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»Für ein sozialistisches Palästina!« Berliner Linke beim Reenactment der 1920er Jahre

Initfada bis zum Sozialismus: Berliner Linksjugend marschiert gegen Israel
Initfada bis zum Sozialismus: Berliner Linksjugend marschiert gegen Israel (© Imago Images / NurPhoto)

Wenn Berliner »Antiimperialisten« in Stalins Fußstapfen treten und den von ihnen zur »Befreiung« auserkorenen »unterdrückten Völkern« vorschreiben, was diese zu tun hätten.

Manche Menschen schwelgen in alten Zeiten. Sie tun in ihrer Freizeit so, als würden sie nicht in unserer Epoche leben, sondern in einer längst vergangenen. Sie ziehen alte Kostüme an oder stellen sogar Schlachten des 19. Jahrhunderts oder des Mittelalters möglichst authentisch nach. Für Letzteres gibt es einen Begriff: Reenactment. In der sogenannten Gruftie- oder Gothic-Szene wiederum gibt es eine Identifikation mit einem idealisierten und romantisierten Bild des 19. Jahrhunderts – man schmückt sich mit Samtkleidern und Spitzen und trägt gern altmodisch aussehende Stiefel.

Die Mitglieder des Berliner Jugendverbands der Linkspartei, Linksjugend solid, sind die Grufties des Politbetriebs: Sie sprechen eine altertümelnde Sprache, die wie jene des späten 19. oder frühen 20. Jahrhunderts klingen soll. Ihre Parolen lassen sie am authentischsten in Frakturschrift drucken, und wenn man sie hört, sieht man vor dem geistigen Auge überlebensgroße Stalin-Porträts.

»Der Zionismus«, heißt es etwa in ihrem Beschluss der 31. Landesvollversammlung vom 10. April 2022, sei »schon immer eine nationalistisch-bürgerliche Ideologie gewesen«, weshalb »der chauvinistische Charakter schon in der Gründung des Staates Israel angelegt« gewesen sei. Ein »zionistischer Staat« könne »grundsätzlich nur einen reaktionären Charakter haben«.

»Fortschrittlicher Kampf gegen Antisemitismus« könne »nicht über die Errichtung eines jüdischen Staates, sondern nur durch den Kampf für den Sozialismus erfolgen«. Weil die Einführung eines dysfunktionalen Wirtschaftssystems Juden ja bekanntlich am besten davor schützt, von denen ermordet zu werden, die sie tot sehen wollen. Im Stil von Sowjetkommissaren verkündeten die Solid-Mitglieder, sie hätten soeben die »Ein-Staaten-Lösung auf dem Gebiet des historischen Palästinas« beschlossen, und wenn sie zu einem Kostümumzug auf die Straße gehen, tragen sie Schilder mit Parolen wie:

»Für ein freies, säkulares, sozialistisches Palästina!«

Ein Reenactment der 1920er Jahre. Es waren derartige Parolen von – ein paar wenigen – jüdisch-palästinensischen Kommunisten, die 1921 Araber im britischen Mandatsgebiet Palästina so sehr erzürnten, dass sie in Jaffa ein Pogrom verübten.

Pogrom von 1921: Kein sowjetisches Palästina

Zumindest stellte die zur Aufklärung des Pogroms eingesetzte Untersuchungskommission unter Leitung von Sir Thomas Haycraft einen solchen Zusammenhang her: Aus Europa kommende Kommunisten hätten mit ihren Parolen von Revolution, Bürgerkrieg und einem »sozialistischen Palästina« die arabische Bevölkerung beunruhigt und so die Saat für den Konflikt gesät.

