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»Früher konnte man frei zur Synagoge gehen, heute stehen dort Poller«

Sacha Stawski im Gespräch mit Mena-Watch: »Früher konnte man frei zur Synagoge gehen, heute stehen dort Poller«
Sacha Stawski im Gespräch mit Mena-Watch: »Früher konnte man frei zur Synagoge gehen, heute stehen dort Poller« (©privat)

Innerhalb weniger Tage wurden mehrere Synagogen und jüdische Einrichtungen in Europa und den USA angegriffen. Wie reagieren jüdische Gemeinden in Deutschland darauf? Sacha Stawski, Mitglied der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main, bewertet im Gespräch mit Elisa Mercier die Angriffe und erklärt, was nötig ist, um jüdisches Leben besser zu schützen.

Elisa Mercier (EM): Wie erleben Sie die Angriffe der letzten Tage und sehen Sie in ihnen eine neue Qualität antisemitischer Gewalt?

Sacha Stawski (SS): Es war vorhersehbar, dass es zu weiteren Angriffen kommen würde. Seit Jahren wissen wir, dass in Europa Netzwerke und Unterstützerstrukturen von Hamas, Hisbollah und anderen extremistischen Organisationen längst fest etabliert sind. Der deutsche Verfassungsschutz geht von mehreren hundert Hamas-Anhängern sowie über tausend Anhängern der Hisbollah in Deutschland aus.

Hinzu kommen Strukturen aus dem Umfeld der PFLP (Popular Front for the Liberation of Palestine), einer von der EU als Terrororganisation eingestuften Gruppe. Dazu zählen Netzwerke wie Samidoun, Masar Badil und weitere Organisationen, die unter unterschiedlichen Namen auftreten und seit dem 7. Oktober 2023 eine zentrale Rolle bei der Mobilisierung antiisraelischer Demonstrationen in Europa spielen.

Auch die Organisation Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost tritt bei vielen dieser Demonstrationen als Anmelder oder Mitorganisator auf. Sie präsentiert sich als jüdische Stimme, repräsentiert jedoch nur eine winzig kleine, politisch extreme Minderheit und verbreitet Narrative, die Israel dämonisieren, mit Doppelstandards arbeiten und seine Existenz delegitimieren. Damit trägt auch sie zu dem Klima bei, das wir seit dem 7. Oktober 2023 auf diesen Demonstrationen beobachten.

Wenn wir dort Hass, Hetze und offene Aggression gegen Israel und Juden erleben und aggressive Sympathisanten all dieser Gruppen auftreten, entsteht ein Klima der Enthemmung. Dass dieser Hass dann auch in konkrete Gewalt umschlägt und jüdische Einrichtungen ins Visier geraten, überrascht nicht.

EM: Sehen Sie Hinweise darauf, dass diese Anschläge miteinander verbunden sind und eine Folge des aktuellen Kriegs im Nahen und Mittleren Osten sein könnten?

SS: Ob tatsächlich Schläferstrukturen aktiviert wurden, kann ich nicht sagen. Klar ist jedoch, dass Hamas, Hisbollah und die iranische Revolutionsgarde immer wieder offen dazu aufrufen, Juden weltweit anzugreifen. Auch proisraelische oder proamerikanische Ziele sowie Menschen, die mit Israel oder den USA zusammenarbeiten, gelten in dieser Ideologie als legitime Angriffsziele.

Das erklärt auch, warum das iranische Regime derzeit so aggressiv agiert und längst mehrere Staaten in der Region direkt angegriffen oder bedroht hat. Der Konflikt hat sich inzwischen auf mehr als ein Dutzend Länder ausgeweitet. Gleichzeitig besteht die Hoffnung, dass diese Eskalation langfristig auch zu einer positiven Entwicklung führen könnte. Viele Beobachter sehen im aktuellen Krieg gegen das iranische Regime einen möglichen historischen Wendepunkt.

Der Iran hat über Jahrzehnte ein weit verzweigtes Netzwerk aus Terrororganisationen und Stellvertretergruppen aufgebaut – vom Libanon über den Irak bis in den Jemen –, das die Stabilität der gesamten Region systematisch untergräbt. Der jetzige Krieg könnte diese Strukturen dauerhaft schwächen. Gleichzeitig haben die Angriffe des Regimes viele Staaten enger zusammengeschweißt, die ihre Sicherheitsinteressen nun stärker gemeinsam verteidigen. Dieser strategische Fehler des Irans könnte langfristig dazu beitragen, die Macht der Islamischen Republik zurückzudrängen und neue Perspektiven für Stabilität und Sicherheit zu eröffnen – möglicherweise auch mit positiven Auswirkungen auf die Sicherheit jüdischen Lebens weltweit.

Bedrohungslage

EM: Wie haben die jüngsten Angriffe auf Synagogen und jüdische Einrichtungen Ihre Gemeinde in Frankfurt getroffen?

