sich gerne als neutrale Vermittlerin präsentiert, wurde zum logistischen Zentrum eines massiven diplomatischen Angriffs.
Der Mechanismus war ebenso simpel wie effektiv: Steuerstatus als Druckmittel. Da sowohl die FIFA (Zürich) als auch die UEFA (Nyon) ihren Sitz in der Schweiz haben, genießen jene Verbände ebendort massive steuerliche Privilegien. Politische Kreise in der Schweiz sowie NGOs drohten damit, diesen Status der Steuerbefreiung für die UEFA ins Visier zu nehmen. Der Vorwurf war, die Kooperation mit dem israelischen Fußballverband (IFA) mache den europäischen Verband mitschuldig an Völkerrechtsverletzungen. Als Resultat gab die UEFA den Druck an Israel weiter und intervenierte zugunsten des Fußballplatzes in Bethlehem, sodass die Abrissanordnung erst einmal gestoppt wurde.
Die Fakten in Zone C
Hinter der medialen und diplomatischen Aufregung steht eine nüchterne Realität: Die israelischen Behörden agieren in der strategisch sensiblen Zone C aus Sicherheitsbedürfnissen, die selbst in der ARD-Reportage von Sophie von der Tann kurz erwähnt wurden. Was der Berichterstattung jedoch mangelte, war eine Erläuterung der juristischen Basis, die durchaus für Israel spricht.
Fakt ist, dass Israel den Rückbau der Sportstätte weder aus Willkür noch wegen religiöser Verheißungen fordert, sondern wegen fehlender Baugenehmigungen. Im Westjordanland ist die Rechtslage durch die Oslo-Verträge und das Völkerrecht eindeutig geregelt. Gemäß der Haager Landkriegsordnung ist Jerusalem verpflichtet, das bestehende lokale Recht anzuwenden, was das osmanische Bodengesetz von 1858 einschließt, demgemäß Land, das drei Jahre lang weder bebaut noch bewirtschaftet wird, an den Staat zurückfällt, was bei dem infrage stehenden Gelände der Fall ist. Rechtlich gesehen handelt es sich bei dem Fußballplatz also um eine Form der Besetzung (»Squatting«) von Staatsland.
Es geht bei dem Fall nicht also um israelischen Raub von palästinensischem Privatbesitz, sondern um die nicht genehmigte Nutzung von öffentlichem Grund, der nie in privatem Eigentum stand. Wenn israelische Siedler versuchen, auf privatem palästinensischem Land zu bauen, schreitet das System konsequent ein. Die Räumung der Siedlung Amona, die 2017 vom Obersten Gerichtshof aufgrund privater Besitzurkunden angeordnet wurde, ist einer der Beweise für eine unparteiische Rechtsstaatlichkeit.
Was Außenstehende als willkürliche Enteignung wahrnehmen, ist juristisch die ordnungsgemäße Verwaltung von Staatsland. Die internationale Empörung ignoriert dabei oft den entscheidenden Unterschied zum Privatbesitz: Viele Familien nutzen Land zwar seit Generationen, verfügen jedoch über keine formalen Urkunden, da die Registrierung unter osmanischer oder jordanischer Herrschaft oft vernachlässigt wurde. Dass die Leitmedien über diese rechtshistorischen Aspekte selten aufklären, spielt den Verfassern narrativer Zerrbilder in die Hände. Wo Fakten durch Auslassungen ersetzt werden, entstehen gefährliche Leerstellen, denen dann antiisraelische und oft genug antisemitisch motivierte Legenden auf dem Fuß folgen.
Zweifellos haben palästinensische Kinder im Westjordanland ein erfülltes Leben verdient. Doch das Spiel, das hier auf ihrem Rücken ausgetragen wird, bleibt hochgradig dubios. Die progressive Presse klopft sich nun gegenseitig auf die Schultern, schließlich gebe es nach dem aufgebauten Druck auf Israel eine vorläufige Aussetzung des Abrisses. Sophie von der Tann findet es in ihrem Instagramvideo »total interessant«, dass sich etwas bewegt habe, weil, wie sie abschließend ausdrücklich schwärmt, »Bilder von Kindern auf dem Fußballplatz direkt an der Mauer einfach für viel mehr Aufmerksamkeit sorgen«.
Während also der Streit um einen Fußballplatz in Bethlehem zur besten Sendezeit in deutsche Wohnzimmer übertragen wird, kann sich der Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde vor kritischen Fragen sicher fühlen. Mahmoud Abbas geht – um im Bild zu bleiben – in die Verlängerung. Er mauert und zementiert seine Machtansprüche: Mittlerweile befindet er sich im einundzwanzigsten Jahr seiner vierjährigen Amtszeit. Während er dreizehn Millionen Dollar in einen Marmorpalast und jährlich rund zweihundert Millionen Dollar in das terroristische Pay for Slay-System der Märtyrerrenten investiert, gibt es für die Kinder unter der Ägide seiner Autonomiebehörde keine Aufstiegschancen.
P.S.: Nachdem sie vor Kurzem den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für Fernsehjournalismus verliehen bekam, ist Sophie von der Tann nun auch für den Grimme-Preise nominiert. Israelkritik zahlt sich eben aus in Deutschland.