In der arabischen Bevölkerung Jaffas, heißt es in dem Bericht, gebe es »Bootsleute, Lastenträger, Handwerker und Arbeiter. Aber bei den Moslems gibt es kein Klassenbewusstsein wie in einem europäischen Proletariat, das die Bande von Ethnie und Religion durchbricht. Es gibt keine Klassen im europäischen Sinne.«

Dafür aber gab es eine Partei des Klassenkampfes, die von Juden gegründete Sozialistische Arbeiterpartei im Mandatsgebiet Palästina (M.P.S.), die sich an Russland und den Bolschewisten orientierte. Die Juden Palästinas ergänzten bei dem Parteikürzel, wie man es im Hebräischen macht, den nicht geschriebenen Vokal und nannten die Partei »Mops«.

Auf ihrem Höhepunkt im Jahr 1920 hatte die M.P.S. etwa 300 fast ausschließlich jüdische Mitglieder in Palästina. Am 7. November 1920 war die M.P.S. mutig genug geworden, Jaffa und Tel Aviv mit vor Ort angefertigten Plakaten zu überziehen, auf denen sie die Arbeiter Palästinas aufriefen, an der sozialen Revolution teilzunehmen, sich »vom britischen Bajonett loszusagen« und den 7. November, den Jahrestag der Errichtung der Sowjetherrschaft in Russland, durch einen halbtägigen Streik zu würdigen. Der Agitationstext endete mit der Parole:

»Lang lebe das sozialistische Palästina!»

Das also waren die geistigen Ahnen der Linksjugend Solid. Der Streikaufruf wurde nicht gehört, und so drangen die Kommunisten in eine Möbelfabrik ein, entfachten einen Streit und zerstörten die Maschinen. Es war vergebliche Mühe, denn bei den jüdischen Arbeitern stießen sie auf Ablehnung. Wenn die jüdischen Arbeiter nicht zuhören, gehen wir halt zu den arabischen, dachten sich die Mops-Aktivisten und ließen sich aus ihrem Hauptquartier in Wien Texte in arabischer Sprache schicken, die sie am 1. Mai 1921 in Jaffa verteilten und folgende Slogans enthielten:

Nieder mit den britischen und französischen Bajonetten!
Nieder mit den arabischen und ausländischen Kapitalisten!
Lang lebe die dritte kommunistische Internationale!
Lang lebe die sozialistische Weltrevolution!
Lang lebe die Diktatur des Proletariats!
Lang lebe das sowjetische Palästina!

Bis dahin hatten die jüdischen Einwanderer meist für sich gelebt und mit der arabischen Bevölkerung wenig zu tun gehabt; die eingewanderten jüdischen Kommunisten waren die ersten, die auf die Idee kamen, die arabische Bevölkerung aufzuwiegeln.

Die Parolen von Revolution und einem »sowjetischen Palästina« kamen freilich nicht gut an. Die kommunistische Agitation trug laut dem Haycraft-Bericht mit dazu bei, dass die arabische Bevölkerung Palästinas »alarmiert« war. Schüsse, die britische Polizisten am 1. Mai in Tel Aviv abfeuerten, um die Konfrontation zwischen Anhängern der (verbotenen) M.P.S.-Demonstration und der (erlaubten) Gewerkschaftsdemonstration zu beenden, wurden von den Arabern Jaffas gehört und unter dem Eindruck der kommunistischen Propaganda als jüdischer Angriff gewertet. Ein mehrtägiges Pogrom gegen Juden war die Folge.

Pogrom von 1929: Erhebung des arabischen Proletariats

Die Parolen vom »sozialistischen Palästina« hatten die – möglicherweise schon vorher bestehenden – antijüdischen Ressentiments in der arabischen Bevölkerung Jaffas jedenfalls nicht besänftigt. Im Gegenteil. Doch Kommunisten lassen sich durch Erfahrung nicht beirren. Ende der 1920er Jahre wurde die (1923 gegründete) Kommunistische Partei Palästinas, die ebenfalls zum allergrößten Teil aus Juden bestand, von Stalins Kommunistischer Internationalen (Komintern) aufgefordert, eine Politik zu betreiben, die den Antisemitismus in der arabischen Bevölkerung ignorierte und sicherlich ganz im Sinne der Linksjugend Solid gewesen wäre.