SS: Ich habe in Frankfurt seit meiner Kindheit erlebt, wie sehr sich das Leben für Juden verändert hat. Früher konnte man frei zur Synagoge gehen, heute gibt es Poller, Betonklötze und eine massive Sicherheitsarchitektur rund um jüdische Einrichtungen. Das schließt auch permanente Polizeipräsenz ein und seit etwa einem Jahr zusätzliche dauerhafte Kameraüberwachung der Straßen rund um die Synagoge. So sieht heute jüdisches Leben mitten in Deutschland aus.

Trotzdem kam es immer wieder zu Übergriffen. Wird sich die Gemeinde deshalb verstecken? Nein. Bei Gedenkveranstaltungen oder beim Israeltag in der Innenstadt sind Mitglieder präsent, allerdings unter massivem Polizeischutz. Ein offenes Tragen von Davidsternen ist heute oft kaum möglich. Bei Veranstaltungen rufe ich regelmäßig dazu auf, vorsichtig zu sein, nicht alleine zu gehen und aufeinander aufzupassen.

Das ist leider die Realität, mit der Juden heute in Deutschland leben müssen. Wir erleben eine Mischung aus realistischer Gefahreneinschätzung und dem Wunsch, sichtbar zu bleiben und sich nicht zu verstecken. Es gibt deutschlandweit Initiativen wie die Iron Domes, bei denen sich Menschen demonstrativ vor Synagogen stellen, um Solidarität zu zeigen. Das sind wichtige Zeichen. Dennoch bleibt die Bedrohung für jüdische und israelische Einrichtungen leider real.

EM: Viele jüdische Gemeinden warnen seit Jahren vor wachsendem Antisemitismus. Unterschätzen Politik und Sicherheitsbehörden die Gefahren für jüdisches Leben?

SS: Die Situation ist lokal unterschiedlich. In Frankfurt arbeitet die jüdische Gemeinde sehr eng mit der Polizei zusammen und die Behörden nehmen die Bedrohungslage ernst. Trotzdem kommt es immer wieder zu Schmierereien und Übergriffen in Frankfurt und der Region. Ich erinnere zum Beispiel an den Angriff auf den Frankfurter Chabad-Rabbiner Zalman Gurevitch oder an den Brandanschlag auf die Synagoge in Gießen. Es ist also nicht überall und jederzeit Schutz gewährleistet. Für den Staat ist es eine enorme Aufgabe, jüdisches Leben dauerhaft zu schützen.

Angesichts der hier aktiven extremistischen Netzwerke und möglicher radikalisierter Täter muss dieser Schutz jedoch gewährleistet werden. Gleichzeitig muss auch kontrolliert werden, wer ins Land kommt. Das bedeutet aber nicht, dass Antisemitismus ausschließlich importiert wäre. Die Bedrohung kommt ebenso von links, von rechts und aus der gesellschaftlichen Mitte.

Deutschland hat mit der Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) eine klare Definition von Antisemitismus übernommen. Entscheidend ist jedoch nicht die Existenz dieser Definition, sondern ihre praktische und rechtliche Anwendung. Solange diese Definition nicht verbindlich in Gesetzgebung und Rechtsprechung verankert ist, bleibt sie weitgehend wirkungslos. Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichte brauchen eine klare Grundlage, um antisemitische Aussagen und Handlungen eindeutig einzuordnen und konsequent zu ahnden. Nur so entsteht ein wirksames Instrument, um offen gelebten Antisemitismus, Hass und Drohungen gegen Juden und Israel konsequent zu bekämpfen.

EM: Hätte man auf der Basis der IHRA-Definition die Al-Quds-Demonstration verhindern können, die am 14. März in Frankfurt stattgefunden hat?

SS: Kürzlich habe ich ein Video von der Al-Quds-Demonstration in Frankfurt gesehen, bei der Parolen wie »Khaybar Khaybar ya Yahud« gerufen wurden. Das ist keine politische Kritik, sondern ein historischer Schlachtruf, der offen zur Gewalt gegen Juden aufruft. Solche Aussagen sind nach der IHRA-Definition eindeutig als antisemitisch einzuordnen. Genau hier müsste die Definition praktisch angewandt und mit klaren gesetzlichen Konsequenzen verknüpft werden – bis hin zu der Frage, ob Veranstaltungen, auf denen solche Parolen zu erwarten sind, überhaupt genehmigt werden dürfen.

Unsere Gegner machen keinen Unterschied zwischen Israel und jüdischem Leben hier. Demonstrationen werden oft mit dem Hinweis auf Meinungsfreiheit erlaubt. Doch Meinungsfreiheit endet dort, wo Antisemitismus beginnt. Israel darf kritisiert werden. Wenn Demonstrationen jedoch Hass und Gewalt fördern, muss der Staat eingreifen. Nur ein konsequentes Zusammenspiel von Gesetzgebung, Polizei und Justiz kann solche Gewalt langfristig eindämmen.

Sacha Stawski ist Gründer und Vorsitzender des Vereins Honestly Concerned sowie Vorsitzender von ILI – I Like Israel.

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