Leopold Trepper (1904­–1982), damals Mitglied der Kommunistischen Partei Palästinas, erinnerte sich in seinen Memoiren:

»Und dann setzten 1929 antijüdische Hetzkampagnen und Verfolgungen ein, in deren Verlauf sogar gelyncht wurde. Diese Ausschreitungen waren der Anlass zu einem dramatischen Missverständnis zwischen der Kommunistischen Partei Palästinas und der Komintern. Für die Komintern – daran besteht wohl kein Zweifel – galten diese Pogrome als der Beginn einer Erhebung des arabischen Proletariats – einer Erhebung, die es um jeden Preis auszunutzen galt.

Die Kommunistische Partei Palästinas erhielt Anweisung, die anti-imperialistische Revolte in den arabischen Dörfern anzuheizen. Mit der Begründung, dass es der Kommunistischen Partei Palästina bislang nicht gelungen sei, in der breiten Masse der einheimischen Bevölkerung Fuß zu fassen, gab die Komintern die Parole von der ›Arabisierung und Bolschewisierung‹ aus – als wenn es genügt hätte, in den verantwortlichen Organen einfach Juden durch Araber zu ersetzen, um automatisch stärkeren Zulauf von den Moslems zu haben!«

Unter den palästinensischen Kommunisten sei diese Auffassung auf »heftige Opposition« gestoßen und als »abenteuerlich« bezeichnet worden, so Trepper. So habe er selbst es auch gesehen, schreibt er. Die Politik forderte bald ein Todesopfer:

»Beim Versuch, die Weisungen von oben buchstabengetreu zu befolgen, wurde einer unserer Genossen in der Nähe von Haifa gelyncht.«

Zudem hätten »umfangreiche Vorkehrungen« getroffen werden müssen, »um den Tschechen Smeral, einen Delegierten der Komintern, der in der Umgebung von Jerusalem untergetaucht war, vor Repressalien von arabischer Seite zu schützen«. Diese »absurde Politik«, so Trepper, »hatte zur Folge, dass die kommunistische Partei auch bei den jüdischen Arbeitern ihren Einfluss einbüßte«.

Hundert Jahre später: Zurück zum Anfang

Seither sind fast hundert Jahre vergangen. Und nun treten Leute wie die Linksjugend Solid in Berlin in Stalins Fußstapfen und schlagen vor: Lasst uns doch das, was vor hundert Jahren auf blutige Weise gescheitert ist, einfach noch einmal probieren!

Ein »freies, säkulares, sozialistisches Palästina« wird sicherlich bei den Arabern auf freudige Zustimmung stoßen, alle bestehenden Unstimmigkeiten ausräumen und alle Konflikte beenden – wenn diese »reaktionären« Juden erst einmal ihren Widerstand dagegen aufgegeben haben. Und die Araber? Die werden sicherheitshalber erst gar nicht nach ihrer Meinung gefragt, heute ebenso wenig wie damals.

Jene, die sich »Antiimperialisten« nennen, sind nämlich die größten Imperialisten überhaupt: Von ihnen zur »Befreiung« auserkorene »unterdrückte Völker« haben gefälligst zu tun, was ihnen »Befreier« wie die M.P.S. oder die Linksjugend Solidim wahrsten Sinne des Wortes vorschreiben. Und wenn es dann zu einem Reenactment der Pogrome von 1921 und 1929 kommt? Dann ist daran eben die »reaktionäre, bürgerliche Ideologie« des Zionismus schuld.

Literatur:

Sir Thomas Haycraft: Palestine. Disturbances in May, 1921, Reports of the Commission of Inquiry with correspondence relating thereto, London 1921. (PDF)

Leopold Trepper: Die Wahrheit. Autobiographie, München 1975.

